Der tödliche Blick

Eingeladen zum Theatertreffen 2014 – Rimini Protokoll: Situation Rooms, Ruhrtriennale / Hebbel am Ufer, Berlin/HAU2

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Ganze ja Ergebnis einer ausgeklügelten Dramaturgie: Über ein halbes Jahr musste man warten, bis die letzte zum Theatertreffen 2014 eingeladene Arbeit, der im Mai logistische und terminliche Schwierigkeiten im Wege standen, endlich in Berlin zu sehen war. Und kaum sind die knapp eineinhalb Stunden vorbei, ist so manche der anderen durchaus starken Inszenierungen zumindest halb vergessen, haben auch die aufregendsten unter ihnen eine wenn auch hauchdünne Staubschicht angesetzt. Denn was Rimini Protokoll in 80 Minuten mit dem nicht mehr als Zuschauer zu bezeichnenden Besucher machen, bleibt hängen, wirkt nach, rumort weiter und untergräbt Gewissheiten. Für all die Zyniker, die behaupten, Theater könne nicht mehr subversiv wirken, in Frage stellen, Sichergeglaubtes einstürzen lassen, sollte Situation Rooms Pflichtprogramm sein.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Die Grundidee ist schnell erklärt: Jeweils zwanzig Teilnehmer gehen mit iPad bewaffnet (was hier keine bloße Phrase bleibt) durch eine Flucht aus Räumen und Korridoren, angeleitet von Personen, die ihnen per iPad und Kopfhörer ihre Geschichten erzählen. Und nicht nur das: Das iPad spiegelt den Blick des „Zuschauers“, der mit ihm die Perspektive des Erzählenden einnimmt. Es geht um Krieg und Waffen und die unübersichtliche globale Verschränkung der Produktion von Elend und Leiden. Zu den – realen – Figuren, die ihre Geschichten erzählen gehören ein Friedensaktivist, ein Arzt ohne Grenzen, ein Flüchtling, ein Kindersoldat, ein mexikanischer Drogenmafioso, ein Bundestagsabgeordneter, ein Waffenhändler, ein Hacker, in israelischer Soldat, ein Arbeiter in der Rüstungsindustrie. Ein Konglomerat des Disparaten, zusammengewürfelt aus einer Welt, die so nichts zu einen scheint.

Dass das ein Trugschluss ist, zeigt sich schnell. Denn in einer Welt, die sich im Dauerkriegszustand befindet, gibt es nichts, was nicht zusammengehört. Denn was auf der weltgrößten Waffenmesse in Abu Dhabi – einer der Spielorte – verkauft wird, findet sich wieder in den Händen von Sportschützen, Killern eines mexikanischen Drogenkartells, kongolesischen Kindersoldaten und israelischen Offizieren. Mit ihm muss sich der Friedensaktivist aus dem Heimatort von Heckler & Koch herumschlagen, seine Folgen spürt der Arzt ohne Grenzen und der syrische Flüchtling, den Kampf dagegen führen der pakistanischen Menschenrechtsaktivist und der deutsche Parlamentarier. Alles ist irgendwie verschränkt und hat Auswirkungen, weit weg von seinem Ursprungsort. Denn die Gewalt, die in der Beschaulichkeit eines Kleinstädtchens mit Waffenfabrik in alle Welt exportiert wird, kommt irgendwann zurück – und sei es in Anschlägen auf ein kleines Friedensdenkmal unweit der Produktionsstätte.

