Gedämpftes Licht

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin  unter Leitung von Sir Roger Norrington

Von Sascha Krieger

Nein, die große Geste ist Sir Roger Norrigtons Sache nicht. Das beginnt schon bei der Gestik des mittlerweile 80-Jährigen, der als einer der Protagonisten der so genannten historisch-informierten Aufführungspraxis gilt. Bei senem jüngsten Berliner Gastspiel im Sitzen dirigierend, setzt der Engländer auf sparsame, präzise, sehr klassische Bewegungen und ähnelt dabei eher einem Musiklehrer als einem Star-Dirigenten. Der Star ist bei ihm die Musik, die Partitur, die er liest, analysiert und in Töne verwandelt, so nah an dem, was der Komponist geschrieben hat wie möglich. Einem solchen Ansatz werfen manche gern vor, er gebäre kopflastige, akademische, blutleere Musik, der die Seele fehle. Norringtons Interpretation von Franz Schuberts „Unvollendeter“ mit dem DSO gelingt es tatsächlich kaum, dieses mittlerweile schon tausendmal widerlegte Vorurteil zu entkräften. Viel zu sehr leuchtet Norrington quasi mit der Taschenlampe auf Details, fokussiert auf die Präzision der einzelnen Komponenten, überbetont beispielsweise den wechsel von Crescendi und Decrescendi im ersten Thema und verliert dabei völlig das große Ganze aus dem Blick. Natürlich ist sein Blick von größter Detailschärfe geprägt, erhellt er so manche Einzelheit und hält das Werk als Ganzes in sehr gedämpftem Licht. Dazu passt auch, dass er die extreme scheut – seine Pianissimo berühren nie den Rand des Verschwindens, seine Fortissimo wirken nie überwältigend oder gar bedrohlich.

Und so fehlt seinem schubert gerade im Kopfsatz jegliche Spannung, hat die Aufführung eher den Charakter eines musiktheoretischen Vortrags als einer Lebendigmachung von Musik im Hier und Jetzt. Das gilt auch für das Andante, das erstaunlich schwer und behäbig daher kommt. Norrington sucht immer wieder den Anschluss an die musikalische Tradition, aus der Schubert schöpfte: Mal gemahnt die dunkle, opake Strenge an Bach, mal die düstere Opulenz an den späten Mozart, dass wir es hier mit einem der wichtigsten Vertreter der Romantik zu tun haben, ist hier jedoch kaum zu hören. Das ist kein Fließen, strebt die Musik nie ins Weite, sondern vergräbt sich in der fast klaustrophobischen Enge eines akademischen Kämmerleins. Natürlich gelingen Norrington und dem DSO vor allem in den lyrischen Passagen feine Detailzeichnungen, doch das Werk als Ganzes bleibt im Halbdunkel verborgen, der Zauber, den Schubert zu entfachen vermag und der nie ein nur heiterer, nur heller ist, bleibt weitgehend außen vor.

Benjamin Brittens Lachrymae, ein auf Arbeiten des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland zurückgehendes Werk für Viola und Steichorchester, gelingt da schon besser. Zunächst erweist sich Norrington als durchaus didaktisch denkender Komponist und lässt erst einmal das Dowland-Lied, dessen Thematik im Mittelpunkt von Brittens Werk steht, aufführen. Der Kontrast zwischen der kunstvollen Schlichtheit des Liedes und der vielschichtigen, oft auch dekonstruktivistischen Ambivalenz Brittens ist durchaus erhellend. Wichtiger ist jedoch Annemarie Moorcroft, Solo-Bratschistin des DSO, die hier die Solopartie übernimmt. Ihr Spiel ist klar, gesanglich und von einem melancholischen Grundton geprägt, der das 15-minütige Stück zusammenhält und es Norrington erlaubt, die brüchige Orchesterpartitur in all ihrer Fragilität und ihrem Streben ins Fragmentarische auszuloten. Dabei lässt er die musikalischen Einzelteile durchaus blockartig und mit einiger Festigkeit spielen, lässt jedoch immer wieder Pausen, erlaubt den DSO-Streichern eine subtile Leichtigkeit, welche die Rätselhaftigkeit dieser Musik betont. Auch dieses Stück könnte etwas mehr Spannung vertragen, in seiner fragilen Zartheit, seiner Wachheit für Brüche und Schweigen entfaltet es jedoch eine Wirkung, die über das trocken theoretische hinausgeht. Seine verletzliche Ambivalenz schafft etwas, das Norringtons Schubert-Imitation nie vermochte: Sie berührt.

Im Mittelpunkt des Abends steht jedoch Ralph Vaughan Williams‘ vierte Symphonie. Norrington steckt mit dem DSO inmitten eines Zyklus der Symphonien seines Landsmannes -mit der Vierten nähert er sich der Hälfte (Vaughan Williams hinterließ insgesamt neun). Die f-Moll-Symphonie gilt als seine härteste. Norrington näert sich ihr geradlinig und schnörkellos, mit einigem Zug, klarer Linie, schlankem Klag sowie detail- und kantenscharfem Spiel. Dynamik und Tempiwechsel stehen im Fokus, wobei auch die Härte stets kontrolliert bleibt. Das Moderate bleibt auch hier Norringtons Spielfeld. So braucht auch der Kopfsatz etwas Zeit, bis er Kraft und Spannung entwickelt, erst gegen Ende nimmt die Energie spürbar zu. Dabei fasst Norrington zusammen, erzeugt er einen einheitlichen Eindruck des Satzes und reduziert dessen innere Widersprüche hörbar. Im zweiten Satz übernehmen dann die Blechbläser die Führung, zunächst noch gebremst, ab dem dritten Satz dann deutlich dominierend. Der Ton wird schärfer, der Klang härter und rauer, die Konflikte größer. Dabei sind es gerade die lyrischen Passagen des zweiten Satzes, die – vor allem in der Soloflöte – den Raum öffnen, weil sie Brüche offen legen und die glatte Fassade des Eingangssatzes aufbrechen.

Auf diesem Fundament gelingt Norrington es dann in den Schlusssätzen, eine sich immer weiter steigernde Spannung aufzubauen, angetrieben von den Blächbläsern, die vor allem zu Beginn des dritten Satzes eine irritierende Vielstimmigkeit schaffen, die einen aufgewühlten Eindruck hinterlässt, anschließend Härte und Schärfe kontinuierlich erhöhen und im Schlusssatz zielgerichtet auf den ebenso kraftvollen wie sachlichen Schluss zustreben. Dazwischen gelingen dem DSO wunderbar retardierende, von den Streichern bestimmte Momente, in denen die zeit fast stehen bleibt und die im Spannungsverhältnis zum voraneilenden Grundmodus stehen. Das werk endet mit einem Punkt, keinem Ausrufezeichen. Letzteres hätte zum analytischen Ansatz des Dirigenten, dem an diesem Abend wahrlich nicht alles gelingt, auch nicht gepasst. Das Licht, das er auf das Werk seines Landsmannes scheint, brennt jedoch um einiges heller als zu Beginn des Abends.

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