Raum nach oben

Das Konzerthausorchester Berlin spielt Brahms unter Leitung von Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Die Symphonien von Johannes Brahms erfreuen sich bei den führenden Berliner Orchestern derzeit großer Beliebtheit. Gleich zwei Klangkörper haben in dieser Spielzeit komplette Zyklen im Programm. Den Anfang machten die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, die im vergangenen Herbst Brahms‘ Symphonien denen seines Mentors und Bewunderers Robert Schumann gegenüberstellten. Iván Fischer und das Konzerthausorchester ziehen jetzt nach und haben im Dezember ihren Zyklus mit der 1. Symphonie begonnen. Herz- und Mittelstück ist jetzt ein Abend mit den Symphonien drei und vier. Vergleiche zu den Aufführungen der Philharmoniker verbieten sich, zu unterschiedlich sind die Charaktere und, das sollte man auch im Auge behalten, will man wirklich ehrlich sein, die Entwicklungsstände der Klangkörper. Fischer hat ein vergleichsweise junges Orchester vorgefunden, das er langsam zurück in die Spitzengruppe des Berliner Musiklebens zurückführt. Wie weit er bereits gekommen ist, ist auch an diesem Abend zu hören. In Sachen Klangkultur und Spieldisziplin hat das Konzerthausorchester bereits ein beeindruckendes Niveau erreicht.

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Der Orchesterklang ist durchgängig schlank, klar und plastisch, rhythmische Präsgnanz und dynamische Subtilität zeichnen das Spiel ebenso aus wie fein abgegrenzte Charaktere der Instrumentengruppen. Die hohen Streicher etwa klingen scharfkantig, bisweilen schneidend und sind stets von großer Klarheit, die Holzbläser hell und warm, durchgängig pflegt das Orchester einen sachlichen Stil, den Fischer immer wieder mit Wärme aufzuladen im Stande ist. In der Symphonie Nummer 3 ist das gut zu hören – allerdings eben auch, wo das Orchester noch raum nach oben hat. Der strenge Zugriff schnürt Brahms‘ Musik ein wenig die Luft ab, Vieles wirkt zu schwer, die Streicherdecke zu dicht, die Musik atmet nicht, der musikalische Raum gerät oft zu eng. Der intransparente Klanglässt kaum Licht hinein, das kontrolliert Spiel lässt keinen Blick ins Weite zu. Vor allem die Satzschlüsse lässt Fischer immer wieder mit feierlicher Schwere spielen, der langsame zweite Satz erstickt fast unter dem feierlich getragenen Grundton, der wie Blei auf ihm lastet, auch im dritten entsteht kaum melodischer Fluss, gerät er um einiges zu zäh. Das finale deutet an, dass dem Orchester mehr interpretatorischer Mut durchaus gut täte: Die dynamischen Kontraste sind stärker herausgearbeitet, was zu höherer Spannung und größeren eEnergieentladungen führt. Holzbläser und hörner übernehmen zunehmend die Führung und lassen mehr Luft und Licht ein.

Die e-Moll-Symphonie macht dann nach der Pause weiter, wo der Schlusssatz des F-Dur-Werks aufgehört hat. Das aus fallenden Terzen und steigenden Sexten bestehende Hauptthema ergießt sich fest, klar und fließend und baut sofort eine Spannung auf, die weiten Teilen der Dritten fremd war. Das Spiel bleibt kontrolliert, ecken und kanten werden immer noch ein wenig abgeschliffen und doch vertraut Fischer seinen Musikern stärker, lässt er sie die die unterschiedlichen Charaktere der Themen deutlich gegeneinander setzen, erlaubt er den kraftvolleren Abschnitten mehr Härte und den leiseren,lyrischeren mehr Wärme und Zartheit. So entwickelt er ein dramatisches musikalisches geschehen, das sich immer weiter steigert und von rhythmischer Prägnanz wie ein einem scharfen, unnachgiebigen Streicherklang geprägt ist.

Die weiteren Sätze gehören dann vor allem den Bläsern, allen voran den hohen Holzbläsern sowie den Hörnern. Das Andante bleibt getragen, gerät aber viel gesanglicher als sein Pendant in der früheren Symphonie. Der dynamische Raum und damit auch das Ausdrucksspektrum weiten sich spürbar, das enge Korsett wird gelockert. Die Streicher wagen auch mal ein verstärktes Vibrato und gewinnen deutlich an Flexibilität. Die energie steigt im dritten Satz, auch wenn der Klang noch immer ein wenig zuviel Masse hat, was die Lebendigkeit etwas einschränkt. Stark dagegen, wie die Solo-Klarinette zu Beginn des Finales sich aus dem massiven Bläsereinstieg herausschält und zunehmend lernt auf eigenen, sehr viel leichteren Füßen zu stehen. Der Satz schlägt mit seinem dramatischen Grundton den Bogen zum Kopfsatz – was der zyklischen Anlage des Werks sehr entgegenkommt – die Kontrrabässe hämmern, die Rhythmik ist hart und präzise, der Schluss dicht und konzentriert. Es ist, als würde man einem Orchester beim Wachsen zuhören, als erlebt man, wie es in zwei stunden an Selbstbewusstsein gewinnt. Aufregend ist das allemal.

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