Von einem, der auszog, ich zu sagen

Die Schönheit von Ost-Berlin. Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Bastian Kraft)

Von Sascha Krieger

Der Herbst des Jahres 1989 ist derzeit so präsent wie lange nicht: Zum 25. Mal jährt sich in diesen Tagen die Öffnung der noch Tage zuvor für unüberwindlich gehaltenen innerdeutschen Grenze am 9. November, die friedlichen Massendemonstration in Leipzig und anderenorts, der Beginn vom Ende eines deutschen Staates. Grenzen fielen oder wurden obsolet, Lebenswege öffneten sich, Möglichkeiten, die zuvor kaum erträumt werden konnten, taten sich auf. Das Deutsche Theater stand mitten drin, läutete mit Heiner Müllers epochalen Hamlet/Hamletmaschine das Tauwetter ein und hier nahm auch die Großdemonstration am 4. November seinen Anfang, die zeigte, dass sich hier eine Zeitenwende ereignete, dass etwas vor sich ging, das sich nicht mehr umkehren ließ.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Und was macht das DT anlässlich des Jubiläums? Es widmet sich einem solchen Umkehrer, einen Grenzüberschreiter in der Gegenrichtung. Denn als tausende DDR-Bürger das Land über Ungarn oder die Prager Botschaft verließen, gewann das Land immerhin einen hinzu: Am 1. September 1989 siedelte Ronald M. Schernikau über nach Berlin-Hellersdorf – Schriftsteller, schillerndes Aushängeschild der West-Berliner Schwulenszene, Sohn einer Mutter, die aus Liebe in den Westen ging, als er sechs war, überzeugter Kommunist, der mit 16 Mitglied der DKP wurde. Ein Gegenläufer, Zwischen-den-Stühlen-Sitzer, Konsensverweigerer, Stachel im Fleisch all derer, unter denen er sich niederließ. Einer, der Spuren hinterließ und doch fast vergessen ist, ein lebendes Paradoxon, das doch schon lange fort ist, gestorben 1991 im Alter von 31 Jahren. An AIDS, natürlich, möchte man fast sagen. Einer, der nichts ausließ, der sich querstellte, immer und überall.

In den Kammerspielen hat Peter Baur nun Schernikaus Leben als Sammelsurium von Übriggebliebenem aufgetürmt, als Ansammlung aus einer Straßenlaterne, einer Ampel, einem Pissoir, Möbeln, Verkehrsschildern, einem Autoheck, einer Schreibmaschine. Der orangene Plüschsessel führt in den Untergrund, den Bauch dieses Lebens, einem Refugium aus Zeitungsschnipseln, Bildern, einem Nina-Hagen-Poster. In diesem Sperrmüllkabinett inszeniert Bastian Kraft Schernikaus Leben als Film. Zusammengeklaubt aus Autobiografischem und der Fantasiewelt von Schernikaus Büchern folgt er ihm in die niedersächsische Provinz der 1960er-Jahre, verdichtet das Coming Out aus Schernikaus Überraschungserfolg Kleinstadtnovelle als Angriff auf die Grundfesten einer auf Schweigen gebauten Gesellschaft, macht aus dem irrwitzigen Theaterstück Die Schönheit einen grellen Trash-Film, wie ihn auch Castorf nicht besser auf die Videowand brächte, und spielt ein Leben im Taumel dauernden Grenzgangs als Kaleidoskop der Möglichkeiten durch – mit scharfen schnitten und Rückblenden und der einen oder anderen Zeitlupe. Dazu dreht sich der Lebensturm, auf dem vier Schernikaus – in Langhaarperücke und Brille – balancieren und ein Leben zwischen Realität und überdrehter Fantasie durchspielen.

Der Abend gleicht einem bonbonbunten, durchgeknallte Schlager – Schernikau wäre am liebsten Schlagersängerin geworden – der sich lustvoll in den Kitsch wirft – die Musik kommt unter anderem aus der Rocky Horror Show, zur Heimkehr des verlorenen Sohnes in die DDR singt Wiebke Mollenhauer denn auch „I’m going home“, dem im Stück ja bekanntlich nicht die Heimkehr, sondern der Tod des Protagonisten folgt. Die Schönheit von Ost-Berlin  ist schamlos trashig, übertrieben bunt, eine atemlose Tour de Force eines Gestrandeten, der sich selbst in tausend Farben malt und doch nie recht findet, ein Entwurzelter und – hier vierfach – Fragmentierter, in die Welt Geworfener, der sich selbst auf sie wirft mit Gebrüll und ihr keine Ruhe lässt.  Kraft macht aus diesem Lebens-Puzzle eine rastlose, sich immer schneller drehende Suche nach Identität, nach Sinn und Heimat, eine ruhelose Lebensreise, die irgendwann aus dem Ruder liefe, gäbe er ihr kein Gegengewicht.

Diesen kommt daher in Form von Margit Bendokat als Schernikaus Mutter. Abseits sitzt sie und unterbricht das Selbstinszenierungsprojekt des Sohnes durch stilles, störrisches Erinnern, mit traurigem Trotz und resignativem Beharren in der Stimme, auch sie eine Verlorene, eine sich quer stellende, die sich weigert, politische Gründe für die Flucht vorzugaukeln, die beharrt, auch wenn es sie Geld und Anerkennung kostet. Eine einsame Streiterin, vielleicht auch eine Irrende, die aber trotz allem zu der steht, die sie ist, keine andere sein kann und will, eine Mutter dieses Sohnes. Wo er an Zäunen rüttelt und die Welt aus den Angeln heben will, sagt sie still und stolz und stur: „Ich bin privat hier.“ Und sagt doch damit viel mehr: Dieses „Privat-hier-Sein“ ist nichts anderes als die Forderung, seinen eigenen Weg zu gehen, die Zumutung, anderer Meinung zu sein, sich den Zwängen zu verweigern, in Ost wie West. Es steht für das recht zu irren, Holzwege zu beschreiten, erhobenen Hauptes durch Sackgassen zu gehen. Die Schönheit von Ost-Berlin ist eben auch ein Plädoyer für das Leben, das eigene, ob es anderen nun passt oder nicht. Es ist ein seltsamer Kommentar zum Mauerfall-Jubiläum – und der eindrucksvollste, der sich vorstellen lässt.

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Ein Gedanke zu „Von einem, der auszog, ich zu sagen

  1. Irren ist menschlich und doch lassen es nur die wenigsten zu. Erst durch ausprobieren und irren können wir aus den Zwängen der Gesellschaft ausbrechen und den für uns persönlich richtigen Weg finden.

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