Mahler, der Entdecker

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Bach, Ligeti und Mahler beim Musikfest Berlin 2014

Von Sascha Krieger

Gustav Mahler erste Symphonie hat es ihren Publikum nie leicht gemacht. Der musikalische Raum, den sie durchschreiten, von den vermeintlich niederen Sphären volksmusikalischer Tradition bis an die und zuweilen über die Grenze der Tonalität, die Nähe von tiefem Ernst und greller Überzeichnung, deren Grenzen fließend sind und zur Verunsicherung des Zuhörers beitragen, haben nicht nur das Publikum der Uraufführung vor den Kopf gestoßen. Das erste Statement des Symphonikers Mahler ist eines, das Traditionen über den Haufen wirft und Türen nicht nur eintritt, sondern gleich die umgebende Wand mit einreißt. Auch für die Interpreten bleibt Mahlers Erste schwierig: Fokussiert man das Volkstümliche oder das Moderne, blickt man zurück oder voraus oder sicht man die Balance beider und wenn ja, wo ist diese zu finden? Doch damit enden die Probleme vielleicht, sie beginnen weit früher und schließen die Programmgestaltung ein. Mahlers erste ist ein Monstrum, das nichts neben sich duldet, mit einer Länge von etwa einer Stunde aber zu kurz ist, einen Abend allein zu füllen. was aber stellt man ihr an die Seite? Iván Fischer und sein Konzerthausorchester versuchen es mit dem ganz weiten musikhistorischen Bogen, mit Johann Sebastian Bach und György Ligeti. Das geht gründlich schief.

Iván Fischer, seit 2012 Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Iván Fischer, seit 2012 Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Bachs frühe Leipziger Kantate „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht“ BWV 105 klingt wie die Gebrauchsmusik, als die sie komponiert war. Das Orchester unterlegt sie mit behäbig gefälligem Spiel, das keinerlei Geheimnis in dieser Musik vermutet und auch nicht sucht. Das Vocalconsort Berlin singt technisch makellos aber weitgehend ausdruckfrei, für die männlichen Solisten ist nicht einmal ersteres zu sagen. einzig die Solistinnen entlocken der Partitur ein wenig Zauber: Mezzosopranistin Aurélie Franck mit ihrer schlanken doch kraftvollen Stimme, Sopran Agnes Kovacs mit ihrem nuancenreichen und ausdrucksstarken Gesang. In Ligetis hamburgischen Konzert wird es eher noch schlimmer. 15 Minuten lang ergeht sich das Orchester in Unschärfe, das Ligeti so eigene Schweben, das ambivalente, verunsichernde flirren seiner Musik findet nicht statt, dazu ist die Klangdecke zu massiv, der Zugriff zu unentschlossen. Hier wird nichts in der Musik gesucht und selbst Hornistin Marie-Luise Neunecker, für die Ligeti das Werk komponierte, ergeht sich in akzentfreier Routine. Hier wird nie an der hermetischen Oberfläche gekratzt, nicht darunter gelugt, ob sich noch etwas fände. Stattdessen stellen Fischer und sein Orchester einen Monolithen in die Philharmonie, der keine Fragen stellt und abweist, ohne herauszufordern. Ligeti angemessen ist das nicht.

