Verwandte Seelen

Andris Nelsons und Emmanuel Ax zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Als Sir Simon Rattle bekannt gab, seinen bis 2018 laufenden Vertrag als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht zu verlängern und die Spekulationen über seinen Nachfolger einsetzten, fiel sein Name mit am häufigsten: Andris Nelsons. Dabei ist der Lette keiner, der sich in den Vordergrund drängt, ein akribischer Musikerforscher, ein detailversessener Offenleger, einer bei dem Analyse und musikalische Freiheit eine erstaunliche Symbiose eingehen. Die Spekulationen sind leiser geworden, seit Nelsons ein anderes Spitzenorchester, jenes in Boston, übernommen hat, und doch hat bislang jeder Gastauftritt bei den Philharmonikern den Wunsch verstärkt, diesen Ausnahmedirigenten fest nach Berlin zu holen. Vielleicht ist es diese Mischung aus Erwartungsdruck und Bescheidenheit, die Nelsons dazu bringt, bei seinem neuerlichen Gastspiel die zweite Reihe zu suchen. In die erste schickt er den Pianisten Emmanuel Ax, auch einer, der eher scheu im Rampenlicht steht und die Ovationen nicht zu Recht glauben mag. Zwei verwandte Seelen, bei denen die Musik zählt und nie das eigene Ego. Und erneut erweist sich Nelsons als Meister des Konzertabends, dem es gelingt, die Verbindungslinien der verschiedenen werke und Komponisten aufzuzeigen, Verwandtschaften zu betonen und dem Abend einen übergreifenden Spannungsbogen zu geben, ohne den Charakter der einzelnen Werke zu verfälschen oder sie in ein Korsett zu zwängen.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Und welche Magie Ax seinem Instrument zu entlocken weiß: Natürlich ist sein Anschlag glockenklar, perlend und präzise, sein Spiel fließend und doch voller Nuancen, doch erschöpft es sich nie in reinem Schönklang. Auch nicht in Mozarts Klavierkonzert Nr. 14. Ax sucht die Brüche, setzt Widerhaken, interpretiert die Kadenz im Kopfsatz auf geradezu widerborstige Art. Dabei lässt er die berückende Kantabilität des Werks nie aus den Augen: Wer sich zurücklehnen und den Fluss dieser Musik genießen will, kann das tun, aber genauso lädt Ax ein, hinter die Fassade zu schauen. Vor allem im zweiten Satz sucht er die Zwischentöne in Mozarts vorausweisender und hier stark chromatisch geprägter Musik, die zuweilen irritierend zwischen Dur und Moll pendelt. Ax arbeitet fein die Verunsicherung heraus, die sich hier verbirgt, die Unklarheit, wie es weitergehen kann, ein fragender Impetus, den im Kopfsatz vor allem das Orchester innehatte. Überhaupt entspinnt sich ein atemberaubend spannender Dialog zwischen dem schnörkellosen, schlanken, konzentrierten Orchesterklang und dem vor allem im Schlusssatz immer freier werdenden Spiel des Solisten. Man treibt auseinander, reibt sich aneinander, ringt um den Zugang zu diesem gar nicht schlichten Werk und öffnet dabei im spannungsvollen Mit- und Gegeneinander musikalische Räume, die so manches andeuten, was Mozart in dieser seiner mittleren Schaffensphase wohl noch gar nicht ahnte. Und auch wenn der letzte Satz schärfer ausfällt und vor allem im Orchester einige Ecken und Kanten aufweist: Die pure Schönheit dieser Musik ist immer gegenwärtig.

Richard Strauss‘ anschließender Burleske in d-Moll lädt dann eher zum freieren Herumspringen im musikalischen Feld ein. Ax tut gut daran, diesem Drang nicht zu folgen. Stattdessen arbeitet er die unterschiedlichen Ausdrucksmodi und Rhythmusmuster, die Strauss zunächst aneinanderreiht, detailscharf heraus, ohne seinen betörend klaren Klang, sein mühelos wirkendes fließendes Spiel aufzugeben. Energisch ist sein Anschlag und doch von großer Leichtigkeit. Das Orchester zieht sich immer wieder zurück, nur um sogleich umso schärfere Akzente zusetzen – das ringen, das sich bei Mozart andeutete, setzt sich hier in verstärkter Weise fort. Immer wieder öffnet Nelsons den Klang, um ihn in den Fortissimo-Passagen wieder zu konzentrieren. Ax und Nelsons interpretieren das einsätzige Werk als Zusammenfinden von Bruchstücken, das dann in eine Suche nach den richtigen weg mündet. Wie sich in der zweiten Stückhälfte Ax‘ perlend luftiges Spiel und Nelsons‘ abweisende Fortissimo-Blöcke aneinander reiben, aufeinander prallen, ist eindrucksvoll. Wie schon bei Mozart endet das Ringen wie beiläufig, ohne einen Sieger, bleiben die Ambivalenz bestehen, die Fragen unbeantwortet.

Die dann Nelsons und sein Orchester allein aufgreifen müssen. fehlt dem berühmten Beginn von Strauss‘ Also sprach Zarathustra noch ein wenig die Balance, gerät der musikalische Urknall zu wuchtig und unscharf, findet Nelsons schnell in das komplexe wie rätselhafte musikalische Universum der Fantasie über Nietzsche hinein. Es ist eine Musik auseinanderstrebender Gleichzeitigkeit, die Nelsons entfaltet: Filmhaft breite Streicherwände, ein babylonisch farbenreiches Stimmengewirr und subtile Erforschungen tonaler Auflösungserscheinungen stehen so selbstverständlich gemeinsam im Raum, wie das Leben jederzeit einander Ausschließendes zu vereinen tendiert. Das Spiel aus glatter Oberfläche und ihrem Aufbrechen, das Ax und Nelsons vor der Pause dialogisch ausgefochten haben, findet sich nun auf engstem Raum, holt der Dirigent jetzt in die Gleichzeitigkeit. Der neue 1. Konzertmeister Noah Bendix-Balgley, der hier debütiert, und seine ersten Violinen betonen die Süßlichkeit der wienerisch anmutenden Melodien, ohne sie ernst zu nehmen oder ins Groteske zu ziehen, der Spott ist präsent, aber subtil. Nelsons begreift das Werk als Einheit, lässt die verschiedenen abschnitte ineinander greifen und fragmentiert das musikalische Material gleichzeitig innerhalb der Episoden. Am Ende zeigt sich die musikalische Ambivalenz nochmals in atemberaubender Klarheit. Einer weiten Öffnung des Raums in glitzerndem Farbenspiel folgt ein Rückzug ins Intime, ins fragend Lyrische, bevor das Werk seinen Atem sacht aushaucht. Und so endet eine weitere beeindruckende musikalische Entdeckungsreise mit Andris Nelsons, der Lust macht auf mehr. Viel mehr.

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