Szenen keiner Ehe

Yael Ronen & Ensemble: Erotic Crisis, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Ein Mann versucht zu schlafen. Irgendwann setzt er sich im Bett auf und hat keine andere Wahl, als dem zu lauschen, was da durch die Schlafzimmerwände aus der Nachbarwohnung dringt. Wo er eben noch friedlich und untätig neben seiner Frau lag, stellt sich das Nachbarspärchen einer der Hauptaufgaben, die die Gesellschaft an ihre Mitglieder richtet. Denn schreit uns das nicht tagtäglich an ­ aus Filmen, Fernsehserien, sozialen Medien, Zeitschriften und unzähligen Ratgeberbüchern? Zu einer glücklichen Beziehung, ja, eigentlich zu einem halbwegs sinnvollen Leben gehört ein erfülltes Sexualleben? Da kann der Mann im Bett noch so spöttisch lächeln ob der zuweilen seltsamen Laute von nebenan diese offene akustische Herausforderung wegironisieren – sie wird ihn einholen. Und da können die zwei Paare und ein Single, die sich am Bühnenrand aufstellen noch so steif und fest behaupten, alles sei perfekt und nichts könne ihr Glück trüben: Es braucht gar nicht die versteckten Seitenblicke und das verstohlen Zucke um die lächelnden Mundwinkel, um zu wissen, dass nichts weiter von der Wahrheit entfernt ist.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Denn dem sexuellen Wettbewerbsdruck und den Vorgaben, wie eine erfolgreiche – welch ein Wort! – Beziehung auszusehen hat, kann keiner entfliehen. Da gibt es wenig Raum, vielleicht einen anderen, eigenen Weg zu finden, die Notwendigkeit mitzuhalten im globalen Sex- und Beziehungswettbewerb, ist immer dabei. Sex ist immer Erfolgsfaktor, nie Selbstzweck oder Mittel zum ganz privaten Glück. Wenn sich Uni-Professor Jan (Thomas Wodianka) „Gruppensex ohne normative Blicke“ wünscht, muss das Wunschtraum bleiben. Das beginnt schon in der Jugend: mit dem Vater, der, fürchtend, der Sohn könnte schwul werden, den Zwölfjährigen mit Pornovideos versorgt, was dazu führt, dass der Pubertierende, gerade sechzehnjährig, wenn es drauf ankommt, vor lauter Druck versagt und glaubt, „Du bist meine kleine Hure“, sei ein Kompliment.

Und das setzt sich fort: Wenn später die Partnerin sagt „Du gibst mir Sicherheit“, ist das die ultimative Beleidigung. Sicherheit und Verlässlichkeit sind in Handbuch sexuellen Erfolgs nicht vorgesehen. Großartig der Dialog zwischen Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenković, indem er sie fragt, ob sie, die aus einer lesbischen Beziehung kam, die Frauen nicht vermisse, worauf sie zurückfragt: „Du nicht.“ Seinem Einwand, er sei doch mit einer zusammen, entgegnet sie: „Ja, mit einer. Und was ist mit den ganzen anderen?“. Und wenn er nochmals anhebt und darauf hinweist, er könne ihr ja nicht geben, was ihr eine Frau geben könne, weist sie darauf hin, dass er ihr auch das nicht geben kann, was sie bei einem anderen Mann bekäme. Die Unmöglichkeit , dem anderen jede erdenkbare Möglichkeit zu geben, das im Zwang, perfekt zu sein, alle Bedürfnisse abdecken zu können, innewohnende Scheitern ist nicht vorgesehen.

Und für zur Angst vor Unzulänglichkeit. Und so beginnen die Paare einander misszuverstehen und mit Forderungen zu erdrücken: Maya (Omit Nahmias) fordert von Jan (Wodianka) Sex, wenn er doch lieber auf seinem Handy herumtippt. Und Kumari (Gubareva) langweilt sich ob der zuverlässigen Routine Rafaels (Radenković). Jeder glaubt, alles richtig zu machen und die Angst herauszufinden, es könnte nicht so sein, führt zur Kommunikationsverweigerung. Wird diese eingefordert, setzen Fluchtbewegungen ein, sucht man sein Heil im Ungefähren, im Aufsetzen von Masken vor dem Anderen. „Ich hatte das Gefühl, dass du mir gegenüber irgendwie allgemein bist“, sagt Gubareva einmal. Vor lauter Rücksicht auf das gesellschaftlich Normative verschwindet der Einzelne, wird aus der individuellen Beziehung ein Abziehbild des Gewünschten, die Partner austauschbar und eben „allgemein“.

Das ist zu Beginn des neuen Abends von Yael Ronen sehr komisch, etwa im Erzählwettbewerb der vier um die beste sexuelle Fantasie, oder wenn Omit Nahmias in einem furiosen Monolog das Sexleben ihrer Figur mit der gesellschaftliche Norm vergleicht. Doch irgendwann geht es ans Eingemachte, rütteln Erfolgszwang und Kommunikationsloch an den Grundfesten des Miteinanders. Und plötzlich sind wir mitten drin in Bergmanesker Selbstzerfleischung. Denn die Notwendigkeit einander zu konfrontieren, bricht sich irgendwann Bahn – in größtmöglicher Brutalität. Wenn ein Dialog stattfindet wie: „I do love you. – In what sense? – In no sense.“, weiß man, alles ist zu spät. Der Zwang, alles sinnhaft aufzuladen, endet tödlich. Am Ende ist ein paar getrennt, das andere hat seinen weg – fürs erste – gefunden.

Natürlich strotzt Erotic Crisis nur so vor Banalitäten, jagt ein Klischee das andere und lässt sich doch nicht leugnen, dass Beziehungen in der Regel eben am Banalen scheitern oder im Alltäglichen funktionieren. Im Gegensatz zu früheren Abenden verzichtet Ronen diesmal weitgehend darauf, die Schauspieler ihre eigenen Geschichten erzählen zu lassen. Die Abwesenheit des Zwangs zum authentischen tut dem Abend gut, entfaltet sie doch einen Raum, in dem sich Geschichten entwickeln können, altmodisch linear, wenn auch ineinander verzahnt. Auch der Zwang zu politischer Bedeutsamkeit, der Common Ground phasenweise etwas lähmte, fehlt und lässt Luft zum Atmen. Und so entsteht ein Sog, ein Gefühl des Unentrinnbaren, in dem sich Auswege kaum ausmachen lassen und doch dort auftauchen, wo man sie nicht vermutet. Keine Frage: Erotic Crisis sprengt keine rahmen, ist solidestes Schauspielertheater, das sich auch vor dem Boulevard nicht fürchtet. Wie groß der Erkenntnisgewinn ist, darüber ließe sich streiten, doch als Bestandsaufnahme moderner und vor allem urbaner Selbsteinschränkung und Erzwingung einen Unglücklichseins taugt das allemal. Vielleicht ist Erotic Crisis  nicht der ganz große Wurf zum Saisonauftakt des frischgebackenen „Theaters des Jahres“ – knapp zwei fesselnde Theaterstunden bietet es in jedem Fall.

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