Musikalische Teufelsaustreibung

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev spielt Werke von Haydn und Mahler

Von Sascha Krieger

Ja, Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester beginnen ihren aktuellen Konzertabend mit Joseph Haydns vorletzter Symphonie, jener „Mit dem Paukenwirbel“. Und nein, es lohnt sich nicht, allzu viele Worte darüber zu verlieren. Sokhiev reißt dieses frühe Schlüsselwerk der klassischen Symphonie routiniert herunter, verleiht ihm Detailschärfe und rhythmische Prägnanz, betont zuweilen das Dramatische etwas stark und gibt ihm einen Schluss, der von fern schon an Beethoven erinnert. Die dynamischen Kontraste sind fein herausgearbeitet, die volkstümlicheren Passagen nicht ohne Leichtigkeit – nur lebt, atmet das alles nicht, bleibt der Klangeindruck massiv und schwer, das Spiel hermetisch. Die thematische Arbeit und motivische Vielfalt, das breite Spektrum zwischen Volkstümlichem und hoher Kunst lässt sich hören, spüren kann man sie nicht. Es ist ein genauer, wenngleich blutleerer Haydn, den Sokhiev hier herunterspult und für den er sich nicht weiter zu interessieren schein. Nein, ihm geht es um das, was nach der Pause folgt: Gustav Mahlers vierte Symphonie.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, noch bis 2016 Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Auch ihr ist zu Beginn ein fahler Eindruck eigen, verpufft das Schellenmotiv zu Beginn ohne jede Schärfe, taugt es hier nicht als Fremdkörper in dem angenehmen Schönklang, den Sokhiev sein Orchester zunächst entfalten lässt. Er lässt ihn zunächst unwidersprochen, pappt die vielfältigen Motive und Themen aneinander wie in einer Hitparade, zieht das zentrale Streicherthema filmisch in die Breite, wiegt den Zuhörer in falscher Sicherheit. Die Einbrüche kommen zunächst als Nadelstiche, später mit voller, zunehmend verunsichernder Wucht. Dabei durchbricht er den Wohlklang nicht mit einer einzigen Explosion, sondern  unterzieht ihn einer schrittweisen Destabilisierung. Da werden die Motive bruchstückhafter, der kompakte Klang zugleich offener und schärfer, das Streicherspiel so sehr zerdehnt, dass die Grenze zum Grotesken zumindest gestreift wird. Je länger der Eingangssatz andauert, desto mehr wird er zu seiner eigenen Karikatur, erscheint die Fassade glatt und leer, führt die ungetrübte Schönheit sich selbst ad absurdum. Und bereitet den Boden für alles, was danach kommt: den grotesk überdrehten Tanz des zweiten Satzes etwa, der detailgenau und mit einiger Schärfe interpretiert wird, ohne sichtlich zu übertreiben. Konzertmeister Wei Lius Solospiel mit der um einen Ton höher gestimmten Violine ist pointiert und doch nie überzeichnet, die groteske Fratze, die er zeichnet, ist nicht ohne Hintersinn. Sokhiev holt die Umdrehung der Schönheit in ihre bizarre Fratze aus der Musik selbst, betont das Geschwätz der Einzelstimmen, steigert es bis hin zum Gemecker und beendet den Satz mit einem spöttischen Grinsen. Der Karneval hat begonnen, die Welt steht auf dem Kopf, das Schöne ist hässlich und das Hässliche schön, in dieser Verkehrung des Romantischen. Hier ist nichts sicherer als der Abgrund, an dem man tanzt.

Atemberaubend ambivalent gerät dann der dritte Satz. Behutsam lässt Sokhiev sein Orchester die Themen entwickeln, verkehrt den warmen schlanken Streicherklang des Satzbeginns bald in ein untergründiges Flirren. Das Orchester tastet sich mit fragender Geste voran, bremst immer wieder ab, als traute es dem Boden, auf dem es sich bewegt, nicht. Zarte Lyrik und zähflüssige Verzögerung stehen im Spannungsverhältnis und vermögen das Auseinanderfallen des schönen Scheins, der romantischen Gewissheit mindestens ebenso deutlich zu machen, wie es die schrillen Töne des zweiten Satzes konnten. Und so durchzieht eine ungewohnt aggressive Schärfe den Schlusssatz mit dem Wunderhorn-Lied vom „himmlischen Leben“. Die naiv-kecken Worte kontrastieren immer wieder mit grotesken Tupfern, mit überzeichneter Rhythmik und einer extrem schroffen Wiederkehr des anfänglichen Schellenmotivs, das nun seine Krallen ausfährt. Leider erweist sich die Sopranistin Sally Matthews als Fehlbesetzung, die dem dramatischen Affen Zucker gibt, als stünde sie in Bayreuth auf der Bühne. Das Orchester jedoch macht den Schlusssatz zum Totentanz, der an das groteske Geisterspiel des zweiten anknüpft und in Harfenschlägen endet, die man in solcher Düsternis wohl noch nie vernommen hat. Tugan Sokhiev zelebriert Mahlers Karnevalsspiel als musikalische Teufelsautreibung romantischer Naivität, die den Blick öffnet für das Verdrängte, die Düsternis, die nach oben drängt und schon bald die Oberhand gelingen wird. Sokhiev verleiht Mahler einen Blick nach vorn. Es ist nicht angenehm, was dieser einfängt. Gerade hat das DSO mitgeteilt, dass Sokhiev seinen bis 2016 laufenden Vertrag nicht verlängern wird. Abende wie dieser deuten an, was Berlin vermissen wird.

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