Diese Verschränkung setzen Rimini Protokoll virtuos in Szene. Da ist die Mehrfachverwendung der einzelnen Spielorte: So wird der Schießstand des Sportschützen zum israelisch-palästinensischen Grenzgebiet, der UNO-Sitzungsraum zum Schauplatz von Waffenverhandlungen, der mexikanische Friedhof zum Versteck eines Kindersoldaten. Immer wieder begegnet der Agierende – denn nichts anderes ist der Teilnehmer an diesem Parcours – anderen, die vermeintlich gar nicht in seine Geschichte passen, schaut er dem Drohnenpiloten über die Schulter oder steht plötzlich ein Kriegsfotograf auf dem Schließstand. Türen, Löcher, Vorhänge führen in andere Welten, rasant wechseln die Rollen: Stand man gerade noch an einem Ort, ist dieser plötzlich ein ganz anderer, steckte man eben als Hacker dem Rüstungsmechaniker einen infizierten USB-Stick in die Taschen, ist man darauf selbst dieser Todesarbeiter. Orte verschwimmen und mit ihnen der sichere Standort.

Da gibt es schnell kein Außen und Innen mehr. Ist der „Zuschauer“ zunächst vor allem damit beschäftigt, sich zu orientieren und den Anweisungen des iPad zu folgen, was anfangs wenig Platz lässt, sich auf die Geschichten und das Gesehene einzulassen, wird man später zum Beobachter und am Ende zum Akteur, Rollen, die sich immer wieder abwechseln. Urplötzlich ist man die Person, der man gerade folgt, mutiert der freundliche Herr, der einem die Hand schüttelt, zum Waffenhändler, wird der objektive Beobachter, der vermeintlich Außenstehende, zum Täter und Opfer zugleich. Denn diese Welt, die wir hier kondensiert durchschreiten, ist unsere, die Mechanismen, denen wir begegnen, jene, die auch unser Leben bestimmen. Der tödliche Drohnentreffer landet am Ende in der Idylle des Neckartals, der harmlose Sportschütze testet die Waffen, die später töten werden. Alles greift ineinander, keiner ist unbeteiligt – auch wir nicht.

Natürlich kann man Situation Rooms vorwerfen, dass sie das hochkomplexe Problem der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, die hinter der weltweiten Gewalt – ob in „echten“, Bürger- oder Drogenkriegen stecken, nur anreißen, dass die Inszenierung vereinfacht. Und doch griffe eine solche Kritik viel zu kurz: Denn die Multiperspektivik, die Rollen- und Ortsverschiebungen, die Ambivalenz von Positionen und Schauplätzen ergeben ein Bild, das alles andere als vollständig ist und gleichzeitig einen Eindruck vermittelt, was womit zusammenhängt und welche Rolle, das eigene, so friedliche Land, und letztlich man selbst spielen. Dabei bleibt der Blick meist eingeschränkt, fokussiert auf das iPad, um ja nicht die Richtung zu verlieren. Nur kurz schweift er darüber hinaus, um eine Umgebung zu sehen, die identisch ist und doch anders. Das gerade noch zweidimensionale, medial Vermittelte wird greifbar, die Figuren zu realen Menschen, die sogar nicht zum Bild passen und doch im System bleiben wie man selbst. Am Ende ist da eine Verunsicherung, die nur große Kunst auszulösen vermag, ist der Blick, mit dem der Teilnehmer in die Nacht hinaustritt, buchstäblich ein anderer geworden, lässt das Erlebte nicht los. Situation Rooms ist ein Abend, der nicht vermittelt, sondern jeden Einzelnen in Verantwortung nimmt, der nicht vorschreibt, was mit dieser Verantwortung zu tun ist, der es aber schwer macht, sich ihrer gleich wieder zu erledigen.

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2 Gedanken zu „Der tödliche Blick

  1. […] das Ernste und das Leichte in etwa die Waage halten. Die Verstörung, die etwa ein Projekt wie Situation Rooms auszulösen vermag, stellt sich nicht ein. Hat man sich an das Grundprinzip einmal gewöhnt, sind […]

  2. […] diese Fragen zu stellen, bleibt nicht, zu überfüllt und hektisch sind die sechzig Minuten. Wo Situation Rooms es schaffte, gerade aus der Überforderung des Zuschauers/Teilnehmers Perspektivwechsel zu […]

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