Befreiende Eruption

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Tugan Sokhiev beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Seit 2012 ist Tugan Sokhiev Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Zu behaupten, er hätte dem Klangkörper seitdem seinen Stempel aufgedrückt, wäre eine Untertreibung. Das Orchester verfügt heute über eine Klang- und Spielkultur, die unverwechselbar Sokhievs Handschrift trägt. Der Klang ist geschliffen, konzentriert, satt und kraftvoll, stets etwas dunkler gefärbt. Das Zusammenspiel zählt mehr als Transparenz, das Orchesterspiel soll etwas auslösen im Zuschauer, ihn zu allererst auch emotional ansprechen, das Hirn über das Herz erreichen. Sokhiev steht damit klar in einer russischen Tradition und setzt dabei keineswegs auf Oberflächenglanz und schönklang. Er hat dem Orchester Kanten verpasst, insbesondere die Geigen zeichnen sich durch einen klaren und überaus scharfen, zuweilen gar schneidenden Ton aus. Auch wenn ihm große Gesten und weites ausholen nicht fremd sind: Das Fundament ist eine Zusammenballung der instrumentalen Kräfte, eine Konzentration, die vor Kraft strotzt, jedoch nie mit ihr angibt. Sokhiev hat ein Kraftzentrum geschaffen, von dem aus das Orchester auch entfernte Ecken des musikalischen Universums zu erkunden vermag. Gelingt dies, entstehen Abende von atemberaubender Kraft. Bleibt das Orchester dagegen in seiner Komfortzone, droht ihm Beliebigkeit.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Bei seinem Saisonauftakt im Rahmen des Musikfests Berlin 2014 ist beides zu beobachten. Auf der Negativseite stehen dabei die beiden Konzertstücke für Klavier und Orchester von Robert Schumann. Sokhiev setzt dabei auf dramatische Effekte, deren schwere die Musik fast erdrückt. Der Orchesterklang türmt sich massiv auf zu einem beinahe bedrohlichen Klanggebirge, hermetisch abgeriegelt und keinerlei Licht einlassend. Das ist vor allem in Opus 134 der Fall, bei dem Sokhiev nie den Versuch unternimmt Orchester- und Solopart in irgendeine Beziehung zu setzen. Vorn darf der französische Pianist Jean-Frédéric Neuburger seinen klaren, festen, streckenweise etwas harten Anschlag vorführen, seinem Part eine dramatische Note geben, dahinter spielt das Orchester, als wäre dieses leichte Konzertstück ein später Beethoven. Ein wenig subtiler dann Opus 92, in dem Sokhiev vereinzelt auch zartere Momente zulässt, das aber erneut am reduzierten Zusammenspiel von Solist und Orchester krankt, was hier vor allem an Neuburger liegt. Nimmt er sich zunächst bis an die Grenze der Hörbarkeit zurück, wird er in der Folge immer dominanter und fordert das Orchester zu einer Art Machtkampf heraus. Für Momente ergibt sich eine elektrisierende Spannung zwischen pointiertem Marschrhythmus im Orchester und lyrischem Solospiel, doch schon bald hebt der Kraftwettstreit wieder an. Welche Weite Neuburgers Spiel haben kann, wie er mit subtil verzögertem anschlag die Linearität der Zeit zu hinterfragen vermag, zeigt er im Ravel der Zugabe.

Zuvor hatte Sokhiev mit Aribert Reimanns „Sieben Fragmenten“ in memoriam Robert Schumann zu dem Romantiker hingeführt. Sokhiev erzeugt dabei eine ungeheure Spannung, insbesondere die Schumann-Zitate erscheinen in fast feindlicher Umgebung. Der Kontrast zwischen dem sanften Hornmotiv und einer höchst aggressiven Streicherfläche in Fragment 3 ist fast physisch spürbar. Der Klangraum, den der Dirigent absteckt ist eng, das Spiel so konzentriert, dass es in jeder Sekunde zu explodieren droht. Holzbläser und Streicher verleihen dem Klang eine beinahe gewalttätige Schärfe, die sich zuweilen in grellem Schreien entlädt. Sokhiev setzt dem Publikum hier einen besonders sperrigen Brocken vor, der bereits andeutet, in welche Richtung der anschließende Schumann gehen soll. Das ist durchaus eindrucksvoll, aber eben auch etwas eindimensional.

Dass Dirigent und Orchester auch anders können, zeigt sich nach der Pause in Pjotr Tschaikowskys Suite Nr. 3 für großes Orchester. Die Schärfe im Ton ist noch da, aber das Klangbild ist von Beginn an deutlich offener und transparenter, der Klang heller, die dunkle Grundierung weniger dominant. Etwas uneben noch der erste Satz, in dem die Streicherdecke wiederholt die zarteren Momente erdrückt, der Fluss, den das Orchester anstrebt, noch etwas zäh bleibt. Überzeugender schon der Walzer des zweiten Satzes: Der Schwung ist gebremst, der Klangeindruck dunkler und rauer, doch öffnet sich der Blick zunehmend jenseits der Oberfläche, die alles andere als harmlos glänzt. Von rhythmischer Prägnanz zeigt sich das Scherzo, das eine starke dynamische Entwicklung aufweist, mehr Luft und Licht ins vorherige Klangdickicht einlässt, zugleich kein Bisschen an Kraft verliert und mit seinem nuancierteren Ausdrucksspektrum auf das Finale vorausweist. Dieses, eine Folge von zwölf Variationen, öffnet dann die Fenster ganz weit. Sokhiev verleiht jeder Variation einen eigenen Charakter und betont die Kontraste zwischen ihnen. Kraftvolles Fortissimo steht nun neben zartester Lyrik, Wei Lus Solovioline strahlt schlank und samtig und so durchmisst der Satz, eine Reise durch die russische „Seele“, einen weiten musikalischen wie außermusikalischen Raum. Besonders kraftvoll, rhythmisch pointiert und mit viel Schwung wird die Schlussvariation genommen, bevor das Konzert mit einer befreiend wirkenden Schlusseruption endet. Wo bei den Schumann-Stücken der Blick eng blieb, weitet er sich nun gen Lebensfülle und Vielfalt. Und so ist der tosende Schlussapplaus letztlich nicht unverdient.

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