Eine Darmkolik namens Europa

Kaputt. Tour de force européenne nach Malaparte, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Der Name ist Programm: Malaparte, der schlechte Teil, die dunkle, gewalttätige, zerstörerische Kehrseite, die jeder Glanz, der Fortschritt, jeder Wohlstand hat und zu verbergen versucht. Heute fast vergessen, galt Curzio Malaperte mal als einer der wichtigsten Schriftsteller Europas, als Seismograph des Schmutzigen, Düstern, Verborgenen. Sohn eines Deutschen und einer Italienerin war Kurt Erich Suckert, wie er bürgerlich hieß, Faschist der ersten Stunde, Kriegsfreiwilliger im ersten, Kriegsberichterstatter im zweiten Weltkrieg, Autor, Journalist, Filmemacher und Diplomat. Er verkehrt am „Hofe“ des Nazi-Herrschers über Polen, Hans Frank, saß unter Mussolini kurz im Gefängnis, beschrieb in Die Haut die Nachkriegsjugend in Italien als amoralisch-orientierungslosen Sumpf und beendete sein Leben als Kommunist und Mao-Verehrer. Ein Mann, so widersprüchlich, so schuldbeladen, so rastlos wie sein Jahrhundert. Erst kürzlich hat sich Frank Castorf in die Unterwelt eines anderen Nachtwanderers, Louis-Ferdinand Céline, begeben, da scheint der Schritt zu Malaparte nicht weit. Und so treibt der Volksbühnen-Intendant sein Publikum sechs Stunden lang durch die Abgründe des Kontinents, verwebt Biografie, Die Haut und seinen Kriegsroman Kaputt miteinander zu einem europäischen Fieberwahn.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Bert Neumanns Bühne ist dabei überraschend aufgeräumt: Gelb und schwarz sind die bestimmenden Farben, vor gelbem Plastikvorhang türmen sich schwarze ruinenteile und groteske Fantasiefragmente, hängt ein schwarzer Container unsicher von der Decke. Drinnen gaukeln Goldvertäfelung und Festtafel zivilisatorischen Glanz vor, den die Außenwelt nicht einmal mehr behauptet. Schnell sind wir in Castorfs Markenzeichen, einer atemlosen Dauerhysterie mit schreienden, sich windenden, sich im Leid, dem eigenen wie dem der anderen suhlenden Menschen, meist vermittelt per grobkörniger Videowand. Jeanne Balibar als androgyner Malaparte beginnt den Abend gleich im Todeskampf, moderiert von seinem Biografen (Mex Schlüpfer). Vor der Pause gelingen denn auch einige starke, immer viel zu lange Szenen: Da ist die schwül-hysterische Verzweiflungswelt einer verlorenen Jugend (mit vollem Körpereinsatz und panischem Blick: Patrick Güldenberg), die sich im Morast völligen Werteverlusts, symbolisiert durch einen flachen Pool auf der Bühne aufwühlt, die gespenstisch dekadent brutale Scheinwelt des Hans Frank (diesmal mit dämonisch melancholischer Härte: Güldenberg), die im Besuch des am Durchfall leidenden Max Schmeling (Frank Büttner) in irrwitzig absurde Komik abdriftet („Darmkrämpfe sind einfach nicht sexy“, gehört zu den stärkeren Sätzen des Abends), bevor man zu einer Himmler-Rede gemeinschaftlich in den Eimer kotzt. Hier ist punktuelle Castorfs anarchisch entgrenztes Spiel zu erleben, führt es an die Schwelle des Hässlichen und gemeinen, auf dem unsere Zivilisation gründen.

Und doch, es sind nur Momente, die in den mehr als drei Stunden nach der Pause fast gänzlich ausbleiben. Die irrwitzige Castorf-Hektik, die rasanten Tempowechsel: weitgehend Fehlanzeige. Stattdessen wird geredet, werden apokalyptische Gleichnisse aneinandergereiht, bis das Publikum in genervtes Gelächter ausbricht und die herausstürmenden Zuschauer eher an die Dynamik früherer Castorf-Abende erinnern als das Bühnengeschehen. Lothar Baumgartes Lichtregie setzt auf Düsternis, Wolfgang Urzendowskys Musikauswahl pflügt mal eben durch die europäische Musikgeschichte und dazwischen scheint sich Jeanne Balibar zu fragen, was sie hier tut. Die Unbedingtheit, der völlige Verzicht auf sämtliche Eitelkeitsreste, die Castorfs Theater erfordert, fehlen in ihrem seltsam blutleeren Spiel. Dazu passt sie aber gut zu dem Abend, der nach anfänglichen Aufbäumversuchen sich schnell darin erschöpft, seine grundaussage – Die Welt ist schlecht, der Mensch ein Tier und alles ging immer schon den Bach runter – immer und immer wieder und zuletzt kaum noch irgendwie variierend, zu wiederholen. Weiter reicht der Erkenntnisgewinn nicht, werden selbst die Bruchstellen des Ritts durch den Abgrund Europa – die Parallelwelt des Schlächters Frank, die von malaparte bezeugten Pogrome in Rumänien – auf dem Altar greller Theatereffekte geopfert.

Es ist geradezu erschreckend, wie wenig dieser Tanz auf dem Vulkan, dieses irrwitzige europäische Leben, an diesem langen Abend zu sagen hat, an dem Castorf ermüdungs- und Auswalzungstaktik viel zu schnell zum Selbstzweck gerät. Güldenberg ist vielleicht die Entdeckung des Abends, Büttner und Schlüpfer die üblichen Castorf-Berserker, Britta Hammelstein eine Furie des Untergangs und Margarita Breitkreiz eine Entsetzen bringende Visionärin der Apokalypse. Retten können sie diesen Abend nicht. Dabei gelingt es Castorf durchaus, die verschiedenen Handlungsfetzen sich ineinander auflösen, die Figuren mitten im Satz Schauplatz und Identität wechseln zu lassen, nur fehlt all dem eben jegliches Ziel, ist dem Zuschauer dieser Eintopf hausgemachter Apokalypse zunehmend egal, weil er der Regie merklich egal ist. Am Ende beobachten wir einen Regisseur, dabei, wie er eitel sein selbstentwickeltes Instrumentarium ausstellt, mit kindischem trotz den Zuschauer auch dann noch quält, wenn ihm beim besten Willen nichts mehr einfällt und das Anarcho-Label wie ein Schild mit ausgestrecktem Mittelfinger vor sich herträgt. Am Ende fehlen sechs Stunden ersatzlos vergeudete Lebenszeit. Womöglich ist dieser Text denn auch keine Rezension, sondern eine Warnung.

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