Licht und Schatten

Konzerte des Boston Symphony und des New York Philharmonic Orchestra in ihren Stammspielstätten

Von Sascha Krieger

Zu den Grundregeln vieler Klassikexperten zählt die Behauptung, man könne ein Orchester nur dann wirklich beurteilen, wenn man es in seiner Stammspielstätte erlebt hätte. Ganz falsch ist das nicht, unterscheidet sich ein „normales“ doch zuweilen erheblich von einem Tourneekonzert. Letztere sind deutlich öfter geprobt, bereits das eine oder andere Mal gespielt und in der Regel so zusammengestellt, dass das Programm den Stärken von Orchester und Dirigent entgegenkommt. Das Spiel ist oft geschliffener, der Klang ausgefeilter, Ecken und Kanten beseitigt. Das hat nicht nur Vorteile: Nicht selten fehlt Tourneekonzerten die Frische, die das Programm in seiner ersten Inkarnation womöglich noch hatte. Letztlich ist es aber zweifellos so, dass sich Orchester im Alltagsbetrieb beweisen müssen. Das gilt natürlich auch für das Boston Symphony und das New York Philharmonic Orchestra, die der Rezensent im November bei „Heimspielen“ besuchte.

Die Boston Symphony Hall (Foto: Sascha Krieger)

Die Boston Symphony Hall (Foto: Sascha Krieger)

Die Bostoner befinden sich derzeit am Anfang einer neuen Ära: Seit Spielzeitbeginn ist der Lette Andriss Nelsons Chefdirigent, einer der aufregendsten Dirigenten nicht nur seiner Generation. Anfang des Monats zog Alex Ross im New Yorker Magazin den Schluss, Nelsons habe bei aller Qualität die große Linie noch nicht gefunden. Ganz falsch scheint das nicht zu sein, zumindest wenn man sein letztes Programm mit dem Orchester in diesem Jahr betrachtet. Kein einziges reines Orchesterwerk stand auf dem Programm, drei Werke mit Chor umrahmten Prokofjews Cellokonzert. Den Anfang machte John Harbisons „Choral Scherzo“ Koussevitzky Said, eine Hommage an den legendären Bostoner Chefdirigenten auf Basis seiner eigenen Worte. Kein großes Werk, bei dem ein unterkomplexer Orchestersatz einer gewollt anspruchsvollen Chorpartie gegenübersteht. Der Tanglewood Festival Chorus nahm das mit nüchterner Präzision, während das Orchester zurückgenommen agierte, nicht ohne den einen oder anderen scharfen Akzent zusetzen. Dem folgte Lakes Awake at Dawn von Nelsons‘ Landsmann Eriks Ešenvalds, ein zuweilen an Filmmusiken gemahnendes Werk im Breitbildformat. Nelsons’s Zugriff war uneinheitlich – zwischen opaker Wucht und konzentrierter Strenge. Streckenweise geriet das Ganze arg pathetisch, während der Schluss in der Gleichzeitigkeit von flächigem Klang und zartem Spiel durchaus gelang.

Sergej Prokofjews Symphonie-Konzert für Cello und Orchester op. 125 gehörte dann vor allem dem Solisten Yo-Yo Ma: Im ersten Satz klar und fest, im zweiten hochdramtisch im Finale gesanglich im engen Dialog mit dem Orchester durchmaß der Starcellist das ganze Spektrum dieses oft unterschätzten, so simpel erscheinenden Werks, dessen verborgene Komplexität der Solist auf atemberaubende Weise offenlegte. Das Orchester konnte dieses Niveau leider nicht durchgängig halten. Spannungsarm, kontrastfrei und opak schrammte der Eingangssatz scharf an der Beliebigkeit vorbei, während im zweiten bestenfalls die lyrischeren Passagen überzeugten, zog das Tempo an, wirkte das spiel seltsam angestrengt. Erst gegen Ende gelang es beiden, Solist und Orchester Brüche offenzulegen, die zerklüftete Klanglandschaft aus ihrer vermeintlichen Glätte zu befreien. Im Schlusssatz folgte Nelsons der wilden fahrt seines Solisten nicht, zu verhalten das Orchesterspiel, das zuweilen gar etwas dumpf klang. In Sergej Rachmaninows Die Glocken deutete Nelsons seine Qualitäten dann zumindest an. Er wanderte zwischen höchster Transparenz und konzentrierter strenge, öffnet, wo das sinnvoll erscheint, nur um sogleich den Klang wieder zu verdichten. Das Ergebnis warkontrast-und spannungsreich, nuanciert, geprägt von einem dunklen Grundton. Nelsons schöpfte das dramatische Potenzial des Werk aus seinem Inneren und hat im Chor einen kongenialen, ausdrucksreichen und überaus klaren Partner. Die Ambivalenz aus Strenge und Härte sowie innigster Lyrik und freudiger Luftigkeit fand Nelsons auf engstem Raum. Das Sichtbarmachen der Musik hinter ihrer Fassade, das der Lette so beherrscht – hier deutete es sich an.

