Das Beste kommt zuerst

Paavo Järvi und Maria João Pires zu Gast bei der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss. Wenn das stimmt, ist Paavo Järvis jüngstes Dirigat bei der Staatskapelle Berlin eine Ausnahme. Da steht der stärkste Teil des Abends nämlich gleich am Anfang. Olivier Messiaens sperriges, den Tod seiner Mutter aufarbeitendes Le tombeau resplendissant wird unter Järvis Händen zu einem ebenso herausfordernden wie bewegenden Werk, das die Grenzen zwischen Romantik und Moderne immer wieder in beide Richtungen überschreitet. Schroff, fast feindselig, voller scharfer Kanten ist der Eingangsteil, schmerzhaft akzentuiert seine harte Rhythmik, dicht und abweisend das Klangbild. Dann die langsamen Teile: von höchster Transparenz, fein nuanciert, jeder Note nachlauschend. Der dritte Teil hat einen schwebenden, meditativen Charakter, voll stiller, beinahe resignativer Trauer. Bewegend das subtile Wandern des Hauptthema von Flöte zu Klarinette zu Oboe und wieder zurück. Wo sich der Anfangsteil drohend erhob, gähnt der Abgrund nun im Pianissimo. Järvi akzentuiert de Kontraste, stellt Schmerz und Trauer gegeneinander, ohne ihnen den Trost des jeweils anderen zu erlauben. Die Wiederaufnahme des Angangs im vierten Teil ist dann zwar fließender als der schroffe Beginn, Versöhnung lässt sein unerbittliches Crescendo aber ebenso wenig zu wie der strenge, zuweilen schneidende Streicherton des finalen „Lent“. Der Verlust ist regelrecht greifbar, nirgends mehr als im Ersterben des pianissimo am Schluss.

Die Staatskapelle Berlin (Foto: Monika Rittershaus)

Die Staatskapelle Berlin (Foto: Monika Rittershaus)

Dieser Beginn ist eine Ansage, deren Niveau der Rest des Abends nicht halten kann. Das anschließende G-Dur-Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart beginnt denn auch seltsam blutleer, der Eingangssatz ist behäbig, der Klang süßlich das Solospiel von Maria João Pires perlend und klar, aber ohne Akzente und weitgehend ausdrucksarm. Dem Satz fehlt jegliche Spannung und Energie, er wirkt wie lustlos abgespult. Der langsame zweite Satz gelingt da schon besser. Das liegt vor allem an Pires, die Verzögerungen einstreut und ihrem Spiel etwas meditatives, fragendes, Nachspürendes verleiht, das die Musik Öffnet, ihr Brüche verleiht, die das Orchester mit transparenterem, subtilerem Spiel aufnimmt und verstärkt. Pires lässt Zwischenräume, hinterfragt den Mozartschen Schönklang, nimmt ihm die Eindeutigkeit. Luftig und leichtfüßig tänzerisch dann auch der Beginn des Finales, wunderbar leicht und wie beiläufig Pires‘ Solopartie, doch bald kippt das Ganze wieder ins Schwerfällige, wirkt die Energiezunahme in der zweiten Hälfte seltsam angestrengt und kontrastiert mit der lebendigen Frische, die immer wieder aufscheint. Der Satz ist so unentschieden wie das ganze Konzert, findet keine Linie und verbleibt im Ungefähren.

Da ist Robert Schumanns erste Symphonie, die man auch die „Frühlingssymphonie“ nennt, eindeutiger. Viel besser tut ihr das jedoch nicht. fast scheint es, als wolle das Orchester jeden Eindruck des zu Leichten, der Schumann in Teilen seiner Rezeptionsgeschichte anhaftete, wegwischen, eine Absicht, an der so manche Interpretation des Werks krankt. Hier flüchtet man sich ins Wuchtige, wobei der Tagesjob des Klangkörpers als Opernorchester eher kontraproduktiv ist. Gerade der Eingangssatz gerät viel zu schwer, die Formstrenge erstickt seine Energie, die Dramatik wirkt aufgesetzt, das Klangbild streckenweise unangemessen schroff. Auch im langsamen Satz überwiegt das schwere, klingt die dichte Streicherdecke zuweilen nach Wagner, gipfelt der meist zähe Fluss in einem etwas zu getragenen Choral. Das merkt womöglich auch Järvi, worauf er im lebhaften dritten Satz dem musikalischen Affen ein wenig zu viel dynamischen Zucker gibt. Sehr muskulös kommt das Scherzo daher, stark die Kontraste zwischen den vorwärtseilenden und den beschwingt tänzerischen Passagen. Dies greift er im Finale auf, wobei er durchaus bei Schumann ist, zu dessen Charakteristika ja die Verzahnung der einzelnen Sätze zu einem einheitlichen Ganzen zählt. Im Schlusssatz betont Järvi die kontrastierenden Rhythmen und Tempi, schöpft das dynamische Register voll aus, lässt dichte, flächige Streicher auf leichte, luftige Holzbläser prallen und entlockt diesem gegeneinander dann doch einiges an Kraft und Lebendigkeit, ohne den Eindruck des gewollten ganz tilgen zu können. Das Ende  ist sehr treibend, äußerst muskulös und ein wenig zu wuchtig. Schumann das Romantische austreiben zu wollen, war selten eine gute Idee. Sie ist es auch nicht an diesem Abend, der sehr viel schwächer endet als er begonnen hat.

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2 Gedanken zu „Das Beste kommt zuerst

  1. albrecht sagt:

    Danke für die kompetente Kritik!
    Es wäre schön, wenn jeweils dabei stünde, auf welchen Abend sich die Kritik bezieht, in diesem Fall also 17. in der Philharmonie oder 18. im Konzerthaus.

  2. Die Kritik bezieht sich auf den ersten Abend, also das Konzert in der Philharmonie. Danke für die Anregung!

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