„Der Anfang kommt noch!“

Tessa Blomstedt gibt nicht auf. Ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler & Ensemble, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

Christoph Marthaler ist der Meister des Wartens, der Zwischenwelten, in denen die Zeit stillsteht, sich zerdehnt, ihre Linearität verliert und der Status Quo keine Anstalten macht, sich in irgendeine Richtung auflösen zu lassen. Marthalers Theater ist eines der Vorhölle, in der die Hoffnung noch nicht erloschen ist, aber von der Wirklichkeit längst nicht mehr gefüttert wird. Wer wartet, hofft, dass das, worauf man wartet, irgendwann eintritt, doch spätestens seit Beckett ist die Gewissheit, dass dies nicht so sein wird, stets in die Hoffnung eingeschrieben. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Marthaler in den „Wartesaal der Liebe“ (um einen nicht zu Unrecht vergessenen frühen Versuch der späteres Weltstars von ABBA, sich im deutschen Schlager zu verkrallen, zu zitieren) begeben würde, in die wundersame Welt der Partnerschaftsanbahnung. Bei Marthaler ist sie ein abgeranztes Fabrikloft mit kahlen Wänden und Sperrmüllanmutung (Bühne wie stets: Anna Vie, das sich an seine besten Zeitung kaum noch erinnern kann. Und auch wenn man hier längst im Internet unterwegs ist – wir befinden uns in einem „Testsiegerportal“ – versprüht alles den „Charme“ eines Instituts, das die Zeit überrollt hat. Wie eigentlich immer bei Marthaler steht sein Universum zwischen den Zeiten, eine vergessene Parallelwelt, die sich selbst am Leben erhält, mehr schlecht als Recht, vor allem aber ein entlarvender Zerrspiegel unserer vermeintlichen Realität.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Bevölkert wird sie von skurrilen Gestalten, wie geklont wirkenden weiblichen Wesen in Tiger- und Leopardenblusen, die dringend ein Softwareupdate benötigen. Immer wieder hängt sich der Sprach-Computer auf, wirft die Bewegungssteuerung Fehlermeldungen aus. Der Wunsch, der Unsicherheit echter menschlicher Beziehungsversuche durch die Zuverlässigkeit des Digitalen zu entfliehen – Clemens Sienknecht wird später seinen Wunsch verkünden, eine Software werden zu wollen – erweist sich schnell als Trugbild. Wenn der Agenturchef (Ulrich Voß) wie eine Vertreterkarikatur aus den 1970ern am Rednerpult (!) die Grundprinzipien der Imagebildung referiert, haben wir die Wirkung lägst gesehen: Wie Irm Hermann zu Beginn mit wachsender Hilflosigkeit und eingefrorenem Lächeln mechanisch und gewollt anmutig tanzt, während das Damenquartett neben ihr Udo Jürgens‘ musikalischen Lebensrat an seine Tochter („Ich wünsch‘ dir Liebe ohne Leiden“) intoniert, ist zweifellos komisch – es fährt jedoch gleichzeitig dem Zuschauer in seiner existenziellen Verzweiflung ins Mark.

Überhaupt der Schlager: Es ist die heile Welt des schönen Scheins, den Marthaler seinen Vorhöllenbewohnern als Folie mitgibt. Da haucht sich das Gesacgsquartett durch Helene Fischers „Atemlos“, orgelt Clemens Sienknecht Matthias Reim wie beiläufig weg und serviert die grandiose Sängerin Tora Augestadt zuletzt einen Schlager-Diva-Auftritt mit Ohrwurmgarantie. Die intellektuell anspruchsvollen Schlagertexte werden streckenweise rezitiert und prallen damit in wunderbarer Weise auf das musikalische Schmalz, etwa wenn Irm Hermann mit der ihr eigenen Diktion aus ernst und Strenge Jürgens-Passagen rezitiert oder Voß den „Atemlos“-Refrain wie ein aufgebrachter Wut-Rednerherausbrüllt. Da bricht das – durch auf Leinwand projizierte Illusionsbilder aus Werbung und Fernsehen verstärkte – „Heile-Welt“-Liebesbild krachend zusammen, nur um gleich wieder frühliche zombiehafte Urständ zu feiern. Der Gegenentwurf sind Barockarien, etwa von Henry Purcell, die Marthaler in ihrer emotionalen Ernsthaftigkeit und ihrer universellen Wahrheit, die den – echten – Schmerz stets einschließt, dem Schlager-Kitsch entgegenstellt. Zugegeben, sie gehen zuweilen unter und schlagen doch einen Widerhaken ins abgestandene konservierte Schlagerfleisch.

Dazu winden sich die Körper in immer frenetischer werdenden mechanischen Endlosscheifen, wird der Agenturchef zum Retrovirus und lassen sich die Risse in der Oberfläche kollektivier Selbstillusionierung nicht mehr leugnen. Und doch muss es weitergehen, also singt man Schlager, ergeht sich in bausteinartig zusammengestückelten und längst sinnentleerten pseudophilosophischen Bedeutungsgebungsversuchen und treibt Marthaler Ensemble, Abend und Zuschauer in einen Strudel ebenso komischer wie schmerzhafter Absurdität, die der skurrile musikalische Zeremonienmeister und Anti-Schönling Sienknecht wohl am besten symbolisiert. Wer Tessa Blomstedt gibt nicht auf als karikierende Schlagerrevue rezipiert, hat zweifellos seinen Spaß, verpasst aber so manches. Hinter der Persiflage gähnt ein Abgrund, droht die schwarze angst, das Leben könne sinnlos sein, die Welt nicht konstruiert, dem Individuum Glück zu verschaffen. Die Groteske, das Zauberwerk der Absurdität, die der Abend entfaltet, sind alles andere als harmlos, der Wunsch, im Digitalen aufzugehen (grandios: die Aufforderung aus dem Off an Hermanns Tessa, die Blumen für „digitale Floristik“ aufzugeben) kein Ausweg, aber eben auch nicht der Grund allen Übels. Die Flucht vor der Wirklichkeit hat nicht mit dem Internet begonnen, wer in Marthalers Abend vor allem eine Kritik der Datingportalindustrie sieht, greift zu kurz. Nein die Wurzeln stecken tief ins uns drinnen, der lächerliche Wunsch nach Sinn und Erfüllung ist unser aller Lebenselixier. Und so ersteht am Ende der Schlager nochmals strahlend auf. Wir wollten es so. Und wenn Hermann am schluss – wie schon zu Beginn – uns auffordert sitzen zu bleben, denn: „Der Anfang kommt noch!“, ist das durchaus als Drohung zu verstehen. Tessa Blomstedt gibt nicht auf ist sicher einer der unterhaltsamsten Marthaler-Abende geworden – er ist auch einer der besseren.

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