„Das Geld fällt sie alle“

Rein Gold. Musiktheater von Nicolas Stemann nach einem Text von Elfriede Jelinek und Musik von Richard Wagner, Staatsoper im Schiller Theater, Berlin (Regie: Nicolas Stemann)

Von Sascha Krieger

Eine alltägliche Geschichte: Ein Familienvater hat sich beim Hausbau übernommen, jetzt erdrücken ihn die Schulden, die Familie ist dabei zu verfallen und das Haus will auch nicht fertig werden. Auf diese Prämisse lässt sich Richard Wagners Der Ring der Nibelungen reduzieren ­ und die glühende Wagner-Verehrerin Elfriede Jelinek hat genau das getan. Heraus gekommen ist ein „Bühnenessay“, der sich textmächtig, um das eine dreht, worum es geht und nur gehen kann: das Geld als Antrieb und Ziel all unseres Tuns. Und so lässt Nicolas Stemann in der Berliner Uraufführung der musikalischen Neufassung die Rheintöchter an der Schultafel das „h“ in „Rheingold“ wegwischen. Bloß keine romantische Verwässerung bitte. Hier wird, wie schon in Die Kontrakte des Kaufmanns, der immer autonomere Mechanismus des Finanzkapitalismus durchexerziert, der am Ende den Menschen nicht mehr brauchen wird. „Das Geld wird frei werden. Auch vom Menschen“, heißt es einmal.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

Alles klar. Also werfen wir uns hinein in den Geldkreislauf, der immer auch einer menschlicher Beziehungen ist. Walhall ist hier eine Baustelle, jene der Berliner Staatsoper, auch ein Millionengrab und jetzt an ihrer temporären Spielstätte im Schiller Theater nachempfunden. Da muss Wotan gar nicht mehr als „Präsident“ tituliert werden, um zu wissen: Hier geht es nicht um irgendwelche germanischen Götter, hier geht es einzig und allein um uns. Geschrieben ist der Text als Zwiegespräch von Brünnhilde und Wotan – sie klagt an, er verteidigt sich. Das Sängerpersonal in dieser Wagnerüberschreibung ist denn auch – mit Ausnahme der drei Rheintöchter – auch diese beiden reduziert: Rebecca Teem gibt eine stimmgewaltige Brünnhilde, Jürgen Linn einen nur auf den ersten Blick starken, doch eigentlich gebrochenen Wotan. Denn wie heißt es an einer Schlüsselstelle? „Das Geld fällt sie alle.“ Auch die Götter.

Eng verzahnt Stemann Jelineks Text mit Wagners Musik, lässt sie in Dialog treten, verschlingt die Liebes- und Machtthematik der Opern mit dem Gelddiskurs des Essays. Am Eindrucksvollsten sicher die Szene in der Linn ganz hinten auf einer Empore Wotans Selbstrechtfertigung singt, während vor Katharina Lorenz als Brünnhilde ihre Fragen stellt und in aller Nüchternheit des Vaters Selbstüberhöhung zum Einsturz bringt. Dazwischen dirigiert Markus Poschner die Staatskapelle, die Wagners Musik mal fragmentiert und skelettiert, mal in vollständiger Schönheit abtastet, hinterfragt, nur um sich gleich wieder in den Sog derselben ziehen zu lassen. Ein Spiel von Rausch und Ernüchterung, die auch den Abend durchzieht. Dem immer wieder ebenso einfache wie ironische Metaphern gelingen. Da verlässt das Orchester die Bühne, um von zwei Elektro-Musikern ersetzt zu werden, just als Sebastian Rudolph über die Ersetzung des Arbeiters durch Maschinen – die Entsprechung bei Wagner sind dessen Riesen! – doziert. Überhaupt ist der Materialeinsatz beeindruckend: Stark auch der Widerstreit von – auf die Wände projiziertem – Text und – lustvoll von der Staatskapelle intonierter – Musik. Die Bilder sind einfach, aber sie hinterlassen Wirkung.

Überhaupt hält sich der Abend nicht lange bei seinem Ausgang auf – und bleibt doch bei ihm: Von den Schulden geht es bald zu Macht und Ausbeutung, zur Entrechtung des Arbeiters und zurück zur Allmacht des Geldes. Denn eigentlich ist das eine Kreisbewegung, die Jelinek beschreibt und in immer neuen Wiederholungsschleifen vollführt. Das kontrastiert mit der behaupteten Linearität der musikalischen Erzählung und zieht sie mit Sicht. Die Szenenfolge zerfasert, übrig bleiben Bruchstücke einer Geschichte, die als solche nicht mehr nachzuvollziehen ist. Und so dreht sich das immer weiter um die eigene Achse, in schneller werdendem tempo, bevor die Fliehkräfte den Abend aus der Kurve tragen. Immer lustvoller werden die Jelinekschen Wortspiele, immer gewagter die Assoziationsketten. Denn natürlich ist auch der Rhein, also der mit „h“, nicht weit und so führt der Heldendiskurs eben nicht nur bei Steve Jobs – als Hohepriester einer von Geld und Gier beherrschten Gesellschaft, in der der Erdball zum Sektkühler mutiert – sondern dreht die Schraube weiter: Und dann sammelt am Ende ein rosaroter Panther Leichen ein und brennt der Wohnwagen des NSU-Trios auf offener Bühne. Natürlich muss man diese Volte – wie so manch andere – nicht unbedingt mehr nachvollziehen, doch öffnet sie eben in all ihrer Aufgesetztheit einen Assoziations- und Denkraum, der Grenzen nicht akzeptieren will und – ganz romantisch eigentlich – einen Möglichkeitsraum schafft, in dem gedacht werden darf, was gedacht werden kann.

Und die Musik? Ist sie mehr als Hintergrundrauschen, wie der Gesang der Rheintöchter am Klavier, während Sebastian Rudolph von Heldensehnsucht und dem „iSchwert 6“ schwadroniert? Zweifellos, trägt sie doch letztlich den Sieg davon. Denn wo der skeptische Frager Philipp Hauß zu Beginn die begehrenden Blicke von Teems Brünnhilde, die in ihm ihren Siegfried erblickt hat, irritiert abwehrt, lässt er sich dann doch in ein Duett hineinziehen, das er stimmlich zwar eher schlecht als recht bewältigt, ihm aber doch einen Zauber ins Gesicht bringt, der in all der hellsichtigen Intellektualität zuvor nicht da war. Denn bei aller Dekonstruktion romantischer Helden- und Liebesideen: Am Schluss bleibt ein Rest, lässt sich die Illusion, da könnte jenseits des Geldes etwas sein, nicht ganz totkriegen. Und auch wenn sie zuletzt vom Band kommt – Wagners Musik in all ihrer schamlosen Schwülstigkeit gehört das letzte Wort des Abends. Das Geld mag alle fällen – unwidersprochen ist sein Triumph nicht.

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