Der verschlossene Himmel

Christa Wolf: Der geteilte Himmel (Bühnenfassung: Armin Petras), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Nein, der geneigte Theaterbesucher ist nicht versehentlich auf der Fashion Week gelandet, die in diesen Tagen eröffnet wird – auch wenn der in die Mitte des Saals gelegte Laufsteg (und vielleicht auch die Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters wie seines Vorgängers bei der Premiere) dies nahe zu legen scheinen. Armin Petras hat sich viel mehr an einer Dramatisierung von Christa Wolfs 1963 erschienen Roman Der geteilte Himmel versucht, ein Werk, das in seiner fast trotzigen Utopieverteidigung und der Protagonistin, die sich zu Lasten der Liebe für ihre politische Überzeugung entscheidet, heute so fremd erscheint, herübergeweht aus einer vermeintlich so fernen Zeit. Petras, als Kind in die DDR gekommen und 1988 nicht ganz freiwillig gegangen, weiß das und versucht, seine Geschichte im Heute zu verankern. Zu Beginn sitzen sich Rita, die Gebliebene, und Manfred, der Gegangene, gegenüber, getrennt durch den Laufsteg, der auch die Zuschauer trennt und natürlich für die Mauer steht. Am Ende werden sie in einem durchweg misslungenen Epilog champagnerselig der Einheit beiwohnen und die einstigen ideologischen Grabenkämpfe albern verhackstückt und doch mit beinahe heiligem Ernst wiederkäuen, wobei Petras vor allem Manfred zum lächerlichen Würstchen ohne Rückgrat degradiert. Nein, die einstige Weltenkollision ins Heute zu holen, zündet nicht, wohl auch, weil sie aufgesetzt wirkt, der Wille, Heutigkeit zu behaupten, die Szenen zu hohlem Selbstzweck reduziert.

Foto: Dorothea Tuch

Foto: Dorothea Tuch

Ansonsten versucht Petras uns zurück zu leiten in eine Zeit, in der Utopien noch hoffähig, der Traum von einer neuen Gesellschaft, einer besseren Welt noch geträumt wurde. Und man doch stets auf dünnem Eis, symbolisiert von Glassteinchen, die nach dem Prolog aus Eimern, beschriftet mit westdeutschen Städtenamen, ausgeschüttet, die Bühne bedecken. Die Kälte, die der ja auch entsprechend benannte Krieg der Systeme hineinwehen ließ bis in die intimsten Bereiche des Lebens – er findet hier ein Bild, das leider so plakativ ist, wie jenes, in dem sich Manfred schmerzverzerrt am schönen Schein der glitzernden Oberfläche die Füße aufschneidet, während Rita dem stoisch widersteht. Anderes verpufft, wie Petras bemühte Versuche durch Videoprojektionen privates Glück und triste Wirklichkeit als unvereinbar aufeinander prallen zu lassen. Das soll Atmosphäre erzeugen, wie auch Wolfs Prosa eine der Zwischenräume ist, verkappte zwischen den Zeilen zu lesende Poesie. Und doch geht es geht im Redeschwall unter, nimmt Petras das Schwarze des Texts ernster als das Weiße, das doch viel größere Teile der Seite bedeckt.

Und so ergießt sich Ritas rede unendlich und in immer gleichem, pathetisch-naivem und betont hoffnungsvollem, zugleich jedoch ungewollt ein wenig rechthaberisch quengeligem Ton aus dem störrisch standhaften Gesicht Jule Böwes, während sich Tilman Strauß redlich müht, seinem verweichlichten – oder sollte man sagen: verwestlichten – Manfred ein wenig Substanz und Würde zu geben. Der wahre Gegenspieler ist nicht er, sondern Kay Bartholomäus Schulze, der als Arzt seine Patientin im Feldwebelton kommandiert und das Therapiegespräch zum Verhör mutieren lässt. Er ist in seiner Andeutung der dunklen Seite der Utopie das Gegengewicht zu den hehren Idealen der Hauptfigur. Ansonsten schüttet Petras reichlich platte Symbolik aus – die Rakete als Fortschrittsikone, die Suche nach der vollkommenen Farbe als Emblem des ins Unglück führenden Absolutheitsstrebens des Menschen, die Schildkröte als Tachometer menschlichen Fortschritts.

Petras‘ Inszenierung spielt mit Innen und Außen, verlegt die privaten Rückzüge in die Projektion, quasi als realitätsferne Träume, streut ein wenig Planübererfüllungsfarce samt Blaumann und Presslufthammer ein. Ein bisschen Metaebene, wenn Rita und Manfred im Bett ihre eigene Geschichte lesen, darf in der unausgegorene  Stilmixtur, die Petras zusammenwirft wie in einem schlecht geplanten chemischen Experiment (Manfred ist ja Chemiker) auch nicht fehlen. Ansonsten klammert sich der Abend an die immer gleichen Debatten über die Veränderbarkeit von Mensch und Gesellschaft, den Widerstreit zwischen Utopie und Resignation, Glaube an den Menschen und misanthropischen Zynismus. Nur bleibt dieser Streit akademisch und steril, findet Petras das Ambivalente, den Katalysator des Zweifels, der Wolfs Sprache ausmacht und dem Roman einen doppelten Boden verleiht, der das Gesagte sogleich in Frage stellt, nicht im endlos eintönigen Geschwätz, das er seinen Darstellern aufzwingt. Da darf Böwe noch so störrisch wie ein Kind aufstampfen, die ironische Distanz, die eine solche Geschichte heute bräuchte, gönnt Petras ihr nicht. Und so dümpelt der Abend vor sich hin als endlos lange Aneinanderreihung von Diskussionen, die uns so gar nichts zu sagen wissen. Dieser Himmel teilt sich nicht, er bleibt vollständig verschlossen.

 

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Ein Gedanke zu „Der verschlossene Himmel

  1. […] Trends auf deutschsprachigen Bühnen steht. Petras hat sich zuletzt an gleicher Stelle mit Der geteilte Himmel  der DDR der 1960er Jahre genähert, jetzt ist ihr Gegenpart jenseits der Grenze dran, die alte […]

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