Im Platitüden-Gefängnis

David Mamet: Die Anarchistin, Residenztheater München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Cathy sitzt seit 35 Jahren im Gefängnis. Gelandet war sie dort, weil sie einer linksterroristischen Gruppe angehörte und wohl, so sah es zumindest das Gericht, an der Ermordung zweier Polizisten beteiligt war. Ann dagegen ist treue Staatsdienerin, steht kurz vor der Pensionierung und versucht herauszufinden, ob Cathy wieder auf die Menschheit losgelassen werden. Kann. Diese glaubt, ihre Schuld beglichen zu haben, hat – natürlich – Gott gefunden und will den sterbenden Vater – ein schwerreicher Protagonist des Establishments! – noch einmal sehen. Ann glaubt ihr kein Wort und probiert hartnäckig, die vermeintliche Läuterung zu entlarven. Um es vorsichtig zu formulieren: Zu den stärksten texten des amerikanischen Stardramatikers David Mamet gehört dieses staubtrockene und vor Klischees triefende Dialogstück wahrlich nicht. Da weiß man kaum, was schlimmer ist: die endlose Wiederholung einfallsloser Rückfragen der marke „Ist das so?“, die küchenpsychologische Ausdeutung der Inquisitorin als sexuell Frustrierte, die daran leidet, keinen Sinn im Leben zu kennen, oder die einfältige Schlichtheit, in der hier Religion und Ideologie, Schuld und Vergebung verhandelt werden. Natürlich bricht am Ende das Narrativ der Gefangenen auf, ist die Wendung jedoch von so aufreizender Klischeehaftigkeit, dass man sich als Zuschauer fast persönlich beleidigt fühlt. Nein, ein Diskurs über politische Irrwege, über Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung gar findet hier nicht statt, viel zu blutleer und schablonenartig ist der Text.

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

Viel abgewinnen kann ihm wohl auch Regisseur Martin Kušej nicht und so hat er sich entschieden, ihn routiniert herunterspielen zu lassen. Am Anfang und Ende hört man Gefängnistore sich öffnen und schließen, Fußschritte halen, in einer art kurzer Coda sitzt ganz am Ende die einsame Cathy in einem Lichtkegel. Überhaupt Licht: Kušej serviert den Dialog in angenehmen Häppchen, zu Beginn und ende jeder Szene schwillt das Hintergrundlicht an, muss der Zuschauer seinen Fokus, seinen visuellen Standpunkt wiederfinden, sich neu orientieren. Das ist nett gedacht, verpufft aber schnell angesichts des spannungslosen Palavers. Bei dem Kušej zu lauter Überfluss auch noch auf Überdeutlichkeit setzt: Sibylle Canonica gibt die Ann mit angewidertem Gesicht und zuweilen ins Roboterhafte abgleitender ausgestellter Anspannung, eine gelangweilt komplexbeladene, zutiefst hasserfüllte Karikatur einer Rachegöttin. Cornelia Froboess als Cathy darf sich mehr austoben, versteckt die Verletzlichkeit wie die unterdrückte Wut ihrer Figur mitunter etwas zu sehr unter ausgestellter Schnoddrigkeit, deutet aber streckenweise die existenzielle Verzweiflung einer multipel Verstrickten, einer in unterschiedlichsten Gefängnissen – fremden und eigenen – Verknoteten, die der Text nur behaupten.

In ihr scheint ganz kurzzeitig doch so etwas auf wie Wahrhaftigkeit, die den papiernen Platitüden, die Froboess wiederzugeben hat, Hohn spricht. Gegen die auch sie letztlich nicht ankommt. Die weitgehende Weigerung Kušejs, irgendeinen spürbaren Regiezugriff auch nur zu versuchen, und Canonicas Versteckspiel hinter der allzu glatten Fassade der Plakativität tun ein übriges. Und so plätschert der Abend zäh und ereignislos dahin, ergibt sich auch nicht die leisteste Andeutung von Erkenntnisgewinn, und sieht der Zuschauer zwei großen Schauspielerinnen dabei zu, wie sie routiniert wie rudimentär ihre technischen Fähigkeiten abspulen, ohne je ins Spielen zu kommen. Lediglich Froboess wagt hier uns da mal den Blick über den allzu flachen Tellerrand dieses unerheblichen Stücks, das sie sogleich wieder hinab zieht. Es gibt Texte, die bleiben besser in der Schublade. Martin Kušej wäre gut beraten gewesen, etwas Substanzielleres für dieses hochkarätige Damen-Doppel zu finden.

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