Die Avery Fisher Hall, Heimspielstätte des New York Philharmonic Orchestra (Foto: Sascha Krieger)

Die Avery Fisher Hall, Heimspielstätte des New York Philharmonic Orchestra (Foto: Sascha Krieger)

Uneinheitlich auch der Eindruck wenige Tage später beim New York Philharmonic unter Leitung des Niederländers Jaap van Zweden, der in Amerika bereits als neuer Pultstar gilt, in Europa dagegen bislang noch weniger bekant ist. Auch er hatte ein Werk eines Landsmannes im Gepäck: die Cyrano de Bergerac Ouvertüre des Spätromantikers Johan Wagenaar. Detailscharf, rhythmisch akzentuiert, dicht, doch nicht ohne Transparenz und bestimmt von dynamischen Kontrasten seine Interpretation. Dem Publikum präsentierte er das kaum bekannte Werk mit großer Klarheit und höchster Energie. Es folgte Erich Korngolds auf Filmkompositionen basierendes Violinkonzert mit Hilary Hahn als Solistin. Stark der erste Satz, in dem Hahn expressiv und klar sowie mit einiger Schärfe und so mancher Kante spielte, grundiert vom kompakt klingenden Orchester, das sich zuweilen, vor allem in den Holzbläsern, öffnete und wenn gefordert klare dynamische Akzente setzte. Wunderbar subtil der zweite Satz voller Zwischentöne im Solospiel, kongenial unterstützt von einem äußerst subtil agierenden Orchester. Betörend der innige Gesang von Hahns Violine, die doch auch den Mut hatte, gegen Satzende fragmentarischer zu spielen, mit fragendem Ton, der dem zuvor Gehörten mit einiger Skepsis hinterherblickte. Energiegeladen das Finale: Höchst wach das Orchester, detailscharf sein Spiel, voller Energie das Solospiel. Der Schluss gelang äußerst kraftvoll und beendete eine erste Konzerthälfte, die einen überaus starken Eindruck hinterließ.

Das galt für Ludwig van Beethovens siebte Symphonie im Anschluss leider nicht durchgängig. Seltsam verwaschen der Kopfsatz, ohne jede Detailschärfe und mit so mancher technischer Unsauberkeit. Opak der Klang, angestrengt das Spiel in den kraftvolleren Passagen. Gegen Ende wurde es besser, schlich sich gar so etwas wie Transparenz ins Orchesterspiel, sorgte eine klarere Linie für genuine Kraftentfaltung. Das Allegretto nahm van Zweden schlicht, klar und schnörkellos mit vergleichsweise schnellen Tempi. Voll und transparent der Klang und doch konnte die Interpretation nicht so recht überzeugen: Die zunächst kaum merkliche und dann doch so eindringliche organische Kraftentfaltung, die den Satz auszeichnet, gelang dem Niederländer nicht. Dem dritten Satz fehlte dann die klare Linie. Das zweite Thema wirkte träge, die Klarheit verschwand zunehmend, treibender Energie stand bremsende Schwere gegenüber. Etwas gebremst auch das Finale, dem van Zweden ein enges Korsett verpasste, das die explosive Kraft, die dieser Satz zu haben vermag, nicht zuließ. Wenn er dann zum Ende hin das tempo anzog, wirkte es ein wenig angestrengt. Ein klarer, stringenter Zugriff sieht anders aus. Und so endeten beide Heimspiele – um in der Fußballmetapher zu bleiben – unentschieden. nicht das schlimmste Ergebnis.

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