Müder Kindergeburtstag

Philippe Quesne / CAMPO: Next Day, Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin (Regie: Philippe Quesne)

Von Sascha Krieger

Der französische Theatermacher Philippe Quesne arbeitet auf Einladung des belgischen Kunstzentrums CAMPO erstmals mit Kindern. So sagt es uns der Ankündigungstext zu Next Day, und damit sind die 60 Minuten bereits ausreichend umschrieben. Dabei liegt in einer solchen Ausgangslage etliches Potential: Gob Squad etwa gelang in ihrer Zusammenarbeit mit CAMPO ein faszinierendes Spiel des Lebens mit einem beeindruckenden jugendlichen Ensemble, das es sogar zu einer Einladung zum Theatertreffen brachte. Den jungen Darstellern von Next Day wäre sicher ähnliches zuzutrauen – nur tut Quesne das nicht. Von der ersten Minute an ist deutlich, das ihm nicht wirklich etwas einfällt, was er mit den Neun- bis Zwölfjährigen machen soll. Also wirft er mit Klischees um sich: Die Kinder dürfen zeichnen, mit Schaustoff werfen, Superhelden spielen – die „Superheldenschule“ ist so etwas wie die halbherzige Rahmenhandlung – herumtoben, und weil wir uns ja im kulturellen Umfeld bewegen, spielen sie natürlich auch alle ein Instrument.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Und so schart man sich zusammen, trägt einer nach dem anderen sein Instrument auf die Bühne, bevor dann die „Dirigentin“ jeden Spieler einzeln aufruft, um daraus Stück für Stück Musik werden zu lassen. Die unaufgeregte Langsamkeit des Aufbauens, die Zusammensetzung der Musik aus ihren Einzelteilen – es sind kurze starke Momente, die andeuten, was der Langsamkeitskünstler, der Atmosphärenmagier Quesne aus dieser Konstellation hätte machen können. Hier schauen wir einem werden zu, der Entstehung von Kreativität und Ausdruck aus nüchterner Mechanik, aus zielführendem Pragmatismus – und doch ist das, was da entsteht, mehr als die Summe seiner sichtbaren Teile. Doch so schnell die Hoffnung auf ein spannendes Spiel mit kindlicher Kreativität und Phantasie aufkeimte, so schnell und brutal zerschlägt sie Quesne wieder. Haben wir gerade hören dürfen, dass die jungen Künstler ihre Instrumente durchaus beherrschen, müssen sie durch den berühmten Beginn von Richard Strauss‘ Also sprach Zarathustra pflügen, als hätten sie keine Ahnung von dem, was sie da tun. Lustvoll dilettierende Kinder sind dann vielleicht doch amüsanter, zumindest erfordern sie keine anstrengende Auseinandersetzung.

Und so geht das Ganze in der Folge seinen nicht nur musikalischen Bach herunter. Quesne kleidet seine Darsteller in Signalfarben, was eine nette Lichtregie ermöglicht und zwängt ihre Phantasie in das banale Konzept „Wir sind Superhelden und kämpfen gegen Aliens“ ein. Da fliegen dann die Schaustoffwürfel, baucht mal ein Schaumstoffhaus, warum zwischendurch ein Werbespot gedreht und Pfannkuchen gebacken werden, interessiert dann auch nicht weiter. Am Ende sieht die Bühne aus wie ein durchschnittliches Kinderzimmer am Abend. Vielleicht war das ja das Konzept. So richtig begeistert wirken die jungen Akteure aber nicht, ist ihnen die Unterforderung anzusehen. Womöglich wäre es keine allzu schlechte Idee gewesen, wenn Philippe Quesne nur eines getan hätte: sie ernst zu nehmen. Stattdessen veranstaltet er einen Kindergeburtstag, bei dem der schale Beigeschmack vielleicht Programm ist, aber nirgends hinführt.

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