Blick nach innen

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen die dritten Symphonien von Brahms und Schumann

Von Sascha Krieger

Dass Sir Simon Rattle in seinem Doppelzyklus der Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms, eher dazu tendiert, die beiden Komponisten gegen den tradierten Strich zu bürsten, ist aufmerksamen Zühörern seines Konzertmarathons mit den Berliner Philharmonikern kaum verborgen geblieben. Rattle sucht die Annäherung der beiden einander in herzlicher Zuneigung verbundenen Künstler. Da führt er Schumann zu ungeahnten Eruptionen musikalischer Kraft, lässt ihn vorausweisen, während er Brahms eher den Blick zurück verordnet, in ihm den Lyriker, den Romantiker in Schumanns sinn herauskehrt. Das ist nicht durchgängig und in vollem Maß überzeugend, bietet jedoch immer wieder interessante und ungewohnte Blickrichtungen und fordert den routinierten Hörer heraus, seine Erwartungshaltung zu hinterfragen. Dass ein solcher Ansatz aber auch gehörig schief gehen kann, zeigt Rattles Interpretation von Schumanns dritter Symphonie, seiner „Rheinischen“. Ein Werk voller Lebensfreude und Lebendigkeit gerät es unter seinem Dirigat zum blutleeren Langweiler, bei dem sich bestenfalls dem düsteren vierten Satz etwas Positives abgewinnen lässt.Man könnte es auch anders herum sehen: Wo bei vielen Dirigenten dieser Satz ein Fremdkörper ist, macht Schumann ihn zur Mitte, zum Ausgangs- und Zielpunkt des Werks. Daran, dass die restlichen Sätze durchweg misslingen, ändert auch das wenig.

Sir Simon Rattle (Foto: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle (Foto: Monika Rittershaus)

Fast dumpf setzt die Symphonie ein und das Klangbild bleibt durchgängig opak, blockartig und unscharf, wie unter einer Käseblocke oder als würde eine unsichtbare wand zwischen Orchester und Publikum stehen. Der typische Farbenreichtum, den Rattle Schumann sonst entlockt, reduziert sich zum Grauschleier, Spannung entsteht keine, es scheint, als wolle Rattle alles Überschäumende vermeiden. Nur dass er eben nicht findet, was die „rheinische Natur“ des Werks ersetzen könnte. Stattdessen spult er die Symphonie routiniert herunter, ohne Höhepunkte, ohne irgendwelche Aspekte des Materials zu akzentuieren. Natürlich hat das lichte Momente: die betonten Dissonanzen und aufrüttelnden Horneinbrüche im zweiten Satz, das subtile Spiel mit der Dynamik im dritten. Doch halbwegs überzeugen kann nur der vierte: In fahles licht getaucht, breitet er hier seine Düsternis voll und ganz aus, es ist eine stille Dunkelheit, die sich hierüber die Welt legt, rattle betont das Dramatische nicht, das dunkle Kehrbild zur Fröhlichkeit des Rests wächst hier aus einem inneren Kern heraus, behutsam und mit hoher Detailschärfe von den Philharmonikern intoniert. Nur dass es hier eben kein Kehrbild ist: Nichts am Finale ist fröhlich, alles bleibt Behauptung, eine aufgesetzte Fröhlichkeit, der die Überzeugung fehlt. Es ist der Blick eines Tieftraurigen auf buntes Karnevalstreiben. Das mag interpretatorisches Konzept sein, im Ergebnis führt das Eintauchen der gesamten Symphonie in eine rein dunkle Farbpalette zu einem seltsam blutleeren Eindruck, der das Werk sehr, sehr klein macht.

Hinterließ im Rest des Zyklus Schumann meist den stärkeren Eindruck, ist es diesmal eindeutig andersherum. Dessen introvertierteste Symphonie, die dritte, liegt den Philharmonikern an diesem Abend deutlich mehr. Hier ist von Beginn an Bewegung im Spiel, entfaltet sich die Musik als Ringen, als innerer Kampf. Das Hauptthema zeigt sich massig, schwer, störrisch, die dunkle Färbung des Klangs passt hier um einiges besser als zuvor. Rattle setzt die dynamischen Kontraste nun gezielt ein, erzeugt Dramatik aus dem Inneren, dem zunehmend aufgewühlten Spiel insbesondere der Streicher, heraus, streut immer wieder Verlangsamungen ein, die offene Stellen erzeugen und dem Kopfsatz einen fragenden Gestus geben. Es ist ein unruhiger Fluss mit so mancher Stromschnelle, der sich hier ergießt und in den zarten Zweifel von Klarinette und Fagott im zweiten Satz mündet. Hier übernehmen die Holzbläser das Kommando – dass sich der Satz nicht in Lieblichkeit verliert, ist aber vor allem an den Streichern, die eine massive Wand aufbauen, an der sich die tastenden, brüchigen Einzelstimmen reiben.

Auch in Satz drei geht die Introspektion weiter. Zunächst erzeugt das feste, selbstbewusste Spiel der Streicher einen spürbaren Vorwärtsdrang, den Rattle durch akzentuierte dynamische Wechsel auf engstem Raum immer wieder bremst. Es ist eine Bewegung aus Fließen und Innehalten, die dem Satz seine spürbare Spannung verleiht. Hier strebt das fragende Individuum hinaus in die Welt, um wiederholt zweifelnd abzubrechen. Das Orchester erzeugt einen schlanken, kompakten, dunkel gefärbten Klang, der diesem Hin und Her Substanz verleiht. Das Finale hebt dann sehr zurückgenommen an, Rattle entwickelt eine immense Spannung, ganz ohne auf große Effekte zu setzen. Der Ton der Blechbläser ist hart, ohne je ins Grelle zu kippen, die Streicher bleiben stets knapp diesseits gleißender Schärfe. Erneut das Miteinander von Vorwärtsdrang und Innehalten und die Konzentration des Klangs, der schlank, aber mit großen Kraftreserven daherkommt. Und so dringt zunehmend Licht ein in diese ernste Stimmung, öffnen die Hörner ein wenig den Raum in Richtung Hoffnung, führt Rattle die Symphonie zu einem ebenso ruhigen wie affirmativen Ende. Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild: ein überzeugend introspektiver Brahms und ein jedweden Lebens beraubter Schumann. Der Zyklus kennt stärkere Abende.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: