Die Guten und die Bösen

Hans-Werner Kroesinger: Exporting War, Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

Welch ein Unterschied: Nebenan versuchen Rimini Protokoll die Verflechtungen weltweiter Gewaltproduktion in einem multiperspektivischen Rollenspiel erfahrbar zu machen, da widmet sich gleich um die Ecke Hans-Werner Kroesinger dem gleichen Thema per Frontalunterrisch. Um die deutsche Rüstungsindustrie, ihre Unterstützung durch die Politik und ihre Rolle in internationalen, zwischenstaatlichen wie supranationalen Konflikten geht es ihm. Kroesinger hat – wie immer – gründlichst recherchiert, was er uns auch gern im quellenreichen Programmheft vorführt: Politikerreden, Gesetzestexte, Einsatzprotokolle aus Afghanistan oder Irak, Interviews, Jubiläumsreden von Rüstungsunternehmen und vieles mehr verquirlt er zu einem Konvolut von etwa eindreiviertel Stunden, ein wortreicher Ritt durch die Realität exportierter Tötungstechnologie.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Vorgeführt wird das von einem fünfköpfigen Ensemble, das mit gefällig selbstgerechtem Dauergrinsen betont lässig zwischen verschiebbaren Metallplatten entlang schlendern, die abwechselnd Festbühne, Konferenzraum, Parlamentssaal und Panzer sind, so wie die Darsteller mit immer gleicher Mimik und Gestik Rüstungsvorstände, Journalisten, amerikanische Offiziere oder die Bundeskanzlerin geben. In der globalen Tötungsmaschinerie, so will und das wohl sagen, stecken sie alle drin und sind sie alle gleich schuldig. Da stehen der Lobpreis von 50 Jahren Lenkwaffe als Erfolgsgeschichte neben den Ausführungen des Kriegswaffenkontrollgesetzes, die Verteidigung von Waffenexporten als wirtschaftlicher Notwendigkeit neben der Rolle von Cybersecurity in heutigen Konflikten, erfahren wir über Waffenpreise, die räumliche Nähe von Politik und Waffenlobby im politischen Berlin, lernen, wie der Drohnenkrieg die Natur bewaffneter Auseinandersetzungen fundamental verändert, was „Signature Strikes“ und „Kill Boxes“ sind und bekommen am Ende noch eine apokalyptische Vision automatisierter und datenbasierter Kriegsführung, bei der wir, die wir mehr Datenspuren hinterlassen als irgendwer sonst, leicht zum perfekten Ziel werden könnten.

Das ist streckenweise – insbesondere bei den teilweise frösteln machenden Ausführungen zum Drohnenkrieg – augenöffnend und lehrreich, hat aber ein grundlegendes Problem: Kroesinger versucht all sein Material in ein didaktisches Korsett zu zwängen, das eine simple Botschaft hat – all jene, die den waffenhandel irgendwie unterstützen, sind die Bösen, diejenigen, die das offen legen und sich wehren, die Guten. Es ist ein schlichtes Schwarz-Weiß-Bild, das Kroesinger zeichnet und dessen sich sein zuweilen widerspenstiges Material erwehr. So klingen manche Gründe und Erklärungen der Rüstungsvertreter recht vernünftig, auch wenn Kontext und Darbietung klar machen, was denn von ihnen zu halten sei. Am schwierigsten wird es, wenn er eine Kanzlerinnenrede vorführt, in der diese Waffenlieferungen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ für notwendig erklärt. Eingezwängt zwischen einem Referat zur Rüstungslobby und Ausführungen zum Drohnenkrieg sowie unterbrochen durch Ausführungen eines Sanitätsoffizier der Wehrmacht zur Wirkung von Feuerwaffen auf den menschlichen Körper, erhält sie eine Bedeutung, die sich aus ihr selbst kaum herauslesen lässt. Wer die Bilder und Nachrichten aus Syrien und Irak im Kopf hat, wird sich schwer tun, sie in die Galerie menschenverachtenden Zynismus‘, die Kroesinger hier präsentiert, einzureihen.

Und hier liegt der theatrale Hase begraben: Hans-Werner Kroesinger differenziert nicht, lässt zwischen Schwarz und Weiß keine Zwischentöne zu, presst alles in ein Interpretationsschema, das dann doch ein wenig unterkomplex geraten ist. Hinzu kommt die monotone Darbietung, die das Gehörte über weite Strecken blutleer, abstrakt, bleiben lässt. Nahe kommt uns das Töten bestenfalls in jeder kurzen aber eindringlichen Passage, in dem die Kommunikation eines realen anti-Terror-Einsatzes nachgesprochen wird. Ansonsten ist das müde dahinplätscherndes Zeigefingertheater, das keine Fragen stellen will, weil es alle Antworten schon zu haben glaubt. Da nimmt man doch lieber nochmal nebenan das iPad in die Hand.

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Ein Gedanke zu „Die Guten und die Bösen

  1. Hey, ich habe dich für den Liebster Blog Award nominiert, da ich deinen Blog echt klasse finde, würde mich freuen, wenn du mit machst. http://keinfilmleben.wordpress.com/2014/12/21/liebster-blog-award/

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