Licht in der Dunkelheit

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen Szymanowskis Stabat Mater und Beethovens Neunte zum Mauerfall-Jubiläum

Von Sascha Krieger

Draußen steigen weiße Ballons in den Himmel, löst sich eine attraktiv designte symbolische Grenze ins Nichts auf, treten sich die Touristenmassen auf die Füße, hat jeglicher Versuch zu gedenken schon lange vor der unbezwinglichen Macht des touristischen Großevents kapituliert. Wo vor fünf Jahren noch der eine oder andere stillere Ton zu hören war, sind die offiziellen Feierlichkeiten zu 25 Jahren Mauerfall wenig mehr als eine perfekt geplante Marketingveranstaltung. Und die Berliner Philharmoniker, einst der in alle Welt strahlende künstlerische Leuchtturm der Mauerstadt: Sie verweigern sich dem Feierpathos, ziehen sich in die Philharmonie zurück und machen das, was sie immer tun: Sie sprechen durch Musik. Klar: Mit Beethovens neunter Symphonie steht ein Werk auf dem Programm, das staatstragender nicht sein könnte, und das kaum mehr außerhalb „besonderer Momente“ zu hören ist. Und doch: Der musikalische Kontext, in den Chefdirigent Sir Simon Rattle das Opus magnum der Symphoniegeschichte stellt und die Art, wie er es spielen lässt, bilden den größtmöglichen Kontrast zum Geschehen vor der Tür. Wo dort gejubelt ist, blühen hier die Zweifel, wo draußen keiner mehr Antworten hören will, stellen die Musiker Fragen. Angemessener lässt sich dieses Schlüsseldatum deutscher Geschichte, das von Hoffnung und Freiheit (Mauerfall) den Bogen spannt bis zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte (Novemberpogrome)  nicht begehen.

Sir Simon Rattle dirigiert Beethovens Symphonie Nr. 9 (Foto: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle dirigiert Beethovens Symphonie Nr. 9 (Foto: Monika Rittershaus)

An den Anfang hat Rattle daher auch den Schmerz gesetzt. Karol Szymanowskis Stabat Mater  ist eine eindringliche Klage von großer Einfachheit und Klarheit und noch höherer Intensität. Rattle wählt einen schlanken, dichten Klang, lässt das Orchester zurückgenommen agieren, sich behutsam in die von jeglichen romantischen Schnörkeln, allem aufgesetzten Pathos befreite Partitur hineintasten, mit einem fragenden Blick, den auch der von Simon Halsey einstudierte Rundfunkchor Berlin teilt. Jeder Ton ist klar gesetzt, jede melodische Entwicklung nachvollziehbar, jede dramatische Aufladung, etwa im erschütternden fünften abschnitt kommt aus dem Inneren heraus, ist Resultat größtmöglicher Verdichtung. Die Philharmoniker spielen die Messe des Atheisten Szymanowski als intimstes Monument persönlichen Zweifels, bewegend gerade durch seine Reduktion auf fast kammermusikalisches Maß. Bei aller Klarheit der musikalischen Sprache verweigern Dirigent und Orchester doch alle antworten, lassen die Schlusssatz ambivalent schweben und behutsam verschwinden in die atemlose Stille des Großen Saals der Philharmonie.

Damit ist der Boden bereitet für eine „Neunte“, der jeder unreflektierter Jubel, aller Heroismus ausgetrieben ist. Rau, unpoliert ist der Klang des Orchesters, ungeschliffen das Zusammensetzen der Puzzleteile, aus denen sich langsam das thematische Material des Kopfsatzes zusammensetzt. Rattle setzt harte Kanten, reduziert jede Note auf ihre minimale Dauer, versetzt die vergleichsweise schnellen Tempi mit spürbaren Bremsbewegungen. Kraft entsteht aus der Verdichtung und sie wirkt eher introspektiv als strahlend. Kalt und dünn der Streicherklang, unruhig das Zusammenspiel der Instrumentengruppen, insbesondere die Pauke wirkt wiederholt als Widerhaken im musikalischen Fleisch. Da bleibt auch das Trauermarschzitat am Ende Fragment. Im zweiten Satz führt die Transparenz zu einem gleichberechtigten Nebeneinander, wodurch beispielsweise das Fagott den Gesagt der Flöte konterkariert und in Frage stellt. Die Klangwelten zerklüften zunehmend. Gewissheiten lösen sich auf. Die bringt auch das Adagio nicht zusammen, auch wenn es, dominiert vom ruhigen Fluss der Streicher homogener, glatter wirkt. Aber auch dieser Satz hat Dornen und verweigert sich jeglichem Schwelgen. Gerade die Natur-Lyrik der Holzbläser hat unter der dichten Streicherdecke kaum eine Chance.

So klar akzentuiert die vorherigen Sätze sind, so unentschieden eröffnet das Finale. Rattle verweigert ihm den üblichen Kontrast zwischen verworfenem früheren Material und dem triumphierenden Freudenthema. Diese Gewissheit lässt Rattles Lesart nicht zu. Und so kommt die berühmte Melodie fast beiläufig daher, überhaupt nicht selbstsicher, ein wenig unscharf, verschwommen. Die Götterfunken sprühen verhalten freudig, der Jubel bleibt aus, die größte Kraftentfaltung der Erschütterung des vor Gott stehenden Cherubs vorbehalten. Hier ist nichts entschieden, hat nichts triumphiert, bleibt das Gewisse vor der Tür. Immer wieder setzt Rattle Widerhaken, bremst wer das Voranschreiten, wirft dem vermeintlich Bekannten störrische Worte und Noten zwischen die Füße. Dem Marsch inmitten all des Jubelns verleiht er militärische Schärfe, vor der Apotheose des finalen Freuden-Chores bringt er das musikalische Räderwerk praktisch zum Stillstand, der unerhört mitten in 20. Jahrhundert weisende, auf einer Note verweilende Passage „Über Sternen muss er wohnen“ verleiht er eine erschreckende Unerbittlichkeit – alles Stachel im Fleisch einer vermeintlich ins Triumphale führenden musikalischen Entwicklung, die Orchester und Dirigent nicht mittragen wollen. Denn in dieser Neunten ist noch lange nicht alles gesagt, sind mehr Fragen gestellt als beantwortet, gähnt unter jedem Jubel ein Abgrund. Denn dieser 9. November, der an 1989 erinnern soll, ist nicht zu haben ohne 1939, 1923, 1918, ein Tag so ambivalent, so abgründig, wie das Jahrhundert, dem wir gerade entkommen zu sein glaubten. Wir tun gut darin, nicht zu vergessen, dass Licht das Dunkel bedingt. Beethoven wusste das, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker auch.

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2 Gedanken zu „Licht in der Dunkelheit

  1. […] oft interpretiert wird. Schon der Anfang ist zielstrebig, der suchende, fragende Gestus, den Sir Simon Rattles Interpretation anlässlich des Mauerfall-Jubiläums im November auszeichnete, ist dem Italiener fremd. Stattdessen wirft er uns sogleich in medias res hinein in […]

  2. […] einmal ein Jahr ist es her, da erklang Beethovens neunte Symphonie, dieses vielgeliebte, kaum genannte, viel zu oft abgetane Jahrtausendwerk, das Höhepunkt der […]

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