Alptraum als Seifenoper

Henrik Ibsen: Die Frau vom Meer, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Henrik Ibsens Die Frau vom Meer ist ein seltsames Stück: Zwischen den ungleich bekannteren Nora. Ein Puppenheim und Hedda Gabler entstanden, gehört es sicher in die Reihe der Dramen um weibliche Selbstbestimmung und -verwirklichung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Zwänge am Beispiel der Ehe. Gleichzeitig lädt Ibsen das Werk mit Reichlich Symbolismus auf, führt übersinnliche Elemente ein und hebt das Geschehen auf eine metaphysische Ebene, welche seine großen Frauendramen weder haben noch brauchen. Und die auch der Frau vom Meer nicht wirklich gut tut. Die Geschichte von den in ihren Erinnerungen gefangenen ungleichen Ehepartnern hat eine Unwucht, die anderen Ibsen-Stücken fremd ist und zu der jeder Regisseur eine Haltung entwickeln muss. Man kann Stephan Kimmig sicher nicht vorwerfen, dies nicht zu versuchen. Er stellt sich dem Gegensatz aus „realer“ und fantasierter Welt, indem er beide in einer Art Traumwelt verortet, bevölkert von Untoten, die in einem Zwischenreich gefangen sind, sich der Gegenwart nicht stellen können, weil sie in Vergangenheit und erträumter Zukunft leben.

Foto: Sascha Krieger

Das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

Es ist eine angehaltene Zeit, die Kimmig auf die Bühne zu bringen versucht, verkörpert durch verlangsamte und präzise choreographierte, künstlich zwanghafte Bewegungen, eine ätherisch mysteriöse Musikuntermalung, ein ambivalentes Spiel von Innen und außen auf der von einem sich mal öffnenden, dann wieder seine abweisen Außenwand zeigenden Holzcontainer dominierten, ansonsten weitgehend leeren Bühne (Katja Hass). Außerhalb des vermeintlichen Schutzraumes ist schwarzes Nichts, am eindrucksvollsten in der Schlussszene, in der die Eheleute (ein somnambul verzweifelter Steven Scharf als Wangel und eine verbissen abwesende, wenngleich ein wenig zu klarsichtige Susanne Wolff als Ehefrau Ellida) an einem edel gedeckten Tisch dinieren, bevor zuerst sie und dann auch der sitzen bleibende, müde ihr ins Nichts nachrufende Gatte sich von der schwarzen Leere verschlucken lassen. Kimmig sucht den Kern des Stücks in der inneren Leere der Noras und Heddas und stellt sie als sinnbefreites feindliches Universum dar, in der jeder Schutz lächerliche Illusion bleiben muss.

Das ist durchaus konsequent gedacht, aber viel zu unschlüssig inszeniert. So wirkungsvoll der Schluss ist, so blutleer bleibt das meiste der vorangehenden zwei Stunden. Die hölzernen Nebenfiguren (am ärgerlichsten Michael Goldbergs cholerischer Arnholm, am stärksten noch die verlorenen Schwestern Franziska Machens und Lisa Hrdina) tun ein Übriges, aber das Hauptproblem des Abends ist die schale, uninspirierte Banalität, mit der Kimmig ein unerhebliches Ehedrama entfaltet. Mit dem Einbruch des Fremden kann er merklich nicht umgehen, die Uminterpretation von Ellidas verlorenem und – real oder fantasiert? – zurückkehrenden Geliebten als zweites Gesicht des Gatten ist pure Küchenpsychologie. Und so kollabiert das alptraumhafte Kartenhaus, weil das, was in ihm passiert, nicht selten über Seifenopernniveau hinausreicht. Der Symbolismus verpufft, die Bedrohung bleibt aus. Außer in der starken und frösteln machenden Schlussszene. Nur ist hier eigentlich schon alles zu spät.

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