In Assoziationsgewittern

andcompany&Co.: Orpheus in der Oberwelt. Eine Schlepperoper, Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin

Von Sascha Krieger

Lampedusa ist schon längst nicht mehr weit weg: Seit der so genannten Flüchtlingskatastrophe vor zwei Jahren, die doch nur eine – wenngleich schreckliche – Episode in einer lang anhaltenden, nicht enden wollenden Tragödie war, ist der Name und das Schicksal der Flüchtlinge, die in immer größeren Zahlen versuchen, das vermeintlich rettende Ufer Europas zu erreichen, eingebrannt in unser kollektives Bewusstsein. Und auch physisch präsent: Es ist noch nicht lange her, da harrten Flüchtlinge mitten im Herzen der deutschen Hauptstadt viele Monate in einem improvisierten Camp aus, um zu sagen: Wir sind keine Nachrichtenmeldung, wir sind hier und wir zwingen euch, sich mit uns auseinanderzusetzen. Also machen wir das, scheinen sich die Mitglieder von andcompany&Co. Gesagt zu haben und befassen sich jetzt am HAU2 mit der so genannten „Flüchtlingsproblematik“.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Aber natürlich nicht einfach so, ein bisschen intellektueller Unterbau muss schon sein. Da ist die Assoziationskette schnell gebaut: vom Evros, der nicht nur etymologisch mit Europa verwandt ist, sondern heute eine scharf bewachte außengrenze des Kontinent und zugleich ein tausendfaches Flüchtlingsgrab bildet, zum antiken Mythos von Orpheus, dem Sänger, der seine Geliebte aus der Unterwelt befreite, was bekanntlich nicht gut ausging, und dessen Kopf später im Evros schwamm. Ein Migrant auch er (Orpheus stammte aus Ägypten) – und ein Schlepper. Bei Orpheus ist der Schritt zur Musik nicht weit, also bedient man sich reichlich bei Monteverdi, unterlegt dessen Musik zum Teil mit neuen Texten – eigenen, aber auch Elie Wiesels berühmtem Satz, kein Mensch sei illegal – und nennt das Ganze „Schlepperoper“.

Jene, die Schlepper, die sich lieber „Facilitator“ nennen wollen, führen denn auch durch den Abend, stellen ihr Handwerk dar und nennen sich „Boten der Liebe“. Kalkulierende Kapitalisten, klar, aber eben ein notwendiges Übel angesichts der monströsen Ausgrenzungsmaschinerie, zu der Europa geworden ist. In der Mitte, der mit allerlei Requisiten zugemüllten Bühne, befindet sich eine Art Felslandschaft, die – Achtung: Metapher! – sich bald als beweglich erweist und irgendwann zum Flüchtlingsboot wird. Balanciert der Abend zunächst noch leichtfüßig zwischen Musik und Thesentheater, eine Gegenüberstellung, die streckenweise durchaus ihren Reiz hat, auch weil der Zusammenprall beider wiederholt ironisch gebrochen wird, gewinnt das Schulmeistern bald die Oberhand. Sollte man gemeint haben, dies durch immer wildere Assoziationsstürme auffangen zu können, erweist sich das schnell als Trugschluss.

Im Gegenteil: Das Assoziationsgewitter verstärkt die betont originell sein wollende Kopflastigkeit des Abends noch. Zumal die Bilder eher plakativer Natur sind und das Kollektiv dazu neigt, jede Metapher auszubuchstabieren, damit sie auch ja jeder begreift. Da wird anhand des Alphabets die migrantische Vergangenheit Europas thematisiert, bekommen die auf einer Steckwand angebrachten Buchstaben eine Bewaffnung – wie das diesen fremden Kulturschatz selbstverständlich sich einverleibende Europa –wird die Ausgrenzung der Menschen kontrastiert mit der Freiheit der Zugvögel, die im Sperrgebiet am Evros ein wahres Paradies gefunden haben, führt der Weg von der Frau Europa hin zu einer „Eurovision“ eines anderen Kontinent, symbolisiert, wie könnte es anders sein, durch ein „Mädchen mit Bart“, eine personifizierte Grenzüberschreitung.

Die Botschaft ist klar: Europa ist schuld – schuld an den Flüchtlingen, schuld an ihrem Leid, schuld an ihrem Tod. Und Europa, aus dem vor einigen Jahrzehnten noch Unzählige wegwollten, hat eine Verantwortung sich nicht abzuschotten und sich eben nicht abzuwenden. Doch war es nicht Orpheus‘ Untergang, sich umzuwenden, hat er durch diesen Liebesbeweis nicht Eurydike – und sich selbst – ins Unglück gestürzt, wäre es nicht besser gewesen, alles um sich herum ignorierend weiterzugehen und sich nicht um das zu scheren, was in seinem Rücken passiert? In den Augen von andcompany&Co. Ist gerade die Sicherung der Außengrenzen dieser Blick zurück, der all die Eurydikes in den Tod schickt.

Zweifellos ein eher konstruierter Vergleich, der den Abend jedoch recht treffend charakterisiert. Er macht viel zu wenig aus der Gegenüberstellung von Mythos und Gegenwart, von barocker Musik und gegenwärtigem Diskurs. Schnell findet sich Orpheus reduziert zu bloßem Assoziationsfutter, die Musik – die den Abend mit einem atemberaubenden, zwischen Barock, orientalischen Klängen und Elektronisch schwebenden Remix, einer musikalischen Vision eines entgrenzten Kontinents, eröffnet hatte – zurückgeworfen auf die Rolle als auflockernder Soundtrack. Zu schwarz und weiß auch die Weltsicht der Macher, die den Fluchthelfer glorifiziert und Europa verteufelt. Und schließlich krankt der Abend daran, dass er sich zu sehr an seiner eigenen Cleverness berauscht, jede Assoziation feiert, vermeintlich originelle Wortspiele bejubelt. Am Ende ist Orpheus in der Oberwelt wenig mehr als eine völlig überladene Assoziationskette, die im eigenen Saft köchelt und den Blick auf das, worum es hier gehen soll, eher verbaut als dass sie ihn öffnet. Das ist ohne Zweifel unterhaltsam, kurzweilig und von durchaus bewundernswerter Neugier geprägt – und fällt in seiner unstrukturierten und wahllos wirkenden Überfülle doch schnell in die Beliebigkeit. Und das ist dann tatsächlich äußerst schade.

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