Mit festem Blick

Das Gewandhausorchester Leipzig spielt Beethovens Neunte zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Es soll ja Menschen geben, für die ist der letzte auch der beste Tag des Jahres, andere wiederum können mit Silvester herzlich wenig anfangen. Die Gründe sind nicht selten die gleichen: Der Jahreswechsel ist vollgestopft mit Traditionen: vom immer gleichen Essen über Bleigießen und mehr oder weniger gute Vorsätze fürs Folgejahr bis zum Sekt um Mitternacht und das Verblasen von Millionen in den hell erleuchteten und benebelten Nachthimmel. Auch musikalisch gibt es so manchen Brauch, dem man sich kaum verschließen kann. So hat fast jedes Orchester, das etwas auf sich hält, ein Silvesterkonzert im Programm. Manche, etwa die Dresdner Staatskapelle, halten es mit der leichteren Muse, andere, etwa die Berliner Philharmoniker, mögen es tänzerisch und versuchen eine Balance aus fröhlichem und Nachdenklicherem, und für Dritte gibt es nur ein Werk, das zu Silvester erklingen darf: Ludwig van Beethovens neunte Symphonie. Begonnen hat diese Tradition, so sagt man, in Leipzig mit dem Dirigenten Arthur Nikisch, und auch wenn Orchester rund um die Welt es diesem jahrein jahraus gleichtun, versteht sich das „Große Concert zum Jahreswechsel“ des Gewandhausorchesters bis heute als das Original. Das ist auch unter dem derzeitigen Chefdirigenten Riccardo Chailly, der vor einigen Jahren einen zu Recht vielbeachteten Beethoven-Zyklus vorgelegt hat, so geblieben.

Das Leipziger Gewandhaus (Foto: Sascha Krieger)

Das Leipziger Gewandhaus (Foto: Sascha Krieger)

Chailly gehört zu jenen Dirigenten, die Beethovens lange als aberwitzig eingeschätzte und daher vernachlässigte Metronommarkierungen ernst nehmen und sich ihnen zumindest anzunähernd suchen – sicher auch ein Ergebnis von mehreren Jahrzehnten Aufklärungsarbeit von Vertretern der historisch-informierten Aufführungspraxis (dass Chailly im Frühjahr beim Dresdner Gastspiel von John Eliot Gardiner, einem der Protagonisten dieser „Bewegung“, im Publikum saß, war sicher kein Zufall). Auch diesmal verliert er keine Zeit: Keine Spur vom Werden der Musik aus dem Nichts, wie der Beginn der neunten mit seinem charakteristischen Quintenmotiv oft interpretiert wird. Schon der Anfang ist zielstrebig, der suchende, fragende Gestus, den Sir Simon Rattles Interpretation anlässlich des Mauerfall-Jubiläums im November auszeichnete, ist dem Italiener fremd. Stattdessen wirft er uns sogleich in medias res hinein in den ewigen Lebenskampf zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse, Triumph und Untergang. Seine Neunte ist ein musikalisches Drama, das sich in der symphonischen Form recht wohlfühlt, aber von Beginn an über sie hinausweist. Tiefenscharf, vergleichsweise dunkel und überaus dicht, bisweilen regelrecht hart und beinahe schroff, ist der Klang, den sein ausgezeichnet aufgelegtes Orchester entwickelt. Es ist eine explosive, fast bedrohliche Kraft, die zuweilen beinahe etwas abweisen wirkt, die Chailly entwickelt, eine aufgewühlte, stürmische See, die er zielstrebig und mit festem Blick durchfährt. Für Zwischentöne bleibt da wenig Platz, packend ist dieser Ansatz allemal.

Auch im zweiten Satz bleibt das so. Auch dieser hat jede Menge Zug, selbst das den Lauf des Satzes eigentlich verlangsamende Trio lässt der Maestro sehr schnell nehmen, nichts soll das dramatische rasen stören. Da ist er womöglich nicht ganz so nah bei Beethoven, konsequent ist das allemal, vor allem eben im Blick auf die vermeintliche Konfliktlösung im Schlusssatz gedacht. Kraftvoll und dramatisch kommt der Satz daher, auch wenn der erfahrende Neunte-Hörer so manche Feinheit im Detail vermissen mag. Doch das klare, dichte, schnörkellose Spiel der Leipziger duldet keinen Widerspruch. Nur der seltsam kraftlose Schluss, der klingt, als würde jemand mitten Im Satz verstummen, fällt aus dem Rahmen. Das tut dann auch der langsame dritte Satz, mit dem Chailly nichts Rechtes anzufangen weiß. Zäh, flächig und opak ist der Klang, dem jegliche Lebendigkeit fehlt. Dafür hat er Einiges an Schwere, geht die Klarheit streckenweise verloren und wirkt er durchgängig etwas blutleer. Das kraftvoll dichte Spiel der ersten beiden Sätze – es macht hier Platz für beiläufige Routine.

Im großen Finale ist Chailly dann wieder eher in seinem Element. Auch hier ist der Beginn sehr geradlinig, mit dem Spiel aus Zitaten der Themen früherer Sätze und deren Ablehnung durch die tiefen Streicher hält er sich nicht lange auf und strebt rasch zum Wesentlichen: den Einsatz des Freudenmotivs. Das Klangbild ist geschlossen und dunkel grundiert, wie schon im ersten Satz übernehmen die Pauken eine strukturierende Rolle. Der Grundton ist dramatisch mit Tendenz ins Feierliche, der Schlusschor soll überwältigen, aber nicht erschüttern, der Kampf, so sagt uns diese Musik, ist aufs Erste ausgefochten und entschieden. Wunderbar kraftvoll, variabel und harmonisch, zuweilen gar hart im Ausdruck die drei Chöre, neben dem warmen und klaren Bass von Thomas E. Bauer kann im exzellenten Solistenquartett (mit der Sopranistin Luba Orgonášová und die kurzfristig eingesprungene Mezzosopranistin Iris Vermillion) vor allem der lyrische, dunkel grundierte und mit ungeheuer warmem Ausdruck ausgestattete Stimme des jungen australischen Tenors Steve Davislim überzeugen. Auch wenn der Abgrund nicht gähnt, freudig jubilierend ist dieser Schlusssatz nicht, eher ernsthaft feierlich. Es ist und bleibt ein Ringen, ob der finale Triumph von Dauer sein kann, bleibt unentschieden. Konsequent ist diese Lesart zweifellos, packend über weite Strecken auch – und doch wünscht man sich im einen oder anderen Moment vielleicht doch einen kleinen Bruch, das Hinterfragen einer Gewissheit, die diesem auch oft missbrauchten Werk nie übermäßig gut getan hat.

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