Die Monster in uns

David Greig: Monster, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Simon Solberg)

Von Sascha Krieger

Erwachsen zu werden gehört ja bekanntlich nicht zu den einfacheren Aufgaben im Leben eines Menschen. Herauszufinden, wer man ist, sein kann und will, das und damit sich selbst zu akzeptieren und zu entscheiden, wie man mit diesem neu gefundenen selbst umgehen, wohin man es führen soll, ist ein Rezept für Überforderung. Wenn dann die Mutter tot ist und der Vater aufgrund einer MS-Erkrankung physisch wie psychisch zunehmend verfällt, wird die Aufgabe nicht leichter. Da lauern die Monster überall – wie im Falle von Duck, die, ganz auf sich allein gestellt, wenigstens diese Ruine einer Kernfamilie aufrechtzuerhalten versucht. Da braucht es Auswege und Abwehrmechanismen. Bei Duck ist es das Geschichtenerfinden, Geschichten, in denen sie als Heldin sich den schrecklichen Monstern im Flur entgegenstellt. Die Monster, das ist die externalisierte, fass- und greifbar gemachte Angst und Verzweiflung, das, was im Inneren nagt und ausgespült werden muss, will man nicht komplett die Kontrolle verlieren. In David Greigs Stück ist die Fantasie nicht mehr Erweiterung von Vorstellungs- und Gedankenwelt, Gelegenheit, dem Nichtvorstellbaren doch näher zu kommen, die Realitätsoptionen weiter zu denken – sie ist schlichte, nackte Notwehr, notwendig, um irgendwie weiterzumachen, zu überleben.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Simon Solberg lässt sich in der Box des Deutschen Theaters ganz auf die zunehmende Verquickung von Realität und Imagination ein. Da werden die – eigentlich recht knuffigen – Monster zu Agenten der Krankheit wie zu ebenso hilflos dahin stolpernden Weggefährten, ohne die es eben auch nicht geht, verzahnen sich Erinnerung und Gegenwart, kämpft Kriegerin Duck wie eine Lara Croft auf Hartz IV im virtuellen Raum, spalten sich Szenen mit Video, Lichtprojektionen und im Raum verteilten Darstellern in fragmentierte Multidimensionalität, die der Zuschauer durch Erweiterung des eigenen Blickfelds – im Wortsinn! – wieder zusammenbringen muss. Projizierte erklärungstexte zur Krankheiten werden pantomimisch illustriert, das Ringen um Restrealität zum Talkshow-Verhör, das kleine Sozialwohnungsdrama zur griechischen Tragödie. Die Grenzen verschwimmen, der Kampf ums kleine, gerade beginnende leben fächert sich auf in unterschiedliche Ebenen und lässt sich erst so, im schwebende Zwischenraum, fassen. Denn die Fantasie ist hier der einzige Ausweg, erlaubt sie doch dem in der tristen Ausweglosigkeit gefangenen Individuum andere Blickwinkel, die ihn sehen lassen, was sonst verborgen bleibt. Wenn der Inszenierung etwas ganz besonders gut gelingt, dann ist es, diesen vor allem geistigen Befreiungsprozess sicht- und erlebbar zu machen.

Inmitten dieser virtuellen wie realen Raumerweiterung und kaleidoskopähnlichen Auffächerung agiert das gemischte Ensemble – zwei DT-Schauspieler und zwei Studierende der „Ernst-Busch“-Hochschule – mit großem Einsatz und Erfindungsreichtum. Linn Reusse gibt Duck als trotziges Kind und abgeklärter Leidensroutinier mit großen Augen und ungebremstem Spieltrieb, Helmut Mooshammers Vater ist ein fein beobachtetes mentales wie körperliches Wrack mit Willen zur Restwürde, Gregor Schleuning eine wunderbare Karikatur eines verklemmten Gymnasiasten, der dann doch den Blick auf so manchen verdrängten Schmerz erlaubt. Grandios ist die Sozialarbeiterin von Natali Seelig zwischen Arroganz, bürokratischer Kälte und Burn Out. Hier ist jeder überfordert mit der Kategorisierung von Leben, der Bewertung des nichtbewertbaren, dem Kampf mit den Monstern. Denn die die man sieht in dieser Scheinwelt, dieser Idylle aus Karton, sind nicht die gefährlichen. Bedrohlich sind nur die in uns selbst, die um sie bekämpfen zu können, erkannt werden, ja sichtbar gemacht werden müssen. Duck tut dies mit dem Geschichtenerzählen, Greig und Solberg nicht viel anders. Monster ist eine Feier der Imagination, ein Plädoyer für die Fantasie und eine Arbeit, die auch im Grips-Theater oder an der Parkaue funktionieren würde. Das ist durchaus als Kompliment zu verstehen.

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