Kein Kinderspiel

Nach Fjodor Dostojewski: Karamasow, Sophiensaele Berlin (Regie: Thorsten Lensing)

Von Sascha Krieger

Thorsten Lensing ist ein Theatermacher, der sich gern Zeit lässt. Er bringt nicht alle zwei Monate an einer anderen Bühne eine neue Inszenierung heraus, bei ihm kann das auch mal ein, zwei Jahre dauern. Er setzt auf gute Vorbereitung und eine vertraute Truppe. Einige Darsteller wie Devid Striesow oder Ursina Lardi arbeiten schon seit Jahren mit Lensing zusammen. Zeit lässt er sich zuweilen auch auf der Bühne: Vier Stunden lang ist sein neuester Abend, Karamasow  genannt und auf Fjodor Dostojewskis letztem Roman basierend. Dabei hat er diesen radikal entschlackt: Von den drei Brüdern, von denen der Roman erzählt, ist nur einer übrig geblieben: Aljoscha, der Intellektuelle, der sensible und grüblerische Glaubenssucher. Ansonsten stehen die Kinder im Mittelpunkt: der hochintelligente dreizehnjährige Kolja, Möchtegern-Charismatiker und Westentaschen-Tyrann, die vierzehnjährige Lisa, egozentrisch und im dauerpubertären Gefühlsrausch gefangen, und der neunjährige Iljuscha, ein romantischer Heldensucher, der gar nicht merkt, dass er, der bedingungslos für den hilflosen Vater einsteht, selbst so etwas wie ein Held ist.

Foto: Arwed Messmer

Foto: Arwed Messmer

Aus all der Verderbtheit, die Dostojewski beschreibt, hat sich Lensing jene herausgefischt, denen man gemeinhin Unschuld unterstellt. Neben den Kindern und dem fast noch kindlichen, 19-jährigen Idealisten Aljoscha, sind das die Tiere. Und so darf André Jung einen Hund geben – bellend, winselnd, schleckend, anhänglich und zuweilen auch bockig. Dabei wird schnell klar, dass es mit der Unschuld nicht weit her ist, bevölkern doch ausschließlich Egomanen und Hysteriker die Bühne. Sebastian Blomberg gibt seinen Kolja als armes Würstchen mit wolkenkratzerhohem Komplexgebirge auf den schmalen Schultern, der seine Unsicherheit mit Arroganz, Kälte, Herrschsucht und Grausamkeit überdeckt. Lisa (Lardi), das reiche Töchterchen wehrt sich gegen die eigene Leere mit kalkulierten Stimmungsumschwüngen, eine Meisterin der Manipulation und zugleich verzweifelte Liebessucherin. Und auch Aljoscha (Striesow) ist eigentlich bestenfalls ein pubertärer Sinnsucher, der zur Cholerik neigt und sein Mäntelchen in den Wind hängt, unsicheres Kind und rückgratloser Erwachsener zugleich. Das einzige Gegengewicht ist Iljuscha, gespielt von Horst Mendroch. Wenn er im Unterhemd schattenboxend den geliebten Vater zu verteidigen sucht oder wie ein treuer Hund dem vermeintlichen feind in den Finger beißt, strahlt das eine Wahrhaftigkeit aus, die frösteln macht.

Johannes Schütz hat all diesen Ich-Spielern eine Bühne gebaut, auf der sie an Klassenzimmertischen am Rand warten, bis der Platz für den eigenen Auftritt frei ist. Kinderspiel, Rollenerfüllung und Theater – das greift alles ineinander und wird eines. Hier spielt jeder, Erwachsener oder Kind, erfüllt oder enttäuscht Erwartungen, sucht seine Rolle – von Unschuld keine Spur. Die Idee, die Kinder von deutlich älteren Darstellern spielen zu lassen, akzentuiert das noch: Wie Jungs Hund ambivalent zwischen tierischem Instinkt und seelenloser Dressur pendelt und die menschliche Verbiegung der Kreatur allein schon durch den Darsteller sichtbar ist, sind Lisa und Kolja kleine, manipulierende Erwachsene und orientierungslos auf der Suche befindliche Kinder. Am Extremsten ist der Widerspruch in Mendroch: Nimmt man ihm den Neunjährigen ohne weiteres ab, steckt dieser doch im Körper eines alten Mannes, sind Kindliches und senil Kindisches stets beieinander, ist das sterbende Kind auch ein todgeweihter Greis.

Das Zusammenbringen des Disparaten ohne dessen Auflösung ist auf allen Ebenen Grundprinzip von Lensings Inszenierung. Das lässt sie auch zunächst recht zäh anlaufen: Er beginnt sie als grelle Farce, lässt seine Darsteller lustvoll überziehen, die Figuren als entstellte Karikaturen zeichnen, macht Striesow zuweilen sogar zum Wiedergänger eines Lous de Funès. Dann plötzlich kippt das Ganze ins ernste Glaubensdrama voll bedeutungsvoller Blicke und tragischem Ton. Das will so gar nicht zusammenpassen und entlässt den Zuschauer etwas ratlos in die Pause. Doch kaum ist das Licht wieder angegangen, fügt sich das Widerstrebende zum stimmigen Bild, wird die Überzeichnung zum Ausdruck des Leidens der Figuren an sich selbst, kommen beide Darstellungsformen im gemeinsamen Nenner des alles durchdringenden Zweifels zusammen. Denn so wenig unschuldig die Kinder ebenso wie die Erwachsenen sind – auch Iljuscha ist wahrlich kein Heiliger, hat er doch seinem Hund einen Nagel ins Futter gemischt – so sehr suchen sie doch den Weg heraus, fühlen sie sich gefangen zwischen Aufrichtigkeit und der Rolle, die sie sich als Schutzschicht antrainiert haben. Wie die Schauspieler – neben den Genannten noch Ernst Stötzner als Lisas hysterisch zweifelnde Mutter und Rik van Uffelen als Iljuschas herzzerreißend hilfloser Vater – alle Facetten von der Farce bis zur Tragödie durchschreiten, ist atemberaubend, zumal es jedem einzelnen gelingt, die eigene Figur unverwechselbar zu gestalten, bei aller Künstlichkeit komplex wie das leben und nie bloße zweidimensionale Karikatur.

Es sind Verlorene, die Lensing zeigt, die wenig Hoffnung haben und sich doch an sie klammern wie im schmerzhaften, sich seiner eigenen Illusion bewussten Rausch der Schlussszene. Keiner hier hat noch beide Elternteile, auch das sicherlich ein Symbol für eine führungslose Generation, die, wie die Erwachsenen zeigen, nicht die erste ist und nicht die letzte bleiben wird. Und doch nimmt Thorsten Lensing uns und seinen Figuren die Hoffnung nie ganz, findet er doch selbst in den Alten noch einen Schuss kindlicher Neugier, jugendlicher Sinnsuche, die wahrscheinlich ins Nichts führt, aber das Dunkel draußen hält, solange sie nicht erloschen ist. Lensings Karamasow-Destillat zieht den Zuschauer tief hinein in die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz, die undurchdringliche Mixtur aus Liebe und Grausamkeit, die nicht nur Dostojewskis Welt auszeichnet und am Pulsieren zu halten nie als völlig sinnlos erscheint. So dünn der Strohhalm ist, an dem man sich festhält, es besteht stets die Möglichkeit, er könnte nicht brechen.

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