Einladung zum Tanz

Silvesterkonzert 2014 der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und Menahem Pressler

Von Sascha Krieger

Zur Verabschiedung des alten und Begrüßung des neuen Jahres das Tanzbein zu schwingen, ist wohl eine der Traditionen, die fast überall auf der Welt gepflegt werden. Das gilt auch für die Berliner Philharmoniker, die im Rahmen ihres Silvesterkonzerts vor allem auf tänzerische Weisen setzen. Dabei geht der Blick seit einigen Jahren regelmäßig gen Osten: Antonín Dvořáks Slawische Tänze bilden das Grundgerüst, Johannes Brahms ungarische Tänze zumindest das Fundament der Zugabe. So auch in diesem Jahr: Aus den beiden Zyklen des tschechischen Romantikers erklingt jeweils ein Stück – der zweite Tanz des ersten Zyklus op. 46 und der siebte von op. 72.

Sir Simon Rattle und Menahem Pressler beim Silvesterkonzert 2014 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Sir Simon Rattle und Menahem Pressler beim Silvesterkonzert 2014 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Beide sind eher Außenseiter in den Sammlungen, in denen Dvořák vor allem Traditionen seiner böhmischen Heimat verarbeitet hat. Ersterer ist eine ukrainische Dumka, die Rattle sich mit höchster Transparenz entfalten lässt, wobei er nie den harmonischen, eleganten und kraftvollen Gesamteindruck aus den Augen lässt. Ohne Angst vor weiten Bögen stehen Kontraste im Mittelpunkt, die das musikalische Geschehen mit Leben und Spannung aufladen. Das gilt auch für den serbokroatischen Kolo, den das Orchester farbenreich und unentrinnbar vorantreibend interpretiert. Stürmisches Rasen und strenge Form bilden hier keinen Widerspruch. In der Zugabe gibt es dann wie in jedem Jahr den ersten von Brahms‘ Tänzen, bei dem sich keine Routine einstellen will: Wie Rattle breites Fließen mit ausdrucksreicher Dynamik verbindet, lässt ihn so frisch erscheinen wie beim ersten Mal. Am Ende geht es noch mit Aram Chatschaturjans Gajaneh auf wilde Fahrt. Da geht dem Orchester ein wenig die Transparenz flöten – die freudige Energieentladung kompensiert dafür mehr als ausreichend.

Dem Tanz sind auch weite Strecken des restlichen Programms gewidmet, genau genommen der Suite, seiner ureigenen symphonischen Heimat. Auch hier steht der mittel- und osteuropäische Raum im Zentrum: mit Zoltán Kodálys Háry János Suite. Rattle setzt auf Dramatik – durch dynamische Kontraste, Pausen und betonte An- wie Abschwellbewegungen. Dabei schenkt er jedem der hier aufgeführten fünf abschnitte seinen eigenen Charakter: farbenreich und mit einiger Schärfe in den Blechbläsern der zweite, subtil tastend der dritte, leidenschaftlich tänzerisch der fünfte. Am Ende gibt es eine regelrechte Klangexplosion – seinem Ruf als flexibelstes Orchester der Welt sind die Berliner wieder einmal gerecht geworden. Spannend zuvor der Gegensatz aus barocker Melodik und exotischer Rhythmik in Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes. Reiben sich beide Ebenen noch im ersten Abschnitt, finden sie später eine Balance, die das Disparate als Spannungserzeuger zu nutzen weiß. Der helle, schlanke, lichte Barockklang und das dunkle, harte Stampfen des Schlagzeugs treten in einen aufregenden Dialog, der nicht aufzulösen ist, aber auch keine Dominanz eines Weltentwurfs erlaubt. Ein multikulturelles musikalisches Miteinander, lange bevor an solche Begrifflichkeiten auch nur zu denken war.

Multikulturell ist auch der Solist des Abends: Menahem Pressler, einst in Magdeburg geboren, startete er von Israel aus eine Weltkarriere, die ihn vor allem als Mitglied des Beaux-Arts-Trios bekannt machte, bevor er sich im zarten Alter von 85 Jahren auf seine zweite Solokarriere begab und im Januar mit nunmehr neunzig sein Debüt bei den Philharmonikern gab. Mittlerweile hat Pressler wieder die deutsche Staatsbürgerschaft – und so im Reinen, wie er mit seiner Geschichte ist, klingt auch sein Spiel in Mozarts Klavierkonzert Nr. 23. Glockenklar, schnörkellos, ungeheuer variabel ist sein Spiel, er ist ein Meister des Fließens, der Zwischentöne, nicht der großen Gesten. Und doch zieht sein ausdrucksstarkes, perlendes Spiel vom ersten Takt an in seinen Bann. Gesanglich nachdenklich nimmt er den ersten Satz, nicht ohne sich als Meister der Wendung in dunklere Töne zu erweisen. Mozarts Musik balanciert über einem Abgrund, den Pressler im zweiten Satz ohne jede schwere durchschreitet. Fragend, tastend, suchend ist sein Ton, ungemein licht und fragil zugleich. Im Finale tänzelt sich Pressler durch das reiche Farbenspiel der vielen Tonartwechsel und verliert doch nie den roten Faden. Das liegt auch an Rattle und den Philharmonikern, die ihrem Solisten zwar stets den Vortritt lassen, sein klares, lichtes Spiel gleichzeitig jedoch grundieren, seinem Ying das Yang geben – wo er leichtfüßig dahinschwebt, ist das Orchesterspiel kompakt, fest, zuweilen flächig. Das Orchester erweist sich als veritabler Dialogpartner, der gemeinsam mit dem Solisten die unermessliche musikalische Weite des mozartschen Universums durchmisst. Die Begeisterung des Publikums am Ende ist mehr als gerechtfertigt.

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Ein Gedanke zu „Einladung zum Tanz

  1. […] Programm. Manche, etwa die Dresdner Staatskapelle, halten es mit der leichteren Muse, andere, etwa die Berliner Philharmoniker, mögen es tänzerisch und versuchen eine Balance aus fröhlichem und Nachdenklicherem, und für […]

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