Wie Zuckerwatte im Wind

Georg Büchner: Woyzeck, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Da ist er also wieder: Woyzeck, der aus der Welt Gefallene, von der Welt Missbrauchte, hin und her Gehetzte, der nur sein kleines bisschen Glück will und doch zum Mörder wird. Werden muss womöglich. Doch warum eigentlich? Peter Miklusz spielt ihn als einen mit riesengroßen Augen durch die Welt tapsenden Jungen mit offenem Gesicht und noch offenerer Seele, einen naiv Staunenden, der alles freudig in sich aufsaugt – die Liebe, die Grausamkeiten der Welt, die Erniedrigungen, die Stimmen des herausziehenden Wahnsinns. Und der, immer noch großäugig, genauso in die Katastrophe taumelt, wie er zu beginn in sein kleines glück gestolpert ist. Doch ist Woyzeck bei Leander Haußmann nicht das zerrissene, gepeinigte Individuum mehr, er ist Produkt und Symptom und vor allem eines: Soldat. Zu Beginn liegen Woyzeck und andres in Deckung, Kugeln pfeifen um ihre Köpfe, gleich darauf stürmt eine ganze Einheit i voller Montur die Bühne und gibt sie lange nicht mehr frei. Am Schluss, Woyzeck finale Kopulation mit Marie ist gerade zum orgiastischen Blutrausch geworden, erwacht die Landschaft herum zum leben, entpuppt sie sich als Soldaten in Tarnung, die Woyzeck am blutrot gefärbter Bühne anfeuern, wie sie es am Anfang bei den Liegestützen taten, ist der mord an Marie Amoklauf eines Einzelnen und „normales“ Kriegsverbrechen zugleich, tut Woyzeck letztlich nur, was er gelernt hat.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Haußmann liest die Figur als Kriegstraumatisierten, als fühlende seele in einer Maschinerie, deren Hauptziel ist Gefühle abzutöten. Was der regisseur immer wieder vorführt: in den gewalttätigen Drillritualen, dem bestrafungsartigen Füttern mit Erbsesuppe oder dem farcenhaften Intermezzo auf dem Jahrmarkt: Da dressiert Traute Hoess nicht Pferd und Affe, sonder die angetretene Kompanie, während der „Aff“ biertrinkend zuschaut. Subtil ist das nicht originell noch weniger, plakativ sowieso – und doch ungemein wirkungsvoll, unterstreicht es doch auf satirische und nur scheinbar erleichternde Weise die Entmenschlichung, der wir zuvor beiwohnen konnten. Und die beileibe nicht nur Woyzeck betrifft. Johanna Griebel ist eine verzweifelnd nach Wärme suchende Marie, während um sie herum Soldatenstiefel lärmen, der Hauptmann (Boris Jacoby) ein verlorener Melancholiker, der Tambourmajor (Luca Schaub) ein orientierungsloser Automat, der Arzt eine Ärztin (Hoess) und ebenso ratlos durch die Welt taumelnd wie alle anderen. In einer Welt, deren Pulsschlag das Knallen der Stiefel ist, kann sich keiner verstecken, bleibt niemand unberührt.

Und so inszeniert Haußmann vor allem eines: das Taumeln einer Welt am Abgrund, in den sie womöglich schon längst gefallen ist. Woyzeck ist da der am stärksten Taumelnde, wo andere resigniert haben oder sich einzurichten suchen, findet er sich selbst nicht und sich nicht zurecht. Man kann diesen Woyzeck auch als Kriegsheimkehrerstudie lesen, auch wenn er noch mittendrin steckt. In jedem Fall das porträt eines Menschen, der gebrochen werden soll und auch gebrochen wird, bis er nicht nur selbst entzweigeht, sondern alles um ihn herum. Miklusz‘ gnadenlose Unbedingtheit hält den Abend zusammen, der sich die eine oder andere Länge, so manche Haußmannsche Albernheit und den üblichen tiefen Griff in die Plattenkiste erlaubt. Das wirkt zuweilen beinahe ein wenig beliebig und findet doch stets wieder zusammen. Denn das Eklektische, das Nichtzusammenpassenwollen, die erschütternde Nähe von Stille und Lärm, inniger Zweisamkeit und anonymer Gewalt erzeugt gerade diesen Taumel, in dem Haußmann eine kriegerisch gedachte Welt verortet und der Woyzeck in den Abgrund reißt. Dabei gelingen ganz wunderbare Bilder, etwa die berührende zeitlupenhafte Traumszene auf dem Jahrmarkt, auf dem das Regiment trunken Karussell fährt, Marie eng an den Tambourmajor geschmiegt, während der wind Woyzeck seine zwei Zuckerwatten zerfetzt. So macht es der Krieg mit denen, die in ihm sind, egal welche Rolle sie spielen. Ohne Zweifel, das ist plakativ, aber eben auch entsetzlich treffend.

Leander Haußmann setzt, wie so oft, die ganz große Theatermaschinerie in Gang. Sein Woyzeck ist in erster Linie perfektes, ja großes Theater, mit Riesenensemble, Choreografien, opulenter Lichtregie, vollem Musik- und Körpereinsatz, Nebel und was die Requisite noch so alles hergibt. Und gerade das tut diesem Werk, das so oft auf den Kampf des Individuums reduziert wird, ungemein gut. Denn dieser Woyzeck steht nicht allein, er ist Teil wie Produkt einer Welt, die ihn nicht leben lassen will, nicht leben lassen kann. Eine Welt, von der die menschen in Afghanistan ebenso Zeugnis ablegen können wie die traumatisierten Kriegsheimkehrer der Bundeswehr. Eine Welt, die besoffen auf die selbstgemachte Katastrophe zuwankt, wie dieser Abend über seinem eigenen Abgrund taumelt und schwankt und sich doch lustvoll herabstürzt. Da zerbirst die Zuckerwatte und ein Mord wird zum teambildenden Entertainment der Maschinenmenschen. Er strengt an, dieser Abend, er macht benommen, der zuschauer fühlt sich, als wäre er teil dieses Strudels gewesen. Was er wohl auch war. Wenn Woyzeck am Ende auf einer postapokalyptische Spielwiese mit all den anderen verlorenen Seelen steht und, ins Publikum gerichtet, sagt: „Was gafft ihr? Guckt euch selbst an!“, dann ist das eine Augabe, der wir uns stellen sollten.

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3 Gedanken zu „Wie Zuckerwatte im Wind

  1. […] eben jenem verteufelten Wesen am eigenen Haus Raum, wie zuletzt in Gestalt von Leander Haußmanns Woyzeck. Da bleibt es dann eben doch an Stein hängen, den Berlinern zu zeigen, wie man Theater richtig […]

  2. Popshot sagt:

    Ich kann nur zustimmen. Das war durchaus eine überzeugende Vorstellung, die ich da gestern gesehen habe.

    Meine Kritik: http://popshot.over-blog.de/article-george-buchner-woyzeck-theaterinszenierung-von-leander-hau-mann-am-berliner-ensemble-124673450.html

  3. […] – entwickelt der Abend nie auch nur einen Hauch der Energie, der noch Haußmanns Hamlet und Woyzeck an gleicher Stelle zu packenden Theaterabenden machte. Dieser Abend entwickelt nie Rhythmus, hat […]

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