Volk und Bühne

Jürgen Kuttner und André Meier: Ach, Volk, du obermieses. Eine Revue am Bülow-Wessel-Luxemburg-Platz (Regie: Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Hundert Jahre Volksbühne, das ist ein Jahrhundert Bühne fürs Volks und Volk auf der Bühne, Irrwege und Fortschritte, einhundert Jahre Aufklärung und Teilhabe und Verführung. Wie lässt sich ein solches Jubiläum am besten begehen? Natürlich mit einer Revue. Und wer wäre besser als Conférencier und Zeremonienmeister und Dompteur geeignet als Jürgen Kuttner, der Meister der Videoschnipsel, der theatralen Collage und Montage, der Zusammenführer des Disparaten und Zerstückeler des Zusammenpassenden? Also führt uns Kuttner, im weißen Smoking, durch die ersten hundert Jahre des Hauses, in dem wir nicht immer so komfortabel sitzen wie jetzt, von Piscator zu Castorf, mit so mancher mitunter auch falschen Abzweigung und dem einen oder anderen Umweg. Zwei Grundelemente bestimmen den Abend: zum einen der Ritt durch die Hausgeschichte, zum Anderen die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Volk und Bühne. Genug Stoff für knapp drei recht kurzweilige und pausenlose Stunden ergibt das allemal.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Dabei ist Kuttner weder als chronologischer Stringenz, noch an objektiver Geschichtsschreibung gelegen. Und so gelingt auf der Reise durch diese hundert Jahre manches besser und anderes weniger. Harald Warmbrunns Lagerfeuer-Monolog über den „Verrat von 1928“ (als Piscator aus dem Haus gejagt und die Volksbühne zum Kleinbürgertheater wurde) gehört eher in letztere Kategorie, ebenso die Nazi-Episode mit Lichtdom, eine Brandverlustliste lesender Hitler-Puppe und Maximilian Brauer als Blackface tragender Nazi-Bildhauer. Anderes ist zumindest unterhaltsam, wie der Besuch von Besson-Mimin und –Gattin Ursula Karusseit, die mit Kuttner plaudert, mit einer Brecht-Puppe (wie Hitler bewegt und gesprochen von Suse Wächter) parliert und anschließend ein Brecht-Lied singt. Stark dagegen Mex Schlüpfer, der als Nachtwächter von 1972 in aggressiv polterndem Ton die nächtlichen Eskapaden der Herren und Damen Künstler anprangert und en miniature präzise das kleingeistig repressive Klima der Prä-Besson-Ära wiedergibt. Die Castorf-Zeit repräsentiert der lustlos maulende Henry Hübchen, der per vermeintlicher Live-Kamera aus einem Wohnwagen heraus erscheint, obwohl er trotz Kameraleuten im Trailer natürlich gar nicht da ist. Selbstironischer lässt sich die gewollte Anarchie und Entgrenzung des doch stets hinter der vierten Wand bleibenden Castorf-Theaters kaum illustrieren.

Wichtiger als der geschichtliche Abriss ist dagegen die Rolle des Volkes auf dieser Bühne. Zwei Grundlinien beschreibt Kuttner im „didaktischen Teil“ des Abends: die „Beglückung“ des passiv bleibenden „Volks“ sowie dessen Einbeziehung. Ersteres geschieht vor allem per Video: Da sind Junge Pioniere zu sehen, die sichtlich gelangweilten Arbeitern ein Ständchen bringen, und Benno Besson, der mit „Werktätigen“ Theater machen will, nur um sich zunächst anhören zu müssen, dass so ziemlich niemand freiwillig da sei. Im zweiten Block ist das Publikum gefragt: Da spricht man dialogisch mit Margarita Breitkreiz Heiner Müllers „Herzstück“ und produziert einen „Dokumentarfilm“ über die Menschheitsgeschichte und ihren direkten Weg zur Volksbühne, der dann sogleich auf der Leinwand erscheint. Das ist ein wenig zu illustrativ, in seiner fast kindlichen Spielfreude der ungebremsten Lust am gern auch sinnfreien Spiel diesem Haus aber eben auch angemessen. Natürlich dürfen die Theaterdidaktiker Brecht und Müller nicht fehlen, doch am Ende sehen wir die Geburt der Volksbühne mit zu Rammstein tanzendem Baby.

Damit ist der Rahmen dieses Abends recht gut beschrieben: Die großen Konflikt- und Entwicklungslinien werden angerissen und spielerisch durchmessen – sehr schön auch die exemplarische Gegenüberstellung von „purem“ Theater und der multimedialen castorfschen Überforderungsmaschinerie – das Spannungsverhältnis von „Volk“ und „Bühne“ durchdekliniert, und das mit viel Selbstironie, einiger Spiellust und einer Prise Theateranarchie. Kuttner kalauert, was das Zeug hält und macht doch so manchen Bruch sichtbar, lässt die verschiedenen Kapitel der Haushistorie sich aneinander reiben und öffnet so den Blick für die Geschichte eines Theaters, die jene des Volks, das es einzuladen gegründet wurde, reflektiert, aufnimmt und wie im Brennglas verstärkt. Dabei bleibt der Revuecharakter immer vorhanden, wollen die Episoden nicht recht zueinander passen, ergeben die grellbunten Mosaiksteine kein harmonisches Ganzes. Die Auseinandersetzung bleibt Fragment und will das auch sein. Vielleicht ist dies kein ganz großer Theaterabend geworden, ein augenzwinkernd unterhaltsamer und zugleich zumindest augenblicksweise erhellender ist er allemal. Und einer, der zu diesem Haus passt, weil er dessen Geist atmet. Wie dieses will er nicht erwachsen sein. Unsympathisch macht ihn das nicht.

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Ein Gedanke zu „Volk und Bühne

  1. […] and Screen erinnert, nein, über den aus diesem Grund stattgehabten Theaterabend berichtet wird: „Volk und Bühne“ – wie geht das […]

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