Zwischen den Zeilen

Weihnachtskonzert von Mariss Jansons und dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit Mahlers vierter Symphonie

Von Sascha Krieger

Ein bisschen Wehmut glaubt der Besucher schon zu verspüren, die den Saal erfüllt, wenn Mariss Jansons zum letzten Mal als Chefdirigent das Weihnachtskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra im altehrwürdigen Amsterdamer Concertgebouw leitet. Vor allem ist da aber jede Menge Dankbarkeit, Sympathie, Liebe fast, die sich in sofortigen und vollständigen stehenden Ovationen entlädt, sobald das etwa einstündige Konzert vorbei ist. Man wird ihn vermissen, den feingeistigen, bescheidenen stillen Letten, wenn er zum Ende der laufenden Spielzeit seine Position verlassen wird. Und das obwohl seine Amtszeit mit elf Jahren die zweitkürzeste eines Chefdirigenten dieses Orchesters gewesen sein wird – sein Vorgänger Riccardo Chailly etwa blieb 16 Jahre, dessen Vorgänger Bernhard Haitink mehr als 20. Und doch hat Jansons das Orchester mindestens ebenso geprägt wie sie. Übernahm er bereits ein Orchester der Spitzenklasse, formte er es zu einem Klangkörper, das es in Sachen Flexibilität, Virtuosität und Klangkultur nicht nur mit jedem Orchester der Welt aufnehmen kann. Sein schlanker, transparenter, ungeheuer klarer Klang, seine Verbindung höchster Flexibilität, wie sie etwa die Berliner Philharmoniker auszeichnet, mit bestechender klanglicher Schönheit – sein Streicherklang steht dem der Wiener in nichts nach – suchen ihresgleichen. Nicht wenige Experten – darunter auch jene Kritiker, die es schon 2008 auf Platz 1 des weltweiten Orchester-Rankings des Gramophone Magazin hoben, hielten das Orchester heute für das beste der Welt, wäre eine solche Behauptung nicht weitgehend inhaltsleer. Wie Perfektion klingt -– und das sie alles andere als steril sein muss – beweisen Orchester und Chefdirigent regelmäßig.

Das Concertgebouw in Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

Das Concertgebouw in Amsterdam (Foto: Sascha Krieger)

So auch bei der traditionellen Weihnachtsmatinee, auf deren Programm Gustav Mahlers vierte Symphonie. Jansons gilt als einer der besten Mahler-Dirigenten überhaupt und das obwohl – oder gerade weil – er nie die große Geste sucht, weil er sie nicht braucht. Seine Vierte ist ein Paradebeispiel dafür, wie es ihm gelingt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wie geschmeidig schon im Kopfsatz die Streicher singen, wie klar, schlank und vollkommen durchsichtig der Klang ist, wie deutlich Jansons die Aktzentverschiebungen, die Kontraste dieses vielgesichtigen, volkstümlich heiteren wie klassisch schweren Satzes betont, ohne je auch nur den Anschein von Härte oder Schroffheit zu erwecken – all das ist atemberaubend gerade, weil es völlig unspektakulär daher kommt. Jansons entwickelt den Satz organisch, verdichtet, den Klang, wo kraftvoll es Speil gefragt ist, gibt den Streichern, wo nötig, gar etwas Schärfe und achtet doch stets darauf, dass all diese Yings und Yangs zusammengehören. Wie das Orchester am Ende mühelos und auf kleinstem Raum von feinster Behutsamkeit und energiereicher Kraft wechselt, ohne dass es wie ein Bruch klänge, sollte man gehört haben.

Zerklüftet dann der Beginn des zweiten Satzes, in dem Konzertmeister Liviu Prunaru sowohl in den kantablen Partien sowie jenen scharfen Passagen, in denen er das zweite, einen Ton höher gestimmte Instrument spielt, brilliert. Jansons interpretiert den Satz als langes, innig gefühltes und doch vielgestaltiges Lied, das sich eher vorantastet, statt dahinzueilen, das seinen Weg erst sucht und in der Suchbewegung findet. Gleichzeitig akzentuiert er auch jene eingestreuten Störelemente, die im Todestanz der Solovioline kulminieren. Noch stärker als im Eingangssatz sind hier melodischer Wohlklang und bedrohliche Schärfe eins, bedingen sie einander. Es ist ein Satz der Zwischentöne, der zum genauen Zuhören einlädt – wie das gesamte Werk und auch der dritte Satz. Dieser entfaltet sich in höchster Behutsamkeit, beinahe fragil ist vor allem das Spiel der Streicher. Hochtransparenter Klang enthüllt ein faszinieren reichhaltiges musikalisches Universum, welches vom glasklaren Spiel der Solovioline zusammengehalten wird. Am Schluss steht gleichsam eine Verkehrung des Endes des Kopfsatzes: Aus höchster Kraft ergießt sich ein sanftes inniges Ausklingen.

Damit ist eigentlich alles gesagt, das Finale, eine Vertonung des Liedes „Das himmlische Leben“ aus der von Mahler so geliebten „Wunderhorn“-Sammlung, eigentlich mehr eine Coda mit Solosopran. Anna Prohaska entledigt sich ihrer Rolle souverän, mit klarer und warmer stimme, wenn auch zuweilen etwas unentschlossen zwischen Sachlichkeit und Ausdrucksfülle. Das Orchester begleitet sie mit dunkler, kompakter Grundierung und schnörkellosem Spiel, das keine Wirkungstreffer benötigt. Und so klingt diese janusköpfige Symphonie, in der es unter der vermeintlich schlichten, volkstümlichen Oberfläche höllisch brodelt, mit betonter Schlichtheit und leisem Aushauchen aus. Die Ovationen am Ende sind auch für diesen Abend allein verdient – so detailscharf, so voller Zwischentöne, so voller lebendiger Klarheit, erfüllt von ebenso transparentem wie ungemein schlanken Klang, lässt sich diese Musik nur hier, in dieser Verbindung aus Dirigent und Orchester hören. Und vielleicht klang dieses so oft gespielte Werk noch nie so gut.

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Ein Gedanke zu „Zwischen den Zeilen

  1. […] Dabei steht beileibe nicht nur Weihnachtliches auf dem Programm, im vergangenen Jahr etwa gab es Mahlers 4. Symphonie. Das diesjährige Konzert ist wirklich eine Ausnahme, hat das Orchester doch zum ersten Mal sein […]

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