Dann also Mahler und mit dem ersten Takt ist zu hören, dass dies das Werk ist, um das es hier geht. Sofort ist das Orchester aus seinem Halbschlaf erwacht und stürzt sich wie elektrisiert in dieses Ungetüm. Und tatsächlich ist es eine Bewegung des Erwachens, mit dem Fischer anhebt. Ganz sacht der Streicherteppich, träge zunächst, dann immer wacher, zuletzt auch schrill die häufiger werdenden Einwürfe vor allem der Holzbläser, die langsam zusammenfinden, sich mit den Streichern verbünden und beginnen, das melodische Material zu entwickeln. Es ist ein organisches Lebendigwerden, das der Ungar hier eindrucksvoll vorführt und das bald in die Lebensfülle führt. Das Klangbild ist wuselig und ein wenig unscharf, der aufgewühlte Eindruck, den diese erwachende Ursuppe hinterlässt, aber umso stärker. Es ist ein einziges Crescendo, das die Brüche, die dieser Satz auch aufweist, ein wenig negiert. Fischer geht es hier um ein organisches Lebensbild, das er bis an den Rand der Konfrontation führt. Diese und das Aufbrechen des musikalischen Gebirges überlässt er den Folgesätzen. Es ist eine Lesart, die stets das Ganze im Auge hat und durchaus stringent ist. Deutet sich zum Ende des Kopfsatzes Mahler Humor schon an, huldigt Fischer ihm voll und ganz im zweiten. Der Ländlerrhythmus ist grell überzeichnet, der Walzer des Trios stottert wie ein absterbender Motor, Streicher und Hörner sorgen für grellstes Licht und die Wiederkehr des Scherzos kippt vollständig ins Absurde. Die heile Welt ist dekonstruiert, jetzt kann der Schmerz kommen.

Und er kommt sacht, auf leisen Füßen, im Basssolo des dritten Satzes. Ein stiller Trauermarsch ist das, der im Dunkeln seinen weg sucht. Fragmentarisch die Versuche, Themen zu finden, an denen es aus der Düsternis herausgehen kann, Versuche, die in ihrer zunehmenden Verzweiflung zuweilen grotesk wirken.Fischer umreißt jedes Motiv detailscharf, die wild überzogene Tanzmusik wie die schlichte Klezmer-Weise, stellt sie aus, legt sie zuweilen auch bloß, ohne je die dunkle Grundierung all dieser Auswegsversuche zu vergessen. Es bleibt ein Trauermarsch, dessen Schmerz die Momente des Aufbegehrens nur noch erhöhen. das Orchester nimmt sich angenehm zurück, lässt der stille Raum und ermöglicht damit auch das setzen klarer, widersprüchlicher, rebellierender Akzente, die von einzelnen Instrumenten oder Instrumentengruppen gesetzt werden und an Intensität zunehmen. Plötzlich werden die vorher übermalten Brüche sichtbar, der Trauermodus hinterfragt, ohne dem aufbegehren den sieg zu überlassen. Der Satz erstirbt in feinstem Pianissimo. Und macht Platz für einen letzten Versuch.

Der mit einem wahrhaft gewaltigen und gewalttätigen Einbruch beginnt. Schrill schreien die Streicher, grell blitzt das Blech, aufgewühlt die orchestrale See. Es ist eine Entladung, wie sie auch dieser Satz nicht jeden Tag erlebt und die nach vorn blickt: Hier manifestiert sich eine Musik, die bereits die Grenzen der Tonalität erreicht hat, die den nächsten notwendigen Schritt schon mitdenkt. Weiter geht es im tonalen Bereich nicht mehr,Umso bewegender die Momente des Innehaltens, wenn die Streicher fragil schweben, das Räderwerk fast zum Stillstand kommt, Fischer und Orchester regelrecht in die Stille hineinhorchen. Immer wieder setzt das an und bricht ab, sucht seinen Weg und wenn er gefunden ist, trägt er seine eigene Vergänglichkeit schon in sich. Es sind die Naturlaute der hohen Holzbläser, die das Leben zurückbringend, tastend in der Dunkelheit geht es voran, werden die Bögen weiter, ringt diese Musik darum, enden zu dürfen. Einen triumphalen Schluss verweigert Fischer der Symphonie. es ist vielmehr eine letzte Affirmation, bevor die ausgetretenen Pfade zugeschüttet, neue geschlagen werden müssen. Mahler, der Wanderer zwischen Tradition und Moderne: Hier wird er zum Entdecker neuer Welten, die andere erst nutzbar machen werden..

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