Oh Freunde, nur diese Töne!

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle spielen die zweiten Symphonien von Schumann und Brahms

Von Sascha Krieger

Die zweiten Symphonien Robert Schumanns und Johannes Brahms‘ einander gegenüberzustellen, ist keine unspannende Aufgabe, schließlich fallen beide ein wenig aus dem Vorstellungsrahmen, mit dem der Laie den Komponisten gegenübertritt. Kommt Schumanns Zweite dem symphonischen Ideal Beethoven weit näher als jedes andere Werk des rheinischen Komponisten, weist Brahms‘ D-Dur Symphonie eine Leichtigkeit auf, wie man sie in seinem orchestralen Schaffen sonst nirgends findet. Der naturverbundene Romantiker Schumann und der bedeutungsschwere Brahms: Hier will die Rollenverteilung nicht recht passen. Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker machen aus dem vermeintlichen Dilemma eine Stärke – und den Ausgangspunkt für den ersten ganz großen Triumph der noch jungen Berliner Spielzeit. Dabei macht der Chefdirigent die Ruhe zum Kraftquell: Ganz still und friedlich lässt er Schumanns C-Dur-Symphonie beginnen, setzt mit den freudig-lyrischen Einwürfen der hohen Holzbläser nicht nur lebendige Akzente, sondern weist bereits voraus auf den Grundcharakter dieses Konzertabends: Es ist vor allem diese Instrumentengruppe, angeführt von Albrecht Mayer (Oboe) und Emmanuel Pahud (Flöte), die ihm ihren Stempel aufdrücken wird.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Auf engstem Raum lässt Rattle dynamische Entwicklungen ablaufen, um diesen gleich zu weiten: Bald ist das ganze Orchester infiziert von einer kaum zu bändigenden Lebendigkeit, die harte Kanten nicht scheut, sanfte, doch affirmative lyrische Episoden mit einem pulsierenden Grundrhythmus paart, der zuweilen droht, selbst die Musiker von den Sitzen zu reißen. Aus der anfänglichen Stille entwickelt sich eine Kraft, die ohne Schwere auskommt und von der Freude am Leben erzählt, ohne die Klippen, die dieses so oft bereithält – gerade auch für den Komponisten in der Entstehungszeit dieses Werks – zu verschweigen. Schier unglaublich der Farbenreichtum des Orchesterspiels im rasant genommenen zweiten Satz, der sich aus schnellen Stimmungswechseln speist, ohne irgendwie bruchstückhaft zu wirken. Von berückender Klarheit dann das Spiel der hohen Streicher im Adagio espressivo, ein ruhiger und doch kräftiger Strom, der aus der dichten streicherdecke immer wieder in Momente fast kompletter Stille führt und berührend elegisch endet. Das Fingerspitzengefühl der Philharmoniker ist atemberaubend, jede Nuance sitzt perfekt. Auch im Finale, das in tausend Farben schillert: von seinem kraftvoll lebhaften Beginn über die strahlenden Streicher und subtil warmen Blechbläser bis hin zu einer Feierlichkeit, die das pulsierende Leben in sich trägt. Am Ende steht eine affirmative Entfaltung purer Lebenskraft, die diese Interpretation von Schumanns wohl bester Symphonie nahe ans Ultimative rückt. So ausdrucksreicht, so lebendig und doch weltweise, so umfassend in ihrer musikalischen Perspektive braucht sie den so obligaten wie müßigen Vergleich mit Beethoven nicht scheuen.

Brauchte Brahms für seine erste Symphonie noch mehr als eineinhalb Jahrzehnte, schrieb er die Zweite in weniger als einem Jahr. Das hört man ihr an – und zwar auf äußerst positive Art. Wo Rattle bei der Gegenüberstellung der ersten Symphonien der beiden Romantiker den Jüngeren als Ausgangspunkt wählte, blickt er bei den Zweiten von Schumann auf Brahms. Mit der naturhaften Weite des eröffnenden Hornmotivs knüpft er nahtlos beim Älteren an. Sanft ziehen die Streicher ihre Bahnen und sind doch vom ersten Takt an hellwach. Warm, weich und weit ergießt sich das Hauptthema, immer wieder vollzieht Rattle Öffnungsbewegungen, lässt den vollen, reichen Klang seiner Musiker atmen. Der melodische Fluss, den er erzeugt, ist so ruhig du friedlich wie quicklebendig, geführt vom betörenden Klang der hohen Holzbläser, die in Brahms den Naturromantiker entdecken. Das Spiel ist in jeder Sekunde von feinster, filigranster Detailtreue. Im zweiten Satz wird der Strom breiter, kraftvoller, die Untiefen dunkler. Die Streicherdecke ist massiv, immer wieder streut Rattle leichte Bremsbewegungen ein, die Spannung erzeugen und darauf hindeuten, dass unter der Freude stets der Schmerz lauert. Die Holzbläser singen ihre Sehnsuchtslieder, der Satz endet mit einem Fragezeichen. Und hat durch dieses dem Rest des Werks das Recht verlieren, das Leben freudig zu feiern.

Wie die Oboe im dritten Satz lustvoll tänzelt und die Violinen energisch hüpfen, ist wunderbar anzuhören und macht den Weg frei für ein Finale, das sich die Freiheit nimmt, sich dieses eine Mal ausschließlich auf das Schöne Freudenbringende zu konzentrieren. Der Satz gerät äußerst lebendig, erlaubt den Trompeten gleich zu Beginn feierliche Untertöne einzustreuen und den hohen Holzbläsern, die ruhigen Passagen voller Lyrik quasi als Kraftquellen anzulegen, aus denen sich dann die Freudeneruption des traumhaft präzise agierenden Orchesters entwickeln kann. Feinste Miniaturen stehen neben weiten Bögen, der Schluss gerät zum sich jeglicher Scheu entledigenden Triumphgesang. Bei aller Düsternis, so sagt uns diese Musik, darf nicht vergessen werden, welches Geschenk das Leben ist. Knapp zwei Stunden lang lassen Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker es feiern. Sie werden lange im Gedächtnis bleiben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: