Jott und die Welt

Ampitryon, nach Heinrich von Kleist, Molière, Plautus, Berliner Ensemble (Regie: Katharina Thalbach)

Von Sascha Krieger

Jupiter (Martin Seifert) ist ein schmollender und penetrant nölender ältlicher Aufreißer, Merkur (Raphael Dwinger) ein eitler und blindgelockter Schmierenkomödiant in Bettlaken-Toga, Sosias (Martin Schneider) ein bauernschlauer Tölpel mit Segelohren und Amphitryon (Guntbert Warns) ein ebenso cholerisches wie verwirrtes Heldenimitat mit dem Charme eines handelsüblichen Holzhammers. Dazwischen stolpert Anke Engelsmann grobschlächtig als libidogetränkte frustrierte Diener-Gattin über die mit allerlei Griechenland-Kitsch – darunter eine Säule und eine im Bühnenhintergrund aufgestellte Papp-Akropolis zugestellte Bühne (Komme Röhrbein) und Laura Tranig gibt die Alkmene als anmutig elegantes Luxuspüppchen. Nein, den feinen Pinsel hat Regisseurin Katharine Thalbach bei ihrer Mélange aus den Amphitryon-Bearbeitungen der Herren Kleist, Molière und Plautus in der Schatulle gelassen. Stattdessen hat sie tief in die Slapstick-Kiste gegriffen und inszeniert den Stoff um den Göttervater, der sich als Gatte verkleidet ins Bett der schönen Krieger-Gattin stiehlt und damit eine rekordverdächtige Identitätsverwirrungsorgie auslöst, als lustvolle grelle Farce. Wo Karin Henkel zuletzt noch auf hoch komische Weise die Identitätsauflösung des digitalen Individuums sezierte, findet bei Thalbach lediglich eine boulevardeske Verwechslungskomödie statt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Immerhin: Seine komischen Momente hat der Abend durchaus. Das finale Identitätsfragmentierungsduett der beiden Sosiase ist trefflicher Slapstick, auch so manche Louis-de-Funès-Anleihe punktgenau choreografiert und wirkungssicher – ihr komödiantisches Handwerk versteht Katharina Thalbach ebenso wie ihr exzellente Ensemble, aus dem vor allem Seifert als weinerlich lächerlicher Hanswurst-Gott und Warns als desorientierter Gockel herausstechen, aber auch Engelsmann, Schneider und Dinger sorgen für wohlverdiente Lacher (einzig Tranik bleibt auch aufgrund des eingeschränkt komischen Potenzials ihrer Rolle etwas blass). Aber lediglich Warns gelingt es kurzzeitig, eine andere, ernsthaftere Note einzubringen, die Verlorenheit eines seiner Identität, seines Selbsts, seiner Existenz beraubten Individuums spürbar zu machen. Ganz kurz nur scheint hier der Abgrund auf, an dem dieses Lustspiel vom gestohlenen Ich spielt. Was bleibt, so fragt die Geschichte des Amphitryon, so fragt sich der vor sich hin stammelnde, ratlos im Kreis laufende Feldherr, wenn die Gewissheit zu wissen, wer man ist, verschwindet? Für eine Antwort bleibt keine Zeit. Ein Schaf blökt und lässt alles, was für Sekunden zu schweben schien, zurück krachen auf die ungehobelten Bretter groben Humors.

Und so ergötzt sich der Abend an immer neuen Reimen auf „Alkmene“ – von denen „seelische Ödeme“ und „geistige Hygiene“ noch die originellsten sind, Kalauern der simpelsten Sorte (erstaunlich allein schon, wie lange man sich am Fast-Homophon Leda-Leder belustigen kann) und geistvollen Sentenzen der ganz subtilen Sorte. Wie dieser: „Wir sind alle Individuen!“, proklamiert Amphitryon, worauf Sosias erwidert: „Ich nicht!“ Da hat das Schenkelklopfen Mühe, das Geräusch der flachen, auf die Stirn klatschenden Hand zu übertönen. Ansonsten führt das verräterische Initial des Donnergotts – der natürlich auch kräftig donnern darf – auf dem Beutestück des Gatten zum Ausruf „Oh Jott, ein ‚J‘!“, dürfen ein paar Musiker meist griechische Weisen spielen, singt man Milva und Theodorakis und zwischendurch etwas Französisches und erfreut sich ganz köstlich an einem Humor, der so brachial ist wie harmlos. Dass die existenzielle Verunsicherung, von der zumindest in Kleists Version die Rede ist, nicht nur zum Lachen ist – geschenkt! Selten so ge-, Verzeihung, jelacht.

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