„Mag sein“

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Zwei Bundeswehrsoldaten fahren in einem Patrouillenboot den Hindukusch hinauf. Moment: den Hindukusch? Ja, in Wolfram Lotz‘ landauf landab gespieltem Stück Die lächerliche Finsternis ist der Hindukusch ein Fluss, der mitten hinein führt in den afghanischen Regenwald (!). Dort suchen die beiden, Hauptfeldwebel Pellner und Unteroffizier Dorsch, Oberstleutnant Deutinger, die, entsandt in Anti-Terror-Mission, durchgedreht und zur Massenmörderin mutiert ist. Das erinnert nicht nur an Joseph Conrads Herz der Finsternis (mit dessen Inszenierung durch Andreas Kriegenburg übrigens die Ära Ulrich Khuon am Deutschen Theater begann) und Francis Ford Coppolas Apocalypse Now – es bezieht sich bewusst auf beide, längt selbst mythenbildende Werke. Doch bei Lotz ist das „Herz der Finsternis“ kein dunkler, angsteinflößender Ort, sondern eine surreale, groteske Landschaft, Abbild des Wahnsinns einer Welt, die noch immer Glaubt, Gewalt mit Gewalt begegnen zu müssen, die an die Eindeutigkeit der Wirklichkeit glaubt. Beides stellt Lotz in Frage: Er entlarvt auf erstaunlich fantasievolle, sich den Mittel des Märchens bedienende Weise den Teufelskreis, den gewalterzeugende Gewalt seit jeher bildet, und er misstraut einer Wirklichkeit, die längst nur noch in multipler medialer Spiegelung vermittelt existiert.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Daniela Löffner sucht in Lotz’ Stoff den inhärenten Wahnsinn menschlicher Hybris. Dorsch und Pellner fahren in einem über dem Boden schwebenden Boot umgeben von weißer Folie, die zunächst das Wasser andeuten, am Ende in steriler Leere die ganze Bühne bedeckt (Bühne: Claudia Kalinski). Das ist die Leere auch des Meeres, von der Kathleen Morgeneyer im Anfangsmonolog eines somalischen Piraten wider Willen erzählt. Eine Geschichte voll grausamer und zugleich komischer Absurdität, durchmisst sie das ganze Spektrum von surrealer Fantasie der Hoffnung bis zur ganz realen Verzweiflung samt echter tränen. Das ist dick aufgetragen und soll es auch sein. Denn die Wirklichkeit jenseits des Wahnsinns lässt sich nicht leugnen, Leid bleibt real, so lächerlich seine Erzeugung auch erscheint. In der Folge schwingt das Pendel eher zum Farcenhaften: Grell die Zeichnung der (allesamt von Morgeneyer dargestellten) Nebenfiguren: der italienische Blauhelmoffizier mit Espressotassen in der Hose, der zum Händler mutierte fleischgewordene „Kollateralschaden“, der lüsterne Missionar. Sie ließen sich leicht wegwischen als alberne Karikaturen und doch scheint in allen ein wenig vom Irrsinn dessen, das sie in diese Situation gebracht hat, auf.

Das gilt auch für die nicht vom Fleck kommenden, Bananen essenden und immer wieder das Gespielte dem Publikum referierenden Hauptfiguren. Das Nebeneinander von Spiel und Erzählung, die im Bühnenbild angelegte Stagnation, die Unfähigkeit, die eigenen Rollen auch nur anzukratzen – Alexander Khuon gibt den arrogant abweisend zynischen Pellner, Moritz Grove den unsichere, Anschluss suchenden, zutiefst schüchternen Dorsch – erzeugen ein Bild, das grotesk, banal, ja, auch lächerlich ist, und doch die existenzielle Leere spürbar macht, die diese Welt vermittelter Wirklichkeit ausmacht, schmerzlich spürbar macht. Es wird viel gelacht an diesem Abend, doch es ist ein Lachen, dass einen schalen Nachgeschmack hinterlässt und mehr als einmal im Halse stecken bleibt. Wenn gegen Ende Deutinger (erneut Morgeneyer) in drastischen Bildern von der Finsternis spricht, die im Inneren lebt, wenn sie im kleinen Schwarzen eine zynische Rechnung vom Tod aufmacht, spricht der Dreiklang von eleganter Erscheinung, freundlichem Lächeln und Gesagtem eine Sprache, die erschreckender ist, als alles was Conrad und Coppola uns imaginieren ließen.

Dabei ist das, wie es bei Lotz heißt, eben „nur ein Text“, eine Form der Wirklichkeitsbeschreibung und -verfälschung unter vielen. Das wahre Grauen ist längst nicht mehr darstell-und wohl auch nicht erlebbar, geht es nur noch, wie in der Schlussszene, in welcher der von der Eingangsfigur vermisste zweite Somalier sein recht einklagt, auch seine Geschichte zu erzählen. Denn es geht um die Deutungshoheit, das Recht zu erzählen, das hier, wie so oft vor allem dem hegemonialen „Westen“ gehört. Der surreale Albtraum, den Löffner mit Lotz beschreibt, ist eben auch einer der Macht, der Macht, seinen Blick als allein gültigen festzulegen. Und doch ist die Wirklichkeit nicht vergessen, das reale leiden nie fern. Ja, der Abend hält nicht immer seine Balance, kippt zuweilen ins oberflächlich  Alberne und ergötzt sich ein wenig zu sehr an seiner grellen Zeichnung. Und doch finden vor allem Grove und Morgeneyer (Khuon bleibt in der Unfähigkeit seiner Figur, die gewählte Rolle zu verlassen, zurück) die Türchen, die den Blick in den Abgrund erlauben, der unter den Dahinschwebenden gähnt. Es ist ein selbstgemachter, zu dessen Kern wir in aller Spiegelung nicht vorzudringen vermögen. Conrad und Coppola konnten das „Herz der Finsternis“ noch erreichen. Wir wissen nicht mehr, wo wir suchen sollten. Alle Gewissheit verfliegt in den letzten Worten dieses Abends: „Mag sein“.

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