Spielwut, Wut-Spiel

Georg Büchner: Woyzeck, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben sie sich ja abgesprochen, die Herren Haußmann und Hartmann, die innerhalb kurzer Zeit nur wenige hundert Meter entfernt jeweils Büchners Woyzeck inszenieren. In jedem Fall sind beider Deutungen diametral entgegengesetzt: Wo Haußmann Woyzeck als Kriegstraumatisierten interpretiert, streicht Hartmann die gesamte Ebene des Sozialdramas und sucht die Gründe für Woyzecks Morden in der Natur, nicht nur seiner. Wo Haußmann eine wahre Materialschlacht samt wimmelnder Armeeeinheit betreibt, reduziert Hartmann das Personal auf zwei Spieler. Und wo Haußmann den Büchnerschen Szenen folgt, nutzt Hartmann den Text als Steinbruch und verweigert sich jeglicher als solche zu bezeichnender Handlung. Katrin Wichmann und Benjamin Lillie – letzterer hatte sein erstes Engagement unter Hartmann in Leipzig – sind Woyzeck und Marie, sie sind auch der Doktor und der Hauptmann und der Tambourmajor – und spielen doch keine wahrnehmbaren Rollen. Hartmann hat sie in einen schwarzen, sich nach honten verjüngenden Kasten samt Bühnenschräge gesetzt, in dem er verhandeln will, was Menschen zum Mörder macht. Er sucht die Dunkelheit in uns selbst, jene, aus der es, so deutet die Bühne an, nur einen Ausweg gibt: den Absturz ins Bodenlose.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Also bleibt man erst einmal drin – und klammert sich an alles was man hat: einander. Wichmann und Lillie verbringen den Großteil des Abends in einem Dialog der Körper. Gleich zu Beginn spielen sie pantomimisch die Mordszene nach, die ersten gesprochenen Worte gehören ebenfalls dorthin. Die Gewalt, der Drang zu zerstören ist also immer schon da, er kommt von nirgendwo her, bestenfalls aus der eigenen Natur. Hartmann nimmt Fremdtext hinzu, etwa den Beginn von Büchners Lenz und Heiner Müllers Hydra. beide handeln von einer als feindselig, als fremd, als bedrohlich und abgründig erlebten Natur. Die sich nicht dem Willen fügen will: Minutenlang versucht Woyzeck auf Geheiß des Doktors zu urinieren. Doch so sehr der vollständig nackte Lillie seiner Natur primitivste Befehle gibt (der Marke „Pipi, los!“), so sehr er auf seinen Bauch eintrommelt und sein Gemächt auf Bauch und Schenkel klatschen lässt, sie will nicht gehorchen. Vielmehr bleibt sie ein düsteres, undurchdringliches Phantom, wie die geisterhaften Pflanzenschatten, die Voxi Bärenklau auf die Bühne projiziert. Gegen Ende wird der hintere Teil des Bühnenkastens abdrehen, ein stilisierter Wald erscheinen, in dem Lillie und Wichmann staunend umhergehen und in einem unsichtbaren Pool planschen. Doch die Einheit mit der (eigenen?) Natur dauert nur kurz. Am Ende steht Lillie wieder im Kasten und rezitiert Heiner Müllers Bildbeschreibung, ein Text, der von Möglichkeiten handelt und in dem nur eines gewiss scheint: die Unbedingtheit menschlicher Gewalt.

Ansonsten ringen und kuscheln Wichmann mit einander, stechen aufeinander ein und liebkosen sich, klammern sich an einander und schwelgen in inniger Einigkeit. Die Grenzen verschwimmen, jeder spricht Texte jeder Figur, mal mordet Lillies Woyzeck Wichmanns Marie, mal dreht sie den Spieß um. Eine Entwicklung verweigert Hartmann seinen Darstellern, die, so die Ankündigung, den Text an jedem Abend neu sortieren, das Spiel täglich neu starten. Und ein Spiel ist und bleibt es: Ob Gewalt inszeniert wird oder Liebe. Sex oder stille Verzweiflung: Der Text wird bis zur Ermattung – auch des Publikums – wiederholt, immer wieder abgeklopft, man taucht in ihn hinein, um ihn sogleich wieder abzustoßen, man probiert die verschiedenen Handlungsoptionen aus, wie Müller die Alternativen dessen, was auf dem beschriebenen Bild zu sehen sein könnte, jongliert. Alles ist Ausprobieren und Durchspielen – zielführend ist das nicht. Am Ende steht in Müllers Text das Ich. Aber keines, das weiß, was es ist, sondern ein in tausend Stücker zerschlagenes, das vor lauter Möglichkeiten nicht von der Stelle kommt.

Was für Hartmann Woyzeck ebenso gilt. So sehr er seine die körperlichen wie geistigen Grenzen eindrucksvoll austestenden Darsteller die Mechanismen von Liebe und Gewalt, Nähe und Tod ausspielen, immer wieder Zärtlichkeit in Hass, inniges Verschlungensein in gewaltsames Ringen umschlagen lässt – so wenig hat das Richtung, so sehr wird das Spiel aus Wiederholungen und Albernheiten, aus Bärenklaus fragmentierenden Projektionen und atmosphärisch gestaltender Lichtregie sowie. Ch. Mäcki Hamanns düster kreisender Musik zum Selbstzweck, berauscht sich der Abend zunehmend an sich selbst, feiert er seine eigenen Einfälle und verliert sein Sujet aus dem Auge. Nun lässt sich die Natur des Menschen vielleicht nicht in knapp zwei Stunden klären – und doch behauptet alles an diesem Abend den Anspruch, genau dies tun zu wollen, ein Anspruch, den er natürlich nicht halten kann.  So lässt die ausgestellte Körperlichkeit, der erschöpfende Rausch, den Wichmann und Lillie veranstalten, kalt, erscheinen die Ausdrucksmittel zunehmend wichtiger als das, was hinter ihnen stehen sollte und sich, je länger der Abend dauert, immer konsequenter verflüchtigt. Im Programmheft lehnt Hartmann den Begriff „Improvisation“ für die Arbeitsweise bei dieser Inszenierung ab, ordnet er ihn doch der Sphäre des Theatersports zu. Sportlich bemerkenswert ist das, was Wichmann und Lillie hier veranstalten, allemal.

 

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