Ein fliehendes Haus

René Pollesch: House for Sale, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja alles wie immer bei René Pollesch. Bert Neumann hat dem Diskurssüchtigen des deutschsprachigen Theaters eine halbkreisförmige Bühne gebaut, die ein Vorhang abschließt, der diesmal aus roter Folie besteht, und vor dem ein paar Schauspieler Theorie referieren, eifrig zitieren, Spielszenen und Figuren ausprobieren und ebenso trefflich wie eklektisch und gern auch komisch die Existenz des modernen Menschen sezieren, zerfleddern und die Bruchstücke genüsslich herumwerfen. Das ist bei House for Sale nicht anders, auch der tiefe Griff in die popmusikalische Schatztruhe ist da, genauso die metatheatrale Ebene und die gern genutzte Kunst des Selbstzitats. Immerhin hat es diesmal, im Gegensatz etwa zu Gasoline Bill, zu einer neuen Bühne gereicht. Und doch ist etwas anders: Wo sich bei anderen Pollesch-Arbeit ein mehr oder weniger klar definierbares Thema oder zumindest ein mitunter auch ausfransendes Spielfeld, auf dem der Diskurs stattfindet abgrenzen lässt, will sich ein solcher Rahmen hier nicht so recht greifen lassen, zieht Pollesch seine Themenangebote gleich wieder zurück, überschreibt sie mit anderen und bläst sie wie gegen Ende das herumliegende Herbstlaub durch den theatralen Schornstein. Die Frage, was bleibt, steht Am Ende dieses Abends im Mittelpunkt und will sich nicht beantworten lassen.

Lasst uns doch mal philosophieren! (Foto: Lenore Blievernicht)

Lasst uns doch mal philosophieren! (Foto: Lenore Blievernicht)

Dabei wird, wie immer bei Pollesch, viel geredet. Slavoj Žižek ist diesmal das Theoriezentrum des Abends, seine Diskurse über das Christentum als subversiver Bewegung, über den Ursprung der Psychoanalyse, Authentizitäts- und Identitätsdebatten werden mit großer Lust und vor allem von einer kaum zu bändigenden Sophie Rois referiert – und bleiben doch Papier. Die Theorie ist hier Spielmaterial, Starthilfe, um die Konversation aufrecht zu erhalten und doch kaum relevanter, als würde man die Ergebnisse des letzten Bundesliga-Spieltags besprechen. Auch wird eