Luft zum Atmen

Janine Jansen und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev

Von Sascha Krieger

Ob das kulturelle Berlin den Verlust bereits begriffen hat, der ihm in zwei Jahren bevorsteht, wenn Tugan Sokhiev, wie kürzlich angekündigt, seine Zeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin beendet, ist zu bezweifeln. Da kann es helfen, mal genauer hinzuhören, welche Klangkultur, welche Präzision, welche Flexibilität der renommierte Klangkörper in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hat. Wer die Qualität eines Orchesters und seinen Leiters einschätzen möchte, sollte stets auf die leiseren Töne achten, die Zwischenebenen, die Detailarbeit. Sokhie4vs aktuelles Programm mit Werken von Debussy, Chausson, Ravel und Prokofjew, böte für eine solche Analyse exzellentes Futter. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen, und der Musik hingeben.  Es ist ein Abend für Herz und Hirn, und das ist durchaus als Lob zu verstehen. Und es ist einer, der ohne die großen Gesten auskommt, ohne Überwältigungsmechanismen und wuchtige Einschüchterung.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Den Anfang mach Claude Debussys berühmtes Prélude à l’après-midi d’un faune. Kornelia Brandkamps Soloflöte eröffnet das Stück mit sachlicher Klarheit, bevor Sokhiev das Farbenspiel dieses schillernden Stücks aus behutsamste weise entfalten. Schicht für Schicht legt er offen, lässt immer mehr Licht herein, bis die Musik zu schweben scheint. Er gibt dem Werk einen ruhigen, meditativen Grundton, will nicht beeindrucken, sondern setzt auf die Magie feinsten musikalischen Gewebes, das sich tastend, subtil entfaltet, leicht ist wie ein Windhauch und doch nachwirkt, wenn der Traum vorbei ist. Massiver das Ernest Chaussons Poême, dunkler der Grundton, dichter die Streicherdecke. Die Transparenz ist hier zurückgenommen, der Klang kompakter und zugleich von großer Klarheit. Es ist eine romantischere Klangwelt, die Sokhiev trifft, ohne je ins Schwelgen zu driften. Darüber entwickelt Solistin Janine Jansen einen vollen, leidenschaftlichen, romantischen Geigenton, der gesanglich ist, Fließen zulässt, stets präzise abgegrenzt bleibt, und in der dramatischen Entwicklung Schärfe zulässt. So berückend schön dieses Spiel ist, wohnt unter ihm eine nie ganz verschwindende Düsternis. In die Vollen kann – und muss – Jansen dann in Maurice Ravels Virtuosenstück Tzigane  gehen, und das gelingt ihr mit einem Spiel, das harte Brüche setzt, Zwischentöne zulässt, ambivalent bleibt statt kraftmeierisch zu werden, nie auftrumpfend wirkt und doch Kraft entwickelt – die das präzise agierende Orchester aufnimmt, verstärkt und an die Solistin zurückspielt.

Damit ist der Boden bereitet für ein Werk, das bis heute spaltet: Sergej Prokofjews betont einfache siebte Sinfonie, seine letzte, der man oft vorwarf, rückwärtsgewandt z sein, vielleicht auch anbiedernd gegenüber den Machthabern, die nur wenige Jahre zuvor den Komponisten als „formalistisch“ gebrandmarkt hatten, ein in der sowjetischen Kulturpolitik Karriere- und zuweilen gar lebensgefährdender Vorwurf. Tugan Sokhiev setzt auf Klarheit, will die gesamte musikalische Welt, die Prokofjew hier ausbreitet, hörbar machen, ohne ihr etwas aufzupfropfen, was ihr nicht eigen ist. Er setzt keine Widerhaken, sondern legt die Musik offen, mit größter Transparenz und maximaler Präzision.  Dicht und massig der erste Satz, klar und dunkel sein Klang, sich öffnend im weiteren Verlauf, zum Atmen gebracht und zart ausklingend. Fast scheu kommt der anschließende Walzer daher, berückend licht in seiner Leichtigkeit, die bald auf eine dichte, harte Streicherdecke prallt, die den Weg ins Scharfe, gar Groteske findet und klar macht, dass hier so manches noch nicht ausgefochten ist. Der Modernist Prokofjew, er erlaubt sich immer wieder einen Blick hinter der romantisierenden Fassade hervor.

Wunderbar klar und warm der Klang des Andante espressivo, das Sokhiev ohne jeden Schnörkel spielen lässt, die Einfachheit als seine Stärke begreifend. Nur um im Finale aufzuzeigen, was hinter der vermeintlichen Glätte steckt: Sehr lebhaft kommt der Satz daher, akzentuiert die Tempi- und Stimmungswechsel. Sokhiev und sein Orchester betonen das episodenhafte, fächern die musikalische Vielfalt auf bis an den Rand der Fragmentierung, lässt Harfe und Schlagzeug gegenläufige Akzente setzen und entlarvt das angeblich Einfache als Reichtum an ausdrucksformen und musikalischen Modi, der das Werk plötzlich gar nicht mehr so konservativ wirken lässt. Und dabei ist nichts aufgesetzt, findet Sokhiev all das in der Partitur. So endet ein Abend der begeistert, obwohl er zu keiner Zeit zu begeistern sucht. Freuen wir uns also auf die noch kommenden eineinhalb Spielzeiten.

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