Alles nur Show

Joe Orton: Entertaining Mr. Sloane, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ungläubig, mit weit aufgerissenen, nicht verstehenden Augen steht er da, das Mikrofonkabel haltend, und sieht zu, wie der Mann vor ihm mit Inbrunst Queens Abschiedshymne  „The Show Must Go On“ intoniert, sich dabei in immer neuen Pirouetten im Kabel verheddert, sich selbst erwürgt und scheinbar leblos zu Boden stürzt, nur um sogleich wieder aufzustehen und wieder anzusetzen, ein ums andere Mal. Am Ende muss er selbst seine eigene Doppelgänger-Puppe auf die Bühne zerren und damit den Tod seiner Figur markieren. Nein, dieser Mr. Sloane, der da starr im Hintergrund steht, taugt nicht zum Mörder, er taugt nicht einmal zum Akteur. Nurkan Erpulat inszeniert Joe Ortons Erfolgsstück Entertaining Mr. Sloane als grelle, theatrale Farce gesellschaftlicher Abstoßungs- und Assimilationsbewegungen gegenüber dem als „fremd“ Empfundenen. Erpulats Sloane ist Schwarzer, gespielt von Ensemble-Neuzugang Jerry Hoffmann, und er ist kaum mehr als Projektionsfläche. Wenn er sein Hemd auszieht, kommt ein beeindruckendes Sixpack zum Vorschein, doch es ist nur ein hautfarbenes T-Shirt. Sloane ist, was seine Umwelt in ihm sehen will, mehr ist ihm nicht erlaubt.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Hoffmann gibt ihn ruhig, sachlich, zurückgenommen neutral, inmitten der farcenhaften Überzeichnung der anderen Figuren: Mareike Beykirchs passiv-aggressiv übergriffige Kathy, Aleksandar Radenkovics herrisch unsicher polternder Ed, Thomas Wodiankas theatralisch eindrucksvoll wandelbarer Manipulationskünstler Vater Kemp. Wenn Sloane mit zunehmender Stückdauer dreister, selbst manipulativer wird, dann, weil die Projektionsarbeit seiner Umgebung in dazu macht, ihn als Handelnden, als Vorantreiber ihrer Geschichte aufbaut und sehen will. Doch stets haben sie die Kontrolle über das Bild, das sie schaffen, deutet ihr Produkt einmal an, dass er seine Identität selbst steuern will, schlagen sie unbarmherzig zu und machen klar, wer hier Herr im Hause ist. Das Haus, das ist eine leere weiße Schrankwandfassade mit zahllosen Türchen, hinter denen immer wieder neue Fächer, Treppenaufgänge, Vorräume zu Tage treten. Was immer gerade gebraucht wird, erscheint prompt.

Sloane bleibt nichts übrig, als mitzuspielen. Will er dazugehören, hat er sich zu „integrieren“. Hier heißt es, er hat dem zu entsprechen, was die „mehrheitsgesellschaft“ von ihm erwartet. Das Schwarze Subjekt als Projektionsfläche der Sehnsucht nach dem „Anderen“, als Sexualobjekt und Natursymbol – der eingestreuten Theorie von Grada Kilomba bedarf es gar nicht, um diese Lesart, die natürlich die Integrationsrhetorik unserer Gesellschaft meint, zu erkennen. Ebenso wenig, dass das alles nur Show ist: Immer wieder brechen die Darsteller in Musicalnummern aus, beschienen vom Spotlight, kommt der varietéhafte Lichter-Bühnenrahmen zum Einsatz, nachdem wir zu Beginn die Darsteller bereits auf offener Bühne bei der Maske beobachtet haben. „There’s no business like show business“, singt man, und tatsächlich: Hier ist alles Schein, nichts Substanz. Die Empathiephrasen, das Gleichheitsgetue sind nicht minder Machtinstrumente wie der gezielte Einsatz von Druckmitteln. Alle haben nur das eine Ziel: das „Fremde“ gefügig zu machen, die Zügel in der Hand zu halten, den Diskurs zu bestimmen.

Das ist stringent gedacht, konsequent umgesetzt und durchgängig in höchstem Maße unterhaltsam. Erpulat und sein Ensemble spielen virtuos auf der Klaviatur der Farce, geben perfekt choreografiertes, zwei drei Umdrehungen der Schraube zu weit gedrehtes Boulevardtheater, das seine eigene Theatralität jederzeit ausstellt. Die groteske Entlarvung eines einseitig dominierten Integrationsdiskurses als Unterdrückungsinstrumentarium wird präzise durchgespielt – und hat sich doch schnell erschöpft. Zu plakativ stellt Erpulat seine – einzige – Kernthese aus, als dass sich ein gradueller Erkenntnisprozess im Zuschauer vollziehen könnte. Was zu sagen war, ist schnell gesagt, und so kann sich das Publikum bald am hochkomischen Geschehen auf der Bühne ergötzen, ohne weiter groß nahzudenken, welche Stachel es ins gesellschaftliche Fleisch schlagen könnte. Nurkan Erpulat macht es sich und dem Zuschauer zu einfach, lädt ein sich zurückzulehnen, stellt keine Fragen. So unterhaltsam, so technisch brillant und so klug gedacht der Abend ist, so wenig fordert er sein Publikum, so wenige Spuren wird er hinterlassen.

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