Kreisen um die Zeit

Jukka-Pekka Saraste und das WDR Sinfonieorchester Köln mit Werken von Wolfgang Rihm und Franz Schubert beim Musikfest Berlin 2014

Von Sascha Krieger

Eine Uraufführung ist immer etwas Besonderes: Die erste Begegnung mit einem neuen Werk, einem unbekannten Wesen, das man zunächst neugierig aus der Ferne betrachtet, um sich ihm vorsichtig zu nähern, das man langsam kennen lernt, bis man wagt, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Wolfgang Rihms Trio Concerto für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester, dessen Uraufführung das WDR Sinfonieorchester Köln im Rahmen des Musikfests Berlin macht besorgt, macht einem das nicht. Viel zu eingängig kommt es daher, viel zu sehr lädt es ein sich zurückzulehnen, statt es herauszufordern zu zeigen, was es sonst noch zu bieten hat. Rihms Werk ist ein Trio mit Orchesterbegleitung, die Sologruppe steht im Vordergrund, das Orchester ist Resonanzboden und Verstärker, es intensiviert das Gesagte, nimmt es auf, spinnt es weiter. Unter der Leitung von Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste erfüllen die Kölner diese Aufgabe sehr sorgfältig, halten sich klug zurück, wo es angebracht ist, und entfalten einiges an Kraft und Lautstärke, wo das Werk einen Energieschub benötigt.

Wolfgang Rihm (im Vordergrund links) mit Jukka-Pekka Saraste (Mitte), dem Trio Jean Paul und dem WDR Sinfonieorchester Köln nach der Uraufführung seines neuen Werks (Foto: Kai Bienert)

Wolfgang Rihm (im Vordergrund links) mit Jukka-Pekka Saraste (Mitte), dem Trio Jean Paul und dem WDR Sinfonieorchester Köln nach der Uraufführung seines neuen Werks (Foto: Kai Bienert)

Im Mittelpunkt steht das Trio Jean Paul um Martin Löhr, Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker. Klug arbeiten sie die für Rihm so typische Kantabilität heraus, bringen ihre Instrumente zum Singen – klar und behutsam samtig Löhr, zuweilen etwas zu grell der Geiger Ulf Schneider – und reiben sich an den gegenläufigen Akzenten, die Pianist Eckart Heiligers mit seinem glockengleiche Anschlag setzt. Rihms Musik ist eine antilineare, eine, die ein musikalisches reich hinter der Zeit sucht. Wo also Löhr und schneider vorwärtsschreiten, wirft ihnen Heiligers Stöckchen zwischen die Beine, arbeitet Rhythmik gegen eine stetige Fortentwicklung an und bringt gegen Ende sein eigenes Instrument in einer klaren Gegenbewegung zum singen. Das Trio Concerto ist ein Werk der Zwischentöne, es trumpft nicht auf, sondern lädt zum genauen Hinhören ein. Und wie so oft bei Rihm kreist es um einen Kern, der sich nicht fassen lässt. Die Zeit aufzuheben, gelingt ihm nicht, wohl aber, ihre Bedeutung für eine halbe Stunde in den Hintergrund treten zu lassen.

Das versucht auch Rihms 2013 uraufgeführtes Transitus, wenn auch auf deutlich affirmativere weise. Unter Sarastes zurückhaltendem Dirigat wird es zu einer Serie aus an- und Abschwellbewegungen, die Saraste sorgfältig herausarbeitet und klar erkennbar akzentuiert. Sehr schroff und zerklüftet erhebt sich diese Klanglandschaft, die ersten gesanglichen Fragmente laufen wie Bergbäche an diesem musikalischen Felsmassiv herunter, um sie langsam als zweite Kraft zu emanzipieren, als gleichberechtigtes Kraftzentrum dieses energiegeladenen werken. Diese erste Hälfte ist stark: ein widerstreit musikalischen Ying und Yangs, das allmählich in ein Umeinanderkreisen mündet. Dem jedoch die Mitte fehlt, die in Transitus eigentlich den Hörnern gehört. Erst sehr spät machen sie sich bemerkbar, zu einem Zeitpunkt, da das auf und Ab von Crescendo und Decrescendo, von schnell und langsam längst zum Selbstzweck geworden ist und es Dirigent wir Orchester nicht mehr gelingen will, die anfängliche Spannung aufrecht zu erhalten. Die Energieerzeugung aus dem Spiel von Anziehung und Abstoßung, die dem Beginn gelingt, können sie nicht aufrecht erhalten. Und so plätschert Transitus dahin, bis das Horn doch noch einen leisen Gesang wagt und das Werk in einem Moment äußerster Zartheit aushaucht.

Nach der Pause suchen Saraste und sein Orchester in Franz Schubert einen Bruder im Geiste Rihms. Und finden ihn in seiner „Großen C-Dur-Sinfonie“, der letzten, die Schubert vollendete und die deshalb heute zumeist als achte statt wie früher als Nummer 9 gezählt wird. Das bleibt die Zeit sogleich stehen: Der einleitende Hornruf vermittelt höchste Ruhe, bremst sofort, was noch gar nicht begonnen hat und führt in eine musikalische Welt, in der das Vorwärtsgehen nichts zählt. Was nicht bedeutend, dass hier keine Spannung herrscht: Die Crescendi im Eingangssatz kommen äußerst muskulös daher, immer wieder konzentriert Saraste den Orchesterklang, nur um ihn, wenn es leiser wird, wieder zu öffnen. Der rhythmischen strenge des Hauptmotivs setzt er den sanft berührenden Gesang der Holzbläser entgegen – nicht als Kontrast, nicht im Sinne eines Aufeinanderprallens, sonder als zwei einander bedingende Gegenpole eines komplexen Universums. Es ist die Kreisbewegung, die wir von Rihm kennen, die Saraste sucht und auch findet. Diese Musik eilt nicht auf ein Ziel zu, sie trägt es immer schon in sich. Auch im zweiten Satz, in dem der Dirigent das Spiel aus Beschleunigung und Abbremsen nochmals intensiviert. Wo das rhythmisch pointierte Hauptthema nach vorn drängen will, wohnt im stets schon die eigene Verzögerung inne. Laut und Leise, kompakte Klangdichte und luftige Transparenz, Vorandrängen und Innehalten: Alles wird stets zusammengedacht und kann nie für sich allein stehen.

Der dritte Satz lebt vom Nebeneinander des rhythmisch prägnanten Scherzos, die das Orchester mit einiger Schärfe und äußerst klaren Konturen spielt und der kräftigen Wärme des Trios. Zieht Saraste in den rahmenteilen die Zügel merklich an, lässt er seinem Orchester im Trio freieren Lauf – auch dies eine der vielen Paarungen des Abends. Vor allem im Trio verlangsamt sich die Zeit wieder spürbar, nähert sich das Spiel einem schwebenden Traumzustand an. Seht lebhaft dann das Finale, ebenso deutlich dann aber auch die erneute Bremsbewegung, die einer weitere Beschleunigung Platz macht und so weiter. Mal schneller, mal langsamer kreist diese Musik um ihr Kraftzentrum und setzt dabei Energie frei, die in der gähnend leeren Philharmonie beinahe zu greifen ist. Es ist das wohl größte Verdienst von Dirigent und Orchester an diesem bemerkenswerten Abend, dass sie sich nie in den Vordergrund drängen, sondern alles auf diese musikalische Energieerzeugung ausgerichtet ist. Sie dienen im allerbesten Sinne der Musik und beeindrucken gerade dadurch umso mehr.

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