Wo kein Abgrund gähnt

Heiner Müller: Quartett, Theater in der Josefstadt, Wien (Regie: Hans Neuenfels)

Von Sascha Krieger

Es ist bald 19 Jahre her, dass Heiner Müller starb. Vielleicht ist es da an der Zeit für eine Neudeutung. Wie wäre es also mit Heiner Müller, dem Boulevardautoren? So etwas mag Hans Neuenfels, dessen Fach eher die Opernregie ist, im Kopf gehabt haben, als er daranging, Müllers Quartett am Theater in der Josefstadt, normalerweise kein Hort der Müller-Bewunderung, zu inszenieren. Warum auch nicht, könnte man fragen, schließlich ist Quartett  erst einmal ein Konversationsstück der uns aus Laclos‘ Gefährliche Liebschaften bekannten intriganten Hassliebenden Valmont und der Marquise von Merteuil, die sich allerlei Gemeinheiten an den Kopf werfen, neue Intrigen planen und umsetzen und der schwindenden Jugend nachtrauern. Dass Müller hier die Dekonstruktion von Rollenklischees und die Offenlegung von Geschlechterbeziehungen sowie ihrer Konstruiertheit im Sinn hatte – geschenkt!  Also darf Neuenfels‘ Gattin Elisabeth Trissenaar lustvoll in Überzeichnungen schwelgen, jede Emotion stimmlich ins lange schon nicht einmal mehr Lächerliche überheben und Gesten von einer solch gewählten Überdeutlichkeit, die nicht selten in Hölzerne kippt, dass selbst in einem tendenziell eher konservativeren Publikum wie jenem beim Gastspiel am Berliner Ensemble der eine oder andere fragende Blick an den Sitznachbarn gerichtet wird. Ist das ironisch gemeint oder soll das so? Da erscheint Ex-Josefstadt-Direktor Helmut Lohner, der eine alberne weißhaarige Langhaarperücke verpasst bekam, eine regelrechte Erholung – mit seiner holzschnitthaften Langsamkeit, vor allem aber der unaufgeregt geschliffenen Sprechweise, die man zwar schon weniger angestrengt gehört hat, aber zielführender als der puppenhafte Gestus Trissenaars ist das allemal.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Statt findet das alles in einem anthrazitfarbenen modernen Mobiliar viel viel Chrom, das ansonsten nicht weiter stört. Im Zeitlupentempo quält man sich durch Müllers Text, und freut sich, wenn man mal wieder eine Pointe aufgespürt hat. Die Wahl des 80-jährigen Lohners und der zehn Jahre jüngeren Trissenaar ist eine der wenigen spürbaren Regieentscheidungen Neuenfels‘. Dass er die „Liebenden“ als altes Paar verortet, die quasi aus einer Vorhölle ihr altes spiel aufrecht erhalten, weil sie nicht anders können, als das überkommene Geschlechterrollenrad weiterzudrehen, ist durchaus konsequent. Dass er als zweite Ebene, vor allem ganz am Schluss, wenn Lohner die Perücke ablegt und der Vorhang kurzzeitig fällt, die Figuren als gealterte Schauspieler interpretiert, bei Müller angelegt: Wiederholt ist vom Schauspiel die Rede, immer wieder wechseln sie die Rollen, mitunter mitten im Satz. Von der gesellschaftlichen Rolle zu jener auf der Bühne ist es nicht weit, das Bild des Menschen in der Gesellschaft als eines, der eine Rolle spielen muss, nicht neu. Doch wo Müller in diesem Spiel der Ebenen eine ambivalente, gefährliche Spannung findet, hinter der Oberfläche die alles verschlingen wollende Leere gähnt, bleibt die Fassade bei Neuenfels intakt, ist das Flirren der Gewissheiten, die Brüchigkeit gesellschaftlich verordneter Identitäten bloßes Spielmaterial, gähnt hier kein Abgrund sondern allenfalls der Zuschauer. Die Auseinandersetzung mit dem Tod als Urangst und Triebfeder, die martialische Jagdmetaphorik, die groben, die glatte Oberfläche aufreißen wollenden Anzüglichkeiten, die Fremd und Selbstzitate – von Goethe bis zur Müllerschen „Frau mit dem Kopf im Gasherd – nichts wird ernst genommen, alles verpufft in der Beliebigkeit des Boulevards. Wenn Lohners Valmont gegen Ende sagt: „Ich hoffe,Sie mit meiner letzten Vorstellung nicht gelangweilt zu haben“, müssen wir ihm diese Hoffnung leider nehmen.

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3 Gedanken zu „Wo kein Abgrund gähnt

  1. So, wir wollen uns nun für das kommende Theatertreffen der Jugend bewerben und wenn wir Glück haben werden wir von dir kritisiert. 🙂

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