Frühlingsgewitter

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker starten ihren Schumann-Brahms-Zyklus mit den ersten Symphonien

Von Sascha Krieger

Es ist durchaus ein Kraftakt, den sich Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker zum Spielzeitbeginn zumuten: alle Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms, verteilt auf vier aufeinanderfolgende Abende. Da braucht es eine klare Richtung und ein stringentes Konzept, das sich vor allem darüber im Klaren ist, welche Verbindungslinien zwischen den beiden Symphonikern es gilt herauszuarbeiten. Schon am ersten Abend wird deutlich, aus welcher Richtung Rattle kommen wird: sein Referenzpunkt ist Brahms, Höhe- und vielleicht auch Endpunkt der vormodernen Symphonik wenn man seinen Zeitgenossen Bruckner eher als Wegbereiter einer Linie verorten will, die über Mahler in die neue Musik führt. Wie auch immer man es interpretiert: Brahms‘ Symphonik ist zugleich Ergebnis der symphonischen Geschichte seit Haydn und steht an einem Wendepunkt nicht nur der Orchestermusik. Schon Mahler – und in Ansätzen bereits Bruckner – wird die Grenzen der Symphonik sprengen, Brahms füllt den vorgegebenen symphonischen Rahmen bis zum Rand aus. Schumann ist in dieser Sicht Wegbereiter des Mannes, dessen Talent er einst so wirkungsvoll – und für den jungen Komponisten auch so belastend – pries, einer, dessen Musik auf den zielpunkt Brahms hinläuft.

Im Rahmen des Musikkfests Berlin 2014 führen Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker alle Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms auf (Foto: Kai Bienert)

Im Rahmen des Musikkfests Berlin 2014 führen Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker alle Symphonien von Robert Schumann und Johannes Brahms auf (Foto: Kai Bienert)

Und so hat man Schumanns erste, gern auch als „Frühlingssymphonie“ bezeichnet, selten so brahmshaft, so muskulös und dramatisch vernommen wie in Rattles Interpretation. Von frühlingshafter Leichtigkeit ist da wenig, die Jahreszeit des Aufbruchs erscheint hier eher wie ein nicht gewaltloses Wegfegen des alten. Da tritt auch Rattles so charakteristischer hochtransparenter Klang zurück. Hier, das wird schnell deutlich zählt der Gesamteindruck und so fokussiert er sein Orchester auf das Zusammenwirken als Gemeinschaft und weniger auf das Zusammenfinden des Vereinzelten. Der Klang ist hell, klar und hochkonzentriert, stets feinst ausbalanciert, so dass kein Instrument je eine dominierende Rolle erhält, das Spiel kraftvoll, rhythmisch streng, der Schwung erheblich und doch klar in engen Bahnen geführt. Rattle zieht die Zügel an und das Orchesterdankt es ihm mit einer halbstündigen Energieentlandung, wie sie auch die Philharmoniker nicht jeden Tag produzieren. Im langsamen Satz hat dieser Ansatz nicht nur Vorteile: Er fließt ein wenig zäh dahin, die zarteren Momente können sich kaum entfalten – anders als dann im dritten, wo die Nähe zum schnellen, muskulösen Spiel der Lyrik erst den Raum zum atmen gibt, den sie braucht. Wirkt der Eingangssatz noch etwas schwer, findet der dritte eher seine Mitte, erzeugt er seine Kraft aus sich selbst heraus. Das Finale ist dann eine einzige Eruption – im Wortsinn geballter – Energie. Gerade indem Schumann die Zügel so fest in der Hand lässt, verweigert er die Energieentladung in Schüben, sondern konzentriert sie auf einen Punkt, was die Kraft dieses Frühlingsgewitters potenziert.

Nach der Pause, in Brahms‘ symphonischem Debüt knüpft Rattle dort an, wo er bei Schumann aufgehört hat. Dunkel türmen sich die Klangberge auf, Stück für Stück steigert Rattle die Dynamik, verlangsamt die Entwicklung wiederholt und erzeugt dadurch eine ungeheure Spannung, die immer wieder zu einem Eindruck der Ruhe führt, aus der heraus sie sich speist. Eindrucksvoll der Kontrast zwischen den harten Schlägen in den Forte- und Fortissimo-Passagen und dem ruhigen Dahinfließen der Streicher, das geradewegs in den zweiten Satz führt. Hier ist es an den Holzbläsern, insbesondere Albrecht Mayers Solo-Oboe, und an den berückenden Soli des Konzertmeisters Daishin Kashimoto Zartheit und Empfinden gegen eine undurchdringlich erscheinende Streicherwand zu behaupten. Dem universalen Anspruch, den Beethoven in die Symphonik gebracht hatte, fühlte sich auch Brahms verpflichtet. Rattle betont ihn durch dieses Neben-, Mit- und Gegeneinander von hart und weich, Kraft und Sanftheit, Wucht und Innigkeit. Satz drei ist ein Musterbeispiel, wie ein Orchester in der Lage ist, stetig den musikalischen Raum zu erweitern: Immer weiter werden die melodischen Bögen. Geführt von den streichen, bis der Blick sich auf die ganze Welt öffnet.

Zeit für das Finale. Feierlichkeit und Ruhe sind im Hornmotiv vereint und bilden das Grundgerüst dieses Satzes. Es ist Emmanuel Pahuds Flöte überlassen, die Natur einzulassen, während die Blechbläser mit einiger Schärfe im Choral höhere Sphären anpeilen. Doch wie sind eben nicht bei Beethoven, die Weltumfassung bleibt hier Fragment: Das berühmte Hauptthema stellt Rattle in aller eindringlichen Klarheit vor, nur um es mit fast brutaler Vollbremsung abzuwürgen. Die Ablösung vom Heilsanspruch, den dieses an Beethovens Freudenmotiv aus seiner Neunten gemahnende Thema repräsentiert, ist keine gewaltfreie. Immer wieder lässt er das Orchester auffahren, gibt den dramatischeren Passagen eine Schroffheit an der Grenze zur Dissonanz, zieht immer wieder das Tempo an, schafft Momente der Erschütterung, wohl auch um klarzumachen: Den menschlichen Widerstreit, den Brahms darstellt, kann keine noch so schöne Melodie auflösen. Der kraftvolle Schluss ist affirmativ, lebens- und weltbejahend, aber eben auch ein Appell. Gelöst ist hier wenig. Es ist ein durchaus moderner Brahms, den er dem Publikum da vorsetzt.

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