Auf der Suche

Die Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim und Lisa Batiashvili

Von Sascha Krieger

Aller Anfang, so sagt man, sei schwer. Vielleicht ist es so zu erklären, dass sich die Staatskapelle Berlin nach Weihnachts- und Jahreswechselfeierlichkeiten bei ihrer Rückkehr in den symphonischen Alltag zunächst ein wenig schwer tut. „Leidtragender“ ist das Violinkonzert Peter Tschaikowskis, was auch an der Solistin Lisa Batiashvili liegt. Eigentlich erstaunlich, schließlich zählt das Werk zu den Paradestücken in ihrem Repertoire. Und doch gelingt es ihr diesmal nicht so recht, ihre Mitte zu finden. Beginnt sie das Konzert mit fließendem Spiel, festem Strich und opulenten Klang, gestaltet sie spätere Passagen brüchig, fast fragmentarisch, wird ihr Spiel scharf und schroff, akzentuiert sie mal die Rhythmik, während sie in anderen Momenten aufs gesangliche setzt. Vor allem im zweiten Satz fehlt ihrem Spiel die Balance, der rote Faden. Ihr gelingen wunderbare Detailzeichnungen, entlockt sie ihrem Instrument doch herrlich sehnsüchtiges Singen, aber auch harte, zerklüftete Klanggebirge, und doch bleibt das alles Stückwerk.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

Da hilft es auch nicht, dass Solistin und Orchester lange nicht zusammenfinden. Dirigent Daniel Barenboim setzt auf einen kraftvollen, dichten, sehr kompakten Klang, der mühelos Energie freizusetzen versteht, in seiner Intransparenz zuweilen die Grenze zum allzu Schweren leicht überschreitet, in seiner Konsequenz jedoch zu überzeugen vermag. Allerdings kontrastiert die klare Linie Barenboims eben mit deren Fehlen bei Batiashvili – wo ihre Variabilität kein Ziel zu haben scheint, verweigert Barenboim seinem Orchester diese fast durchgängig. Besser kommen sie erst im Schlusssatz zusammen. Hier öffnet Barenboim plötzlich das Ausdrucksrepertoire, akzentuiert die Entschleunigungsmomente der Partitur, öffnet den Klang gerade in diesen Passagen und gibt dem fragmentarischen Spiel seiner Solistin endlich ein Fundament. Die schnellen Abschnitte gelingen dagegen kraftvoll treibend und auch hier finden Batiashvili und Barenboims Staatskapelle zunehmend eine gemeinsame Ebene. So endet das Konzert mit einer gar nicht so recht jubelnden, eher ernsten Kraftexplosion, die für so manche vorangegangene Sackgasse entschädigt.

Überzeugender dann die beiden Werke Claude Debussys nach der Pause. In Ibéria  versuchte der Franzose den „Geist Spaniens“ einzufangen, eines Landes, in dem er nur wenige Stunden seines Lebens verbracht hat. Volksweisen werden zitiert, Kastagnetten und anderen Perkussionsinstrumente bestimmen den Klang des Stücks. Debussy sucht das Rätselhafte, Mysteriöse und Barenboim fängt das kongenial ein. Der Klang seines Orchesters ist brüchig, erzeugt immer wieder offene Stellen, die Verarbeitung des Motivmaterials ist fragmentarisch, Barenboim stellt die Einzelteile nebeneinander, als baute er ein Mosaik. Der Fokus gilt dem Detail, nicht zuletzt im mittleren Abschnitt, dem er ein rätselhaftes Schweben entlockt. Hier bleibt vieles offen und soll es auch. Es ist eine Musik, die Fragen stellt, Neugier weckt, zum genaueren Hinschauen und eigenständigen Suchen auffordert. Auch im Schlusssatz, in dem Barenboim die Disparatheit der unterschiedlichen musikalischen Blöcke betont. Ist der klang hier auch massiver, bleibt das Nebeneinander musikalischer Bruchstücke, die der Hörer in Beziehung setzen muss.

Ähnlich ist auch der Ansatz bei La Mer, Debussys wohl beliebtestem und berühmtestem Werk. Schnell wird klar, dass die flirrende Leichtigkeit, das irisierende Glitzern Barenboims Sache nicht sind. Der Boden, auf dem sich das „Seestück“ entfaltet, ist fest, der Klang eher dicht und Kompakt als in tausend Farben schillernd. Stark wieder der Blick auf Details, eindrucksvoll die wahrhaft explosive Kraftentfaltung einer Natur, die in dieser Interpretation alles andere als harmlos erscheint. Statt musikalischem Pointillismus bietet Barenboim breite Pinselstriche und massive Farbblöcke. Subtil das Spiel der Wellen im zweiten Teil, wobei Barenboim immer wieder das Störende betont, etwa durch eine dezidierte schärfe im Streicherklang. Vollends dramatisch wird es dann im Schlussabschnitt, inszeniert der Dirigent das „Gespräch zwischen Wind und Meer“ als Kampf der Naturgewalten. Und so ist der Schluss hart, überwältigend und alles andere als versöhnlich. Was für das letztlich über weite Strecken doch überzeugende erste Konzert der Staatskapelle im Jahr 2015 nicht gilt.

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