Ewiger Fluss

Herbert Blomstedt dirigiert Bruckners achte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein wenig paradox wirkt es schon: Wie kann dieser sanfte, stets fein lächelnde, bescheidene, sich nie in den Mittelpunkt drängende Mann einer der bedeutendsten Dirigenten der Werke Anton Bruckners sein, jenes Komponisten, den man gemeinhin mit großen, bekannte musikalische Grenzen sprechenden, ins Universelle wie ins Metaphysische strebenden Weltentwürfen assoziiert, des Gottessuchers und musikalischen Überwältigers? Wie passt dazu ein beinahe zerbrechlich wirkender Mann, dessen Gestik stets ein wenig entschuldigend wirkt, so als wäre er die ehre, vor den besten Orchestern der Welt stehen zu dürfen kaum wert? Doch es ist eben gerade dieser vermeintliche Widerspruch, der den mittlerweile 86-jährigen Schweden zu einem der führenden Bruckner-Interpreten der Welt macht. Blomstedt überhöht den Komponisten nicht, er macht ihn zugänglich, weil der seine Essenz nicht außerhalb der Partitur sucht. Für Blomstedt ist Bruckner eben nicht weiter als Musik – nicht mehr, vor allem aber nicht weniger.

Herbert Blomstedt (Foto: Martin Lengemann)

Herbert Blomstedt (Foto: Martin Lengemann)

Welche Magie eine solche Zurücknahme des Titanischen, des Überweltlichen zu entfalten vermag, zeigt sich wohl nirgends besser als in Bruckner oft als monströs empfundenen, bald eineinhalbstündigen Achten. Das werk ist gerade einmal zehn Minuten länger als Beethovens Neunte, die eine oder andere Mahler-Symphonie übertrifft sie an Länge, und doch kann sie schier endlos wirken, manifestiert sich Richard Wagners „unendliche Melodie“ vielleicht nirgends sonst so sehr in der Geschichte der Symphonik. Die c-Moll-Symphonie hat kein Ziel, sie hat keinen Anfang und kein Ende im herkömmlichen Sinn, sie setzt einfach irgendwo ein und bricht am Ende der Partitur ab. Ein langer, unruhiger, mäandernder Fluss, den wir ein Stückchen des Weges befahren. Genau so lässt Blomstedt sie spielen und es ist eine reise, die so manches zu bieten hat, das sich am Wegesrand beobachten lässt. Die ultimativen Antworten auf die großen Fragen bietet sie nicht.

Der Fluss, den Blomstedt hier befährt, ist vielleicht kein geringerer als der des Lebens, unsicher, ständig auf der Suche nach Orientierung, sich seiner Irrelevanz im großen Ganzen bewusst. Und doch ist das in erster Linie Musik – Musik, die Assoziazionen auszulösen vermag, aber stets auch ganz für sich allein stehen kann. Schon im Kompfatz betont Blomstedt die an- und Abschwellbewegungen, öffnet den Raum weit in größtmöglicher Transparenz, lässt die Partitur in tausend Stimmen und Farben sprechen. Es ist ein Wechsel aus Aufbrausen und Innehalten – die großen Kraftentladungen, denen der Dirigent das Schneiden der Streicher und die schärfe der Blechbläser nicht verweigert, füllen den Raum ebenso wie die stillen Momente der Kontemplation. Das Scherzo wirkt unerbittlich in der treibenden Rhythmik und doch nicht lichtlos: Dem Trio erlaubt Blomstedt ein sanftes Fließen, die Flöten bringen pastorale Elemente zum Vorschein. So aufgewühlt und zuweilen dunkel der Satz ist, bleibt er stets lebendig – mit all der Ambivalenz, die dem innewohnt.

Die große Herausforderung der achten ist das nicht enden wollende adagio, 30 Minuten lang und doch oberflächlich betrachtet, weitgehend ereignislos. Blomstedt zieht den Zuhörer sofort hinein mit einem betörend weichen Streicherklang, weiten, den Blick schweifen lassenden melodischen Bögen und einer unerhört reichen Landschaft an Klangfarben, in der sich vor allem die hohen Streicher, die Hörner und die hohen Holzbläser auf Augenhöhe begegnen. Es ist ein meist ruhiger, nicht immer gerader Fluss, den Blomstedt in unzähligen Schattierungen funkeln lässt, den er fast unmerklich zum Anschwellen bringt bis zur strahlenden und durchaus feierlichen Apotheose und darüber hinaus – er erlaubt dem Satz einen überaus zarten Schluss -und der den Zuhörer stets hellwach bleiben lässt, so viel gibt es hier zu sehen, oder eben zu hören.

Das Finale ist dann trotz seiner Bewegtheit und zerklüfteten Struktur eine Fortsetzung des Adagios. Auch hier das Farbenspiel der Klänge, auch hier das Mit- und Nebeneinander gleichberechtigter Stimmen: Zu Beginn etwa gehen der treibende Rhythmus der Streicher und die Fanfarenmotivik der Blechbläser ein faszinierendes Spannungsverhältnis ein. Wie schon in den vorangegangenen Sätzen setzt Blomstedt Pausen als strukturierende Elemente ein, betont die Kontraste ebenso, wie er sie in ein großes Ganze überführt. Die Einheit des musikalischen Flusses entsteht aus der klaren Gegenüberstellung der oft disparaten Einzelemente. Hell und Dunkel, Leicht und Schwer finden sich oft gleichzeitig – ganz wunderbar etwa das Tipplen der Soloflöte über der vermeintlich abweisenden dichten Streicherdecke. Am ende dürfen die Blechbläser das Orchester feierlich kraftvoll zum – vorübergehenden – Ende der Reise führen, die natürlich nur ein Zwischenstopp sein kann. Denn die Musik kennt kein Ende. Und das, so lehrt uns jener freundliche Mann am Pult, ist auch mehr als gut so.

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