Doppelte Leere

Samuel Beckett: Warten auf Godot, Ruhrfestspiele / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Die Welt ist ein Quadrat inmitten schwarzer Leere. Ein Suchscheinwerfer tastet nach Spuren von Restleben in der kargen Miniaturmondlandschaft, die weiße kahle Fläche, den kreiförmigen Krater in der Mitte. Nichts, minutenlang, nur ein fernes Grollen, wie eine verschwindende erinnerung an vergangene Anwesenheiten. Dann, ganz langsam kommt etwas Bewegung in die Sache: Das weiße Tuch, das die Schräge bedeckte zieht sich langsam gen Mitte, wo, oh Wunder, plötzlich zwei Menschen im Krater stehen, Vergessene eines Lebens, das hier lang schon nicht mehr existiert, abgerissene Varietékünstler ohne Publikum. Samuel Becketts Werk kreist um das Nichts, um die Leere, das alles verschlingende Schwarz, aus dem wir kommen und in das wir wieder zurückgehen werden, die ultimative Sinnlosigkeit des Lebens, die zweifellos auch der Erfahrung einer sich selbst und einander vernichtenden Menschheit – Beckett war nicht nur Zeitzeuge der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts, er war selbst Mitglied der Résistance – entsprach. Sein Spätwerk wird sich dem Nichts immer weiter annähern, in seinem dramatischen Erstling Warten auf Godot ist es noch die Bedrohung, gegen die man sich so lange wie möglich wehrt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Eine Illusion, sagt uns Regisseur Ivan Panteleev: Denn die hier Spielenden gehören schon längst dem Totenreich. Sie entsteigen dem Loch, in das sie unentwegt zurückfallen, entkommen nur kurzzeitig den Millionen von Toten, die dort auf sie warten. Als dieser Satz fällt, herrscht Stille, die wartenden schrecken vor dem Nichts zurück und müssen doch hineinblicken. Sie sind stets da, in der Form der untoten, nur noch leere Rituale abspulenden – Lucky etwa faltet immer und immer wieder ein rosa Tuch zusammen – Wiedergänger Pozzo und Lucky, lächerliche Reminiszeneines Machtmechanismus aus Unterdrückung und Unterdrücktwerden, der längst ad absurdum geführt, der Sinnlosigkeit überführt ist, und dem trotzdem die Millionen zum Opfer fielen – und noch fallen. Denn wir machen weiter, müssen es, weil wir das nichts nicht aushalten, die Leere nicht annehmen können. Und so machen Gogo und Didi auch hier ihre Späße, beschäftigen sich, „rittlings über dem Grab“. Auch wenn ihre kahle scolle inmitten der Leere steht, jedes Wort wiederhallt – sie machen weiter, gegen jede Vernunft.

Im ersten Akt ist das über weite Strecken komisch, ein müder Music-Hall-Act dauernden Scheiterns. Samuel Finzi ist Didi, der Antreiber, der Erinnernde, der das Rad am drehen erhaltende, feinnervig, clownesk traurig, eitel. Wolfram Koch gibt Gogo als grantelnden, oberflächlich groben Schlussmachenwollender, der doch so verloren und verletzlich ist wie sein Partner, an den er sich – wie in dieser wunderbaren Szene, in denen sie sich einander mit ihren Jacken zusammenknöpfen – klammert, der das Letzte ist, das zwischen ihm und der Akzeptanz des Nichts steht. Luckys „Denken“, sein Monolog aus wiedergekäuter, aus dem Zusammenhang gerissener und zu bloßer Sprachmechnaik verkümmerter Theorie gerät zu verzweifelt-komischen Aufbegehren, das Zeugnis des schon erfolgten Scheiterns ist. Man rennt im Kreis, eine andere Richtung gibt es nicht. aber immerhin rennt man noch.

Ist der erste Akt noch ein vergleichsweise spieleriscvher Versuch die Leere zu füllen, zieht Panteleev die Verzweiflungsschraube im zweiten deutlich an. Vor allem Finzi gerät zunehmend zum nervösen Panikbündel, das immer frenetischer versucht, dem Loch zu entkommen. Sein Sprechen wird zwanghafter, die Bewegungen hektischer, die Erregung steigt. Höhepunkt ist ein mehrminütiger Slapstick, in dem Finzi und Koch sich den nicht vorhandenen Hut Lucky – selbst für Requisiten gibt es hier keinen Platz mehr – per Fingerschnipsen zuwerfen. Es ist Ausgangspunkt eines immer schneller rasenden Spiels aus Tennis, Ping Pong und schließlich Zeitraffer-Schach – ein weitermachen in nuce, das schließlich in sich zusammenfällt. Da brüllt Christian Grashof als nun blinder Pozzos das Primat des Todes wie ein antiker Seher hinaus, fällt Finzi in resignative Kälte, ist alles verloren und nichts vorbei. da gerät so mancher Zuschauer ins Frösteln, fasst ihn die Kälte mit starren Fingern an.

Ivan Panteleev inszeniert den Godot als Kreisen um das Nichts, das doch die einzige Gewissheit unseres Lebens bleibt. Es ist die Abwesenheit, die hier im Zentrum steht – jene all derer, die, um Sinn zu erzwingen, Katastrophen ausgelöst, jene, die ihnen zum Opfer gefallen sind, und eines, der uns immer wieder in diese Abgründe blicken ließ. Denn der Abend dreht sich auch um den vor knapp einem Jahr verstorbenen Dimiter Gotscheff, der vor seinem Tod mit den Vorarbeiten zu einer Godot-Inszenierung begonnen hatte und dessen „Theaterfamilie“ in Person von Panteleev, Finzi, Koch und Bühnenbildner Mark Lammert hier noch einmal zusammenkommt. Der Müller-Schüler Gotscheff war stets ein Erforscher des Dunklen, der Abgründe, die wir stets meinen umschiffen zu müssen, und die womöglich der Kern unseres Daseins sind. Beckett, Müller, Gotscheff: Diese Reihe steht mächtig im Raum, wenn die Taschenspieler des (Über)Lebens ihre abgestandenen Tricks zeigen und zum Schluss sich der Leere beugen. Es ist die Stärke dieses Abends, dass er diese doppelte Leere nicht nur erzählt, sondern spürbar macht, sie als Anwesenheit mitten in diesen Raum stellt. Eine Anwesenheit, die schwer zu ertragen ist, die wir aber aushalten müssen. So wie Didi, wenn es wieder dunkel wird.

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Ein Gedanke zu „Doppelte Leere

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