Spaß im Benz

Nach Friedrich Hebbel: der Untergang der Nibelungen – The Beauty of Revenge, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Deutschland ist ein demolierter Mercedes. Der Lack glänzt noch, aber der Schaden ist nicht wegzureden. Oder doch? Mit geradezu wird seine schwarze Flanke gestreichelt und liebkost, als sei alles wunderbar. Der schöne schein regiert: Man zuckt lächelnd und selbstbewusst zum Techno-Beat, wirft sich in Pose, sondert optimistische Reden im Licht des mobilen Scheinwerfers immer dort ab, wo der Lichtstrahl gerade hinfällt. Am Ende sitzt Dmitrij Schaad als Hagen von Tronje in schicker Lederjacke da, geschlagen schon, und predigt doch vom Zukunftsstandort, vom Glauben ans Wachstum, wirft den Weltmeistertitel in die Waagschale und behauptet trotzig: „Noch sind wir wer!“. Dann wird es dunkel. Das Auto mit dem Kennzeichen „B-RD 8914“ – wir befinden uns schließlich im Jubiläumsjahr des Mauerfalls – steht da schon längst in der Ecke. Der Nibelungenmythos als künstlich aufgepfropfte Sinn stiftende Legend der deutschen Nation, hat sich ad absurdum geführt. Aufgegeben werden darf sie nicht. Denn wenn sie wegbricht, mit dem Stolz aufs „Made in Germany“, mit der Zuversicht in Wachstum und Wohlstand und weltoffenheit, was bleibt dann noch? Eine Neubewertung, Hinterfragung, Neukonstruktion des eigenen Selbstverständnisses? Nein, so weit darf es nicht kommen. Dann lieber untergehen, mit fliegenden Fahnen natürlich, auch wenn die Hand zittert. Fassade ist schließlich alles.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Da ist es auch egal, dass die in gold-schwarzen T-Shirts uniformierten Nibelungen sich zuvor gebärdet haben wie eine spätpubertäre Gang, die martialisch-aggressiv das gemeinsame beschwören, um das als andersartig Empfundene auszuschließen, Brunhild im Auto vergewaltigen und den Mord an Siegfried als ausschweifend entgrenzte Orgie zelebrieren. Nur immer schön den ASchein waren, alles sei gut – bei Sebastian Nübling wird die Spaßgesellschaft zur monströs verzerrten Verdrängungsmaschinerie. Da strahlt Kriemhild als Luxusweibchen, wird die prollig fremdartige Brunhild schnell auf Linie gebracht und der sich Gleichstellung anmaßende Siegfried, ein Auswärtiger, einer der nicht dazugehört, ausgegrenzt. In grellen Farben zeichnet Nübling das entlarven sollende Zerrbild einer Gesellschaft, die sich als tolerant und weltoffen begreifen will und doch den Anspruch erhebt, führend zu sein, vor den anderen zu stehen, besser zu sein, kurzum: deren Lebenselixier die Ausgrenzung ist, die, um sich zu behaupten, sich erheben muss. Und letztlich an ihrer Schizophernie zu Grunde geht.

Je länger der Abend dauert, je mehr die Masken fallen, desto mehr sind die vermeintlich Starken Gefangene des eigenen Anspruch, winden sie sich wie zwanghafte, fremdgesteuerte Automaten, deren Mechanik zunehmend aussetzt. gesteuert werden sie nun von roboterhaften Wesen in kaltem Schwarz-Weiß, kalt-lächelnden Puppen, die vor der Pause als Dienstpersonalnützlich waren, um danach als Hunnen die Oberhand zu gewinnen. Sie sind die personifizierte Angst vor dem Fremden, Projektionen der eigenen Schuld und der befürchtung, das ausgegrenzte schlüge irgendwann zurück. Und so erstarrt das stolze Gemeinwesen in den Zuckungen lähmender Angst, stürzen sie die eigenen Komplexe in den Untergang. Da hilft es auch nicht, rotzig zu klagen: „Hier hat alles so einen „Negativtouch“ Wer sein Selbstverständnis auf dem Verdrängen aufbaut, merkt irgendwann, das nicht viel übrig bleibt.

Nüblings Nibelungen-Remix ist grell, durchzogen mit Slapstick-Elementen, düster und absurd – und lässt den Zuschauer doch kalt. Zu uneben ist der Abend, zu plakativ die Botschaft, zu wenig ausbalanciert das Nebeneinander von greller Überzeichnung und uninspirierter Textdeklamation. Mal berauscht man sich an Regieeinfällen, nur um im nächsten Moment vom Blatt zuspielen. Und so fehlt dem Abend der Zug die Kosequenz, die Linie. Zu wichtig sind die witzigen Ideen, zu wenig der Blick gerichtet aufs große Ganze. Der Abend zerfällt in fragmentarische Episoden, die bereits Gesagtes wiederholen, sich in Oberflächlichkeiten verlieren, das lustvoll karikierende Spiel für wichtiger nehmen als die intendierten Bedeutungsebene . Und so passiert der Inszenierung, was sie dem verzerrt porträtierten Land vorwirft: Sie verliert sich im Oberflächlichen, im schönen Schein und macht es dem Zuschauer viel zu leicht, nicht hinter die Fassade zu schauen. Vielleicht war es ja Nüblings Ziel, den beschriebenen Ausgrenzungs- und Verdrängungsprozess erfahrbar zu machen, in dem ihn der Abend spiegelt. Das zumindest wäre ihm gelungen.

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