„Alles vergessen“

Nikolaus Harnoncourt dirigiert die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Zu Beginn des Nachgesprächs im zum Bersten gefüllten Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses fragt Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm Nikolaus Harnoncourt, wie er das, was er tut, denn mache. Dessen Antwort: „Alles vergessen“. In diesen beiden Worten liegt das Prinzip von Harnoncourts Herangehensweise an Musik, mit dem er einst die historisch-informierte Aufführungspraxis begründete und seit fast sechs Jahrzehnten Musiker und Publikum lehrt, vermeintlich Altbekanntes so zu hören – und zu spielen – als begegnete man ihm zum ersten mal. „ich lerne es ganz neu“, sagt er zum Anfang einer jeden Beschäftigung mit einem aufzuführenden Werk. Schon zu Beginn des Abends hatte er dem Publikum gesagt: „Die glauben, die Stücke, die wir spielen, zu kennen. Wir haben das auch geglaubt.“ Woraus für ihn folgt: „Sie hören heute nur Uraufführungen.“ Und wer schon einmal einem Harnoncourt-Konzert beigewohnt hat, weiß, dass dies so weit weg von der Wahrheit nicht entfernt ist. Man hat Harnoncourt oft als Historisierer missverstanden, als einen, der bestrebt sei, ein Werk so klingen zu lassen, wie es zu seiner Entstehungszeit klang. Doch eigentlich steht Harnoncourt den Gardiners und Norringtons kaum näher als den Furtwänglers und Karajans: Sein Bestreben, ist jedes Werk so aufzuführen, als begegnete man ihm zum allerersten Mal. Das war bereits vor wenigen Wochen im Gastspiel mit dem von ihm gegründeten Concentus Musicus Wien und einem reinen Mozart-Programm zu hören und das gilt auch diesmal, wenn er zum Höhepunkt einer ihm gewidmeten Hommage mit den Wiener Philharmonikern mit einem Schubert-Abend gastiert. Eine eigentlich seltsame Zusammenkunft: hier der akribische Partiturarbeiter, der zum Kern der Musik vordringen und die gesamte Rezensionsgeschichte außen vorlassen will – dort der Statthalter romantischen Schönklangs. Doch es ist gerade dieser vermeintliche Widerspruch der eine atemberaubende Symbiose ermöglicht und beide zu Wort kommen lässt.

Nikolaus Harnoncourt beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Berlin (Regie: Werner Kmetitsch)

Nikolaus Harnoncourt beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Berlin (Foto: Werner Kmetitsch)

Und so ist das Erste, das man zu Beginn von Franz Schuberts Bühnenmusik zu „Rosamunde“, die der Dirigent mit einer einleitenden Erklärungen und kurzen inhaltlichen Einwürfen anreichert, wahrnimmt, der unvergleichliche samtig-klare Streicherklang des Orchesters. Mühelos kombiniert es makellosen Wohlklang mit einem schlanken, dichten Klangbild, das kantenscharf, akzentuiert und nuancenreich daherkommt. Harnoncourt betont den Dualismus dieses Gut-gegen-Böse-Dramas: Auf der einen Seite berückend klare, innig-fließende Lyrik, auf der anderen kantig kraftvolle Härte. Und doch prallen hier keine Welten aufeinander: Stattdessen entwickelt Harnoncourt das Schwarz und Weiß auseinander, lässt die musikalischen Gegensätze sich aneinander reiben, miteinander ringen, lädt sie mit Zwischentönen auf, ohne ihre Unvereinbarkeit zu verwässern. Das gelingt vor allem in der ersten, sinfonisch angelegten, Zwischenaktmusik, eindrucksvoll. Dabei ist jede Note klar umfasst, jeder Akzent eindeutig gesetzt, jede Partituranweisung präzise umgesetzt, ohne dass das je den Hauch des akademischen hat. Nein, diese Musik pulsiert lebt, entsteht vor uns in diesem Moment, gehört ihm allein, wird sich nie wieder genau so reproduzieren lassen. Der Arnold Schönberg Chor folgt vor allem im Geisterchor dieser behutsamen, nuancierten und doch markanten Linie, während er im abschließenden Hirtenchor ein wenig zu trocken wirkt. Auch Mezzosopran Wiebke Lehmkuhl beherrscht die subtile Wärme, die ihr Lied erfordert. Die Bukolik des Schlussdrittels wird keine Sekunde langweilig, vor allem weil Harnoncourt sie tastend, suchend, gerade erst entdeckend nehmen lässt. Da hätte es die verbalen Erklärungen gar nicht gebraucht: Harnoncourt macht aus der Musik eine formidable Tondichtung. Die er nach der Pause mit einem Herzenswerk kombiniert: Schuberts zweisätziger h-Moll-Sinfonie, die vielleicht zu Unrecht die „Unvollendete“ genannt wird. Sie gerät schroffer, kantiger, kontrastreicher als die vorangegangene Bühnenmusik. Harnoncourt und sein Orchester machen hier vom ersten Takt an klar: Die Bühne ist verlassen, jetzt geht es um die ersten und letzten Dinge. Sie lassen Zwischenräume in dieser zerklüfteten Klanglandschaft, in der die Gegensätze jetzt unerbittlich gegeneinander prallen. Harnoncourt verweigert Übergänge, setzt die Ausdruckswechsel hart gegeneinander, fechtet dramatische Konflikte auf engstem Raum aus. Dabei bleibt die Kantenschärfe erhalten, hat jede Note eine Bedeutung. Unversöhnt und unerbittlich endet der erste Satz. Danach tastet sich die Musik unsicher hinein ins Andante, ist der Beginn von unvergleichlicher Zartheit und luftigster Transparenz, bevor sich die dunkle Seite dieser Musik schnell zu höchster Kraft verdichtet. Atemberaubend das Pianissimo, das fast in die komplette Stille fließt und eine kaum erträgliche Spannung erzeugt, die unter die Haut geht. Hier öffnen sich Räume, die zwischen Düsternis und Licht, Verzweiflung und Hoffnung schweben und unentschieden bleiben. Behutsam klingt das Werk aus und hallt nach, uneinholbar und zugleich nicht vergehen wollend. Ob es Nikolaus Harnoncourt gelingen wird, diesen Abend gemäß seinem Credo zu vergessen, ist unbekannt. Denen, die das Privileg hatten, dabei zu sein, wie Musik im Moment entsteht und im nächsten wieder vergangen ist, wird es schwerfallen.

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2 Gedanken zu „„Alles vergessen“

  1. […] ihnen wichtiger als die musikalische Substanz. Nikolaus Harnoncourt hat das kürzlich bei seinem Berliner Gastspiel bereits widerlegt und auch Barenboim gelingt der eindrucksvolle Nachweis, dass schöner Schein und […]

  2. […] nie Selbstzweck. Ihn trieb anderes um und an. In einem Publikumsgespräch bei seinem letzten Berlin-Auftritt Ende 2014 sagte er, sein Ausgangspunkt sei stets, alles zu vergessen und sich der Partitur zu nähern, als […]

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