Der Schlüssel zur Musik

Nikolaus Harnoncourt und das Concentus Musicus Wien zu Gast im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Nikolaus Harnoncourt ein Paradoxon: Er gilt als ein musikalischer Revolutionär, dessen bahnbrechende Errungenschaft darin bestand, mit der Gründung seines Ensembles Concentus Musicus Wien vor mehr als sechzig Jahren den Weg bereitet zu haben für das, was wir heute historisch-informierte Aufführungspraxis nennen, nämlich die weitgehende Annäherung klassischer und vorklassischer Werke an die Art und Weise, wie sie zu ihrer Entstehungszeit aufgeführt wurden, samt Nutzung historischer Instrumente. Also auf den ersten Blick ein rückschrittlicher, Jahrhunderte musikalischer Entwicklung negieren wollender, ja musealer Ansatz. Harnoncourt hat das nie so gesehen, ihm ging es von Beginn an darum, Werke zu emanzipieren von verkrusteten Routinen und eingespielten Hörgewohnheiten, sie so hörbar zu machen, als würde man ihnen – wie eben zu ihrer Entstehungszeit – zum ersten Mal begegnen. Dabei ist Harnoncourt kein Purist, hat die größten Orchester der Welt dirigiert, doch eines hat ihn stets ausgezeichnet, egal, ob die vor ihm sitzenden Musiker „historische“ oder „moderne“ Instrumente spielten: Er wollte gemeinsam mit Orchester und Publikum Musik entdecken, zu ihrem Kern, ihren reinsten ausdruck vordringen, die erlebbar zu machen wie nie zuvor – unmittelbar und ohne die Patina überkommener Konventionen. Es ist ein Ansatz, mit dem der mittlerweile 85-Jährige noch heute zu überzeugen weiß. Wer das Privileg hatte, vor drei Jahren seine atemberaubende Interpretation von Beethovens Fünfter mit den Berliner Philharmonikern miterleben zu dürfen, wird dies bestätigen. Die Besucher seines Berliner Gastspiels mit dem Concentus Musicus im Berliner Konzerthaus ebenso.

Nikolaus Harnoncourt (Foto: Photowerk/Werner Kmetitsch)

Nikolaus Harnoncourt (Foto: Photowerk/Werner Kmetitsch)

Auf dem Programm steht ein reiner Mozartabend, den Harnoncourt zunächst mit ein paar Erläuterungen und Hörbeispielen beginnt. Sein Bedürfnis, den Zuhörer hineinzuführen in die Musik, wird dann auch beim Dirigat der „Haffner-Serenade KV 250“ mit dem Marsch KV 249 hörbar. Die „Gebrauchsanleitung für eine Ehe“, als die er die Hochzeitsmusik scherzhaft bezeichnet, zeichnet sich von Beginn an aus durch eine Kraft, die pur und frisch wirkt wie bei einer ersten Begegnung und die aus dem Inneren der Musik heraus kommt. Der Klang seines Orchester ist rauer als bei herkömmlichen Orchestern, er hat einen dunklen Grundton und wirkt stets höchst konzentriert, die Tempi sind in aller Regel schnell bis rasant. Harnoncourt akzentuiert die Pausen, wie er überhaupt musikalische Brüche, sei es in Rhythmus, Tempo oder Lautstärke, deutlich herausarbeitet. Die Rhythmik ist von höchster Trennschärfe, das Klangbild schlank bis hin zur Kargheit, das Spiel von Formstrenge und klarem dramatischen Gestus geprägt. Die Pauke gibt den Ton an und sorgt dafür, dass hier nicht süßlich wirkt. Im Gegenteil schon vor dem dritten Satz in g-Moll durchzieht das Werk eine eigentümliche Melancholie, die bei aller schwungvollen Freude stehts präsent bleibt. Die Monotonie des Immergleichen im zweiten Satz lässt er fast leiernd spielen, im dritten stellt er dem strengen und dunklen Menuetto ein bewegendes, von Erich Höbarths Solo-Violine bestimmtes Trio entgegen. Immer wieder schleicht sich ein barock anmutender Ernst ein, der die Wurzel, aus denen Mozarts Musik erwächst, deutlich erlebbar werden lässt. Das Spiel von konzentrierter Strenge und beschwingter Leichtigkeit in den Streichern setzt sich auch im Rest des Werks fort. Saftes Lächeln und strenge Festlichkeit prägen den sechsten, beinahe pastoraler, jedoch stets dunkel grundierter Schwung den siebten Satz. Dass das Werk weit über 200 Jahre alt ist, will man nicht glauben, so frisch und unmittelbar wirkt es, befreit vom Ballast romantischer Aufführungstradition und Hörgewohnheiten.

Auch durch die anschließende „Linzer“ Sinfonie KV 425 weht ein reinigender Wind. Fast wähnt sich der Zuhörer in einer Akademie der Mozart-Zeit, so intim intonieren die Musiker, darunter Harnoncourts Frau Alice, Gründungsmitglied des Ensembles, das innerhalb von vier Tagen entstandene Werk. Dem sich der Dirigent mit äußerster Verknappung nähert: Die Noten werden so kurz gespielt wie irgend möglich, derK lang ist bis auf den Kern reduziert, das rhythmische Korsett eng geschnürt. Erneut akzentuiert Harnoncourt jegliche Bruchstellen, wählt schnelle Tempi und zieht die Kraft der Musik direkt aus der Partitur. Vor allem im langsamen Satz verhindert er das Dahinplätschern durch klug gesetzte Störmaneuver, auffahrende Bläser etwa oder die dominant einbrechende Pauke. Düsternis und Lebensfreude halten sich die Waage in einem fragilen Gleichgewicht. Sehr energisch und kraftvoll kommt der dritte Satz daher, mit großer Anmut das Trio, bevor das Finale auf festem Boden und doch leichten Fußes dahineilt. Harnoncourt holt noch einmal höchsten Kontrastreichtum aus der Partitur und beschließt den Abend mit einer Entfaltung ursprünglicher Kraft, die den Zuhörer nach Luft schnappen lässt. Wer wissen will, warum die historische Aufführungspraxis eine so revolutionäre Auswirkung auf die Art und Weise hatte und bis heute hat, wie insbesondere barocke und klassiche Werke interpretiert werden, dem sei ein Konzert des Concentus Musicus Wien empfohlen. Hier lässt sich lernen, wie sich größte Kraft ganz ohne Muskelspiel und theatrale Dramatisierung erreichen lässt. Denn eines lehrt uns Harnoncourt: Die Kraft zu bewegen, zu erschüttern und zu begeistern, muss man nicht an die Musik herantragen. Sie ist in ihr immer schon enthalten. Nikolaus Harnoncourt überreicht uns lediglich den Schlüssel zu ihr.

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Ein Gedanke zu „Der Schlüssel zur Musik

  1. […] so aufzuführen, als begegnete man ihm zum allerersten Mal. Das war bereits vor wenigen Wochen im Gastspiel mit dem von ihm gegründeten Concentus Musicus Wien und einem reinen Mozart-Programm zu hören und das gilt auch diesmal, wenn er zum Höhepunkt einer […]

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