Vom Zuhören

Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Bach und Beethoven

Von Sascha Krieger

Die beiden „großen Bs“, Bach und Beethoven, gelten gemeinhin als Säulen, manchen gar als Ausgangs- und Höhepunkt der abendländischen Musik. Welche Metamorphosen durften beide Komponisten schon erdulden, kaum etwas wurde mit ihren Werken noch nicht angestellt. Da bleibt wohl nur noch, die Werke aus ihrer Komfortzone zu locken, ihnen den angestammten Lebensraum zu nehmen. Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin tun genau das: Sie beginnen mit einem Stück kirchlicher Gebrauchsmusik, einer Kantate Bachs, der Nr. 35 BWV 35 „Geist und Seele wird verwirret“, die sich nun, auf sich allein gestellt und ihrer Funktion beraubt, aus sich selbst hinaus behaupten muss. Dem gegenüber steht Beethovens kammermusikalisches Opus magnum, das Streichquartett op. 131, das in einer Fassung für Streichorchester von Dimitri Mitropulos als Orchesterwerk bestehen soll. Heraus kommt ein Konzertabend, der sich mit der für Janowski so typischen Mischung aus Akribie, ernst und Vorsicht an die Werke herantastet, sie behutsam abklopft und mit großer Sachlichkeit ausbreitet, damit wir als Zuhörer selbst einen Blick auf sie werfen, uns ihnen auf unsere Weise nähern können. Marek Janowski ist ein Dirigent, der seine Sichtweise auf die von ihm interpretierten Werke hat, sie aber nie aufdrängt. Er lädt ein zuzuhören.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Sein Bach hebt an mit schnellen Tempi und einem offenen, zunächst ein wenig unentschlossenen Klangbild. Janowski setzt auf Transparenz und kammermusikalische Intimität. In Mezzosopranistin Elisabeth Kulman und Organistin Iveta Apkalna hat er zwei kongeniale Mitstreiterinnen, die sich uneitel ins Orchesterganze einfügen und dafür sorgen, dass sich der Klangeindruck schnell klärt und eine ganz erstaunliche Weite entwickelt. Und das, obwohl Janowski reduziert, soweit es geht: Der Klang ist schlank, das Spiel sachlich und ohne Schnörkel, der Blick nach innen gewandt. Es ist ein intimer, aber kein privater Bach, den er hier ausbreitet, mit einem Ernst, der atmet, einer Strenge, die lebt. Basso Continuo und Orgel sind die beiden Enden des Klangapparats und sie bilden den Rahmen. Es lässt sich mehr als erahnen, warum Akpalna als eine der weltbesten Organistinnen gilt, ihr Spiel ist virtuos, präzise, nie angestrengt, ausdrucksstark und enorm variabel. aber sie stellt es in den Dienst des Ganzen, fügt es ein in den vollen, farbenreichen Gesamtklang, den Janowski anstrebt. Kulmans kraftvoll warme Stimme nimmt sich zurück, setzt Akzente, wo es sinnvoll ist und verliert nur in der finalen Aria kurzzeitig etwas ihren Faden. Über weite Strecken hinweg gelingt es Janowski aber, die disparaten Elemente zusammenzufügen zu einem konzentrierten Klangbild, das Licht ein-, Luft durchlässt und alles andere ist als hermetisch. Hier pulst das leben, aber es ist ein inneres, grübelndes, nachdenkliches. Kleine triumphale Glaubensfeier, sondern ein alltägliches stilles Ringen.

Wo Janowski Bach kammermusikalisch reduziert, schickt er Beethovens Streichquartett ins Weite. Der junge Leonard Bernstein hatte die Orchesterfassung von Dimitri Mitropoulos einst unter Leitung ihres Bearbeiters gehört, später immer aufgeführt – nicht immer mit voller Zustimmung seiner Orchester – und mit den Wiener Philharmonikern schließlich eingespielt, eine Aufnahme, die er zu seinen besten zählte. Nun ist es an einem akribischen Musikentdecker wie Janowski, das vergessene wie verdrängte Stück an die Öffentlichkeit zu holen. dabei wird gleich deutlich, dass er es eindeutig als Orchesterwerk interpretiert, nicht als verstärkte Kammermusik. Als solches soll es funktionieren – oder eben scheitern. Um es kurz zu machen: Hier funktioniert es. Während Janowski bei Bach das innere Ringen im Menschen hörbar machte, entfaltet er hier den Fluss des Lebens. Er modelliert ihn formstreng, dominiert von massiven Geigenwänden, die auch den einen oder anderen Ausflug ins scharfe wagenden ersten Violinen geben klar den Ton an. Janowski konzentriert und reduziert: Das Spiel ist klar und nüchtern, der klang konzentriert, die lyrischeren Passagen nähern sich, soweit es geht, der Stille an, dynamische Kontraste werden, wenn schon nicht verwischt, so doch nicht akzentuiert. Der Gesamteindruck zählt: ein Fluss ohne Ziel.

Beethoven lässt die Sätze pausenlos aufeinander folgen und Janowski interpretiert sie als einen langen Einheitssatz, der unterschiedliche Charaktere durchspielt und doch immer wieder zum flächigen dahinströmen zurückkehrt. Was immer auf dem Weg passiert – wenn es um das Große  und Ganze geht, zählt all das nicht viel. Ganz besonders deutlich wird das Konzept im fünften Satz, den Janowski als Folge von Anfängen und Abbrüchen gestaltet und an die Grenze zur Fragmentarisierung treibt. Das gibt Raum für gesteigerte Kantabilität im Sechsten, der mit höherer klanglicher Dichte das Finale vorbereitet. Erst hier erlaubt Janowski eine wirklich dramatische Entwicklung, akzentuiert er dynamische Kontraste. Doch wirkt das Vorwärtsdrängen hier zwanghaft, getrieben, kontrastiert die Kraft, die das Orchester aus dem Aufprall entgegengesetzter dynamischer Bereiche gewinnt, mit einer einengenden rhythmischen Strenge, die das pulsierende Leben in ein enges Korsett schnürt. Da ist keine Befreiung, sondern das Eingeständnis, dass es ungetrübten Triumph im Leben eher selten gibt. Das Werk schließt denn auch nicht auftrumpfend – vielmehr wirken die drei mächtigen Schlussakkorde wie hingeworfen. Ein nüchternes abbrechen mitten im Satz, dass viele Fragen offen lässt, die auch Beethoven nicht zu beantworten vermag. Marek Janowski scheut die große Geste nicht – er benötigt sie schlicht nicht, um diese Musik sprechen zu lassen.

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Ein Gedanke zu „Vom Zuhören

  1. Albrecht sagt:

    Danke für die fundierte Besprechung!

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