„Die utopische Torte der Freundschaft“

Jan Koslowski: Société des Amis. Tindermatch im Oderbruch, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Jan Koslowski)

Von Sascha Krieger

Dass in diesem Freundeskreis so manches nicht stimmt, zeigt schon ein Blick auf die Bühne. Ja, da sind ein paar spiegelnde Kreise verteilt, die Mehrzahl der Bühnenelement ist jedoch in Dreiecksform gehalten. Nein, hier gibt es Ecken und Kanten, hier wird es auch einmal wehtun. Fünf junge Leute haben sich auf der Bühne versammelt und schwadronieren erst einmal chorisch vom letzten Sommer. In zum Teil gewagten logischen Volten, mäandernden und kreisenden Bewegungen, gespickt mit zahlreichen Wiederholungen, tritt der Text, indem es um das Festhalten von etwas geht, das sich nicht festhalten lässt, um den sich seiner Vergeblichkeit bewussten Versuch, das Auseinanderstreben des einst fest Zusammengefügten, das man gemeinhin Erwachsenwerden nennt, aufzuhalten. Jan Koslowski verweigert sich jedem Realismusverdacht. Er lässt chorisch sprechen, Gesten symbolisch aufladen und mechanisch verfremden, gestelzt deklamieren, immer wieder durch die Sprachgeschichte springen. Es wird gesungen, getanzt, Reden geschwungen, Therapierunden abgehalten, gruppengekuschelt, geküsst, übereinander hergefallen, getuschelt, gestritten, gelangweilt. Was man so halt macht als Freunde.

Foto: Hannah Dörr

Foto: Hannah Dörr

Vor allem aber wird sich aneinander abgearbeitet: Erwartungen werden enttäuscht, Freundschaftskonzepte gegeneinander geschleudert und entsorgt, Illusionen wird nachgerannt, bevor sie doch zertrümmert werden müssen. Es geht um falsch verstandene Rücksichtnahme, das Idealbild einer Freundschaft, die keine Geheimnisse kennt, um die Rolle von Liebe und Sex und ob sie aus der Freundschaftsdefinition auszuschließen seien, um Nichtgesagtes und um die Frage, ob Freundschaft nicht auch ein Mittel zum Zweck sein könne. Da zerplatzt so manche Gewissheit, entsteht Fremdheit, wo Intimität vermutet wurde und man einfach nie die richtigen Fragen gestellt hat. Die, die schmerzen können wie ein Stich mit einem der Dreiecke. Exemplarisch jagt man durch alle denkbaren Aspekte des Freundschaftsdiskurses, stilisiert die eigene Fünferbeziehung zu gesellschaftlichen Keimzelle hoch und ahnt doch, dass die „utopische Torte der Freundschaft“, die man gemeinsam backen will, bestenfalls zum Windbeutel taugt.

Schnell breiten sich Egoismen aus, wird schmutzige Wäsche gewaschen (allein ein Satz wie: „Mit dir bin ich doch nur noch aus Denkmalschutzgründen befreundet“ lohnt schon den Eintritt), Unerwähntes ausgesprochen und doch immer wieder versucht, sich einzureden, alles sei „Spitze“. So oft hier der Daumen hochgereckt wird, sind anschließende Krämpfe nicht ausgeschlossen. Alles muss immer toll sein, ein einziges Abenteuer, bei dem schlafen, Innehalten nicht erlaubt ist. Freiraum ohnehin nicht. Und so erscheint die Nähe als erzwungen, als einengend, als erdrückend, als künstlich – wie der herausgepresste Chor zu Beginn oder der spontaner Ausdruck der Freude sein sollende Gruppentanz, bei dem jeder Schritt gezählt werde muss, damit nicht alles auseinander fällt. Immer undurchdringlicher auch das Spiel mit den Identitäten, die sich verstärkt hinterfragen, Alternativen ausprobieren, je mehr die kollektive Identität bröckelt.

Koslowski sucht in seiner Inszenierung das Künstliche, das Überhöhte, das Mechanische und Ritualhafte an gesellschaftlich vorgegebenen Modellen und Definitionen, wie jener, was denn eine echte Freundschaft auszumachen habe. Er verwischt Grenzen, spielt genüsslich mit dem Absurden und befreit damit sein Thema von jeder Form diskursivem Ernstes, holt es vom Berggipfel – die fünf Freunde gründen ein Camp namens „Monte Amici“ – zurück auf den Boden wenn nicht der Tatsachen, dann zumindest der Lächerlichkeit. Er erlaubt dem Abend die eine oder andere Albernheit und so manche Länge, verbleibt gern im Plakativen und begnügt sich zuweilen zu sehr mit dem Kratzen an der Fassade. Und doch produziert der Abend vor allem eines: ein Lachen, das sich voll und ganz als befreiend bezeichnet lässt, wirft es doch den ganzen Erwartungs- und Definitionsballast und räumt es das Feld frei. Société des Amis ist keineswegs ein Abgesang auf die Freundschaft – sondern ein Appell, sie sich entwickeln zu lassen, ihr Raum zu geben, indem man sie mit dem einzigen füllt, das sie aufrecht erhalten kann: der eigenen Individualität. Ein bisschen utopisch auch das. Auch nicht schlimm. Man muss ja nicht gleich wieder eine Torte backen.“

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