Tasten in der Dunkelheit

Konzerthausorchester Berlin und Dresdner Kreuzchor spielen Haydns Oratorium Die Schöpfung

Von Sascha Krieger

Zweifellos gehört Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung  heute zu den populärsten Werken des ältesten der Wiener Klassiker. Etwas seltsam anmutet es jedoch bis heute. Das hat sicher damit zu tun, dass Haydn hier unverblümt zurückblickt und sich an einem musikalischen Konzept versucht, das zum Entstehungszeitpunkt schon längst der Vergangenheit anzugehören schien. Die Blütezeit der großen protestantischen Oratorien lag im Barock, bei Bach und Händel, die aufgeklärte Zeit der Wiener Klassik hatte wenig dafür übrig. Zumal Haydn das Genre auch nicht wirklich in seine Gegenwart holt – immer wieder fällt Die Schöpfung in barocke Klangmuster, insbesondere die Polyphonie der großen Chorpassagen haben mit Händel viel mehr gemein als mit Mozart oder gar Haydns eigenem Werk. Den Schmerzensgestus der Bachschen und in geringerem Maß auch der Oratorien Händels will er nicht wiederholen, stattdessen sucht er sein Heil in volkstümlichen Weisen, dessen Tendenz zur Lautmalerei heute irritiert. Und so so ganz will auch der Händelsche Jubel nicht gelingen. kurz und gut: Haydns Schöpfung ist ein Werk, das mit sich ringt, aus der zeit gefallen und doch in seine Zeit drängend wirkt, ohne dort anzukommen. Für heutige Interpreten erleichtert das den Zugriff nicht gerade. Da kommt Roderich Kreile, seit 1997 Leiter des Dresdner Kreuzchors vielleicht gerade recht, ein Dirigent, der aus der kirchlichen wie der chorischen Tradition kommt und musikalisch fest verankert ist. Und der Haydns Großwerk die Intimität zurückgibt, die Kirchenmusik zumeist eigen ist, ohne ihn in Ernst und Strenge versauern zu lassen. Diese Genesis-Vertonung ist eben zu allererst eine Feier des Lebens.

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Von Beginn an setzt Kreile auf Entscheunigung, wählt zuweilen extrem langsame Tempi und gibt der Musik einen tastenden, unsicheren Impetus, der dieser Reise aus dem Nichts ins Licht durchaus entspricht. Die Einleitung, in der Haydn den Weg der Lichtwerdung aus dem Chaos nachzeichnet gerät dabei etwas schwer, das Tutti-C, das den Schlüsselsatz „Und es ward Licht!“ begleitet, will nicht recht strahlen. Die große Geste liegt Kreile nicht, er fühlt sich wohler in den leisen Tönen, die er das Konzerthausorchester meist hintupfen lässt. Das Klangbild ist reduziert, von einiger Transparenz und erzeugt immer wieder offene Räume. Die lautmalerischen Elemente werden voll ausgekosten, durchaus mit einem wissenden Lächeln in der wunderbar erblühenden Passage von der Erschaffung der Tiere. Mit beinahe kindlicher Freude stürzt Kreile das Orchester in die miniaturhaften Charakterisierungen, die Haydn hier vornimmt und die so gar nicht zur protestantischen Strenge anderer Teile des werks passen will. Das lebensfrohe, Volkstümliche steht denn auch im Mittelpunkt und wird von Kreile wiederholt akzentuiert, etwa gleich zu Beginn im zweiten abschnitt, der die schwere des Beginns auf leichten Füßen davonträgt. Dem Orchester gelingt ein nuancenreicher kammermusikalisch anmutender Ton, der sich immer wieder zurücknimmt, nie auftrumpft und auch die triumphalen Teile nicht in Überwältigung ausarten lässt.

Das Solistenquartett passt da perfekt ins Bild: Sopranistin Barbara Christina Steude schlägt einen klaren, schlanken erzählerischen Ton an, der keine Kraftmeierei braucht, Bass Andreas Scheibner erweist sich als Meister des Rezitativs, seine nüchterne Stimme hat einen Ausdrucksreichtum, der auch Humor zulässt. Tenor Virgil Hartinger liegen die stilleren, narrativen wie lyrischen Passagen besonders, auch er ist ein Meister der subtilen Nuance, der ausdrucksreichen Narration, die strahlenderen Elemente liegen ihm hier weniger. Über allem thront aber natürlich Kreiles Kreuzchor, der zeigt, wie sehr ihm das Subtile liegt, die eigene Zurücknahme, die Verbindung von technischer Perfektion und innigem Ausdruck. Natürlich verfügt er über einiges n Kraft, wie er nicht zuletzt im schlusschor beweist, doch speist sich diese aus dem Inneren der Musik, geht es hier nie um eine Leistungsschau chorischen Vermögens. Hier greifen die Elemente perfekt ineinander, am atemberaubendsten wohl im Beginn des 30. Abschnitts, einem Terzett mit Chor: Wie sich die Stimmen in staunendem Jubel  emporschwingen, einander stützen und anfeuern, der Chor ihnen ein himmlisch schwebend Kissen verleiht und das Orchester mit feiner Rhythmussetzung den Gesang erdet, zeugt von großer technischer wie interpretatorischer Meisterschaft.

Bei aller Reduktion: Kreile entlockt der Musik einen ungemeinen Reichtum a Ausdrucksmodi: Karke Barockanmutung steht neben lautmalerischer Fülle, schwungvolle Passage wechseln sich ab mit strenger Rhythmik, freudige Lebendigkeit paart sich mit inniger Lyrik, Introspektion mit dem streben ins Weite. Kreile verweigert sich dem Diktat der Größe, dem Zang zur Erhabenheit und wählt einen kammermusikalischen Ansatz, der das Werk atmen lässt, in all seiner Ambivalenz, seiner Unentschlossenheit, seiner zuweilen kaum zu überhörenden Ziellosigkeit. Er interpretiert die Schöpfungsgeschichte mehr als Tasten im Dunkeln, als Suchen nach dem richtigen Werk, und macht diesen fragenden Ton in Orchester,Chor und Solisten hörbar. Wer ins Konzerthaus gekommen ist, um sich überwältigen zu lassen ist hier falsch. Es ist ein Abend zum genauen Zuhören geworden. Wer sich darauf einlässt, wird ihn nicht bereuen.

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