Jenseits von YouTube

Beim Preisträgerkonzert des Treffens junge Musik-Szene stellen sich Talente aus ganz Deutschland vor

Von Sascha Krieger

Urkunden werden verliehen, Reden gehalten: Das Treffen junge Musik-Szene, das in diesem Jahr zum 31. Mal stattfindet ist eigentlich ein Anachronismus. In einer Zeit, in der das Internet längst die Präsentations- und Vermarktungsmöglichkeiten von Nachwuchsmusikern revolutioniert hat, YouTube zum wichtigsten weg geworden ist, Fans zu rekrutieren und eine Erfolgsbasis aufzubauen, wirkt der von den Berliner Festspielen durchgeführte Bundeswettbewerb wie aus der Zeit gefallen. Ganz analog treffen sich hier zwölf Preisträger – je sechs Einzelkünstler und Bands – eine knappe Woche lang zu Workshops, gegenseitigem Austausch und natürlich zum Musikmachen. Und genau hier liegt wohl das Erfolgsgeheimnis: Während es bei den zahlreichen regionalen wie überregionalen Nachwuchswettbewerben, von denen es mittlerweile unzählige gibt, um den Leistungsvergleich, die Konkurrenz, Gewinnen und Verlieren geht, zählt hier anderes. das Miteinander, das Voneinander-Lernen und gegenseitige Befruchten, der Blick über den eigenen musikalischen Tellerrand hinaus. Das Treffen junge Musik-Szene versteht Musik als spannende Reise, die Offenheit und nicht nachlassende Neugier erfordert, als lebendigen Organismus, bei dem man nie genau weiß, wohin er sich als Nächstes entwickelt. Wenn, wie in der diesjährigen Ausgabe geschehen, schon am ersten Abend die Einzelkünstler zu einer improvisierten Band zusammenfinden, ist das Erfolgsgeheimnis wohl ebenso umschrieben wie die Notwendigkeit dieses Anachronismus.

Maha Tribe aus Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Maha Tribe aus Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Da ist es schon von einiger Ironie, dass der einzige öffentliche Teil des Festivals, das traditionelle Preisträgerkonzert am zweiten Abend, diesen Charakter überhaupt nicht widerspiegelt. Nacheinander spielen die Preisträger jeweils zwei Songs – nacheinander und ohne nInteraktion jenseits des reichlichen Beifalls.So lässt sich nur erahnen, wo Anknüpfungs- und Reibungspunkte entstehen, wo spannender Austausch wachsen könnte. Stattdessen bleibt dem Besucher „nur“ der Überblick über Vielfalt und Talent der eingeladenen Nachwuchsmusiker zwischen 14 und 22 Jahren. Bei denen zweierlei auffällt: Zum einen ist die Auswahl in diesem Jahr stark männlich dominiert, zum anderen ist der Genremix eher übersichtlich. Verschiedene Varianten von Indie-Roch und folkgetränkte Akustikmusik halten einander die Waage, während populäre Genres wie R&B oder Hip Hop vollständig fehlen. Auch wenn der Wettbewerb nicht repräsentativ sein will, sticht dieses eingeschränkte Spektrum doch ins Auge. Es ist ein rückwärtsgewandter Blick, der hier vorherrscht. Was nicht falsch sein muss, schließlich gibt es in der Geschichte der Populärmusik wenig, was noch nicht gesagt ist und haben auch die innovativsten Künstler stets Anregungen aus der Vergangenheit aufgenommen und verarbeitet. Wie so oft geht es schlicht darum, was man aus dem Vorgefundenen macht.

Jonny Bix Bongers aus Hamburg (Foto: Sascha Krieger)

Jonny Bix Bongers aus Hamburg (Foto: Sascha Krieger)

Und da ist der Eindruck durchaus zwiespältig. Da gibt es jene, die nicht so recht aus der Rolle des Kopisten herausfinden wollen. Die 16-jährige Cathy etwa, die klingt wie Tanita Tikaram und mit starrer Miene Zeilen singt wie „She’s the page and he holds the pen“ und Weltschmerz verbreiten, den man ihr nicht recht abnehmen will. Oder Simon Benjamin aus Berlin, der eingängigen Folkpop spielt, mit angenehmer Stimme schmeichelt und sicher bei DSDS in den Recall käme. Überhaupt ist ja der sensible Sänger mit Gitarre seit den Herren Bendzko oder Poisel wieder salonfähig in Deutschland. Ole Riebesell ist so einer, der gefühlige Folkballaden spielt, in deutsch oder englisch, mit weicher warmer Stimme. Und doch nicht in Erinnerung bleibt. Da ist sie, die Generation YouTube, stromlinienförmig, sich selbst ihrer Ecken und Kanten beraubend, und doch bei allem Talent in der Beliebigkeit verschwindend. Platin Projekt gefallen sich sichtlich auf der Bühne und produzieren doch nur Schulhof-Punk, der von weitem an Kraftklub erinnert, zuweilen Gossip zitiert und sich mainstreamend in die Belanglosigkeit verabschiedet. Und The Fläsh überzeugen mehr durch die grünen Hosen als Markenzeichen denn durch ihren harmlosen Punkrock, bei dem sich die Nähe zu Kraftklub ebensowenig verleugnen lässt. Talent haben sie alle, Freude an der Musik auch, nur fehlt so manchem noch der Mut, hinter den Vorbildern hervorzutreten und sich selbst in die Musik zu werfen.

Die jüngsten Teilnehmer des diesjährigen Treffens junge Musik-Szene: Rockfish aus Ulm Jonny Bix Bongers

Die jüngsten Teilnehmer des diesjährigen Treffens junge Musik-Szene: Rockfish aus Ulm Jonny Bix Bongers

The Ows aus Köln sind da schon ambitionierter, ihre Musik irgendwo zwischen Britpop und den Kings of Leon angesiedelt, mit leicht melancholischem Einschlag und einigem an atmosphärischer Dichte. Nicht weit weg sind Maha Tribe aus Berlin, die mit irisierenden Gitarrenläufen ihren kraftvoll treibenden Alternative Rock immer wieder abheben lassen, ihm Zwischentöne verpassen, eine Ambivalenz, die zum Zuhören animiert. Gitarrengrundierten Elektropop spielen Shaky Foundation, die zwar irgendwo zwischen Coldplay und Radiohead stecken bleiben, aber hörbar ihren eigenen Weg in unwegsamem Terrain suchen. Freund von Anton, der eigentlich Finn heißt, spielt ironisch-ernste Balladen am Klavier, mal getragen, mal bluesig rhythmisch, die alltägliche und doch ein wenig absurde Geschichten erzählen und klingt dabei wie ein junger Leonard Cohen. Begeistern kann Marie Diot, auch eine Geschichtenerzählerin im Reich des ganz normal Absurden, die sich selbst an Synthesizer oder Keyboard begleitet und von lügenden Politikern oder bigamen Beziehungen erzählt und die Singer-Songwriterklischees mit ihrer Instrumentierung mal so richtig gegen den Strich bürsten. Eindrucksvoll auch der 21-jährige Jonny Bix Bongers, der auch Folkpop spielt, aber mit einer Abgeklärtheit, einem unaufdringlichem Ernst, stimmigen Melodien und glaubwürdigen texten, dass er klingt, wie einer, der etwas zu sagen hat. Und dann sind da die jüngsten: Rockfish aus Ulm, 14 und 15 Jahre alt, überdrehte Rampensäue, die Punk und metal durch die Boxen jagen und wie selbstverständlich mischen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht und deren rotzig pubertäre Texte das eigene Alter nicht verleugnen. Sie wollen Spaß haben und nicht so tun, als wären sie etwas anderes als drei Jungs, die Lust darauf haben, auf der Bühne zu schwitzen. Nichts dagegen zu sagen. Weniger Anspruch ist manchmal eben doch mehr. Und vielleicht färbt das an den folgenden Tagen auf den einen oder anderen ein wenig ab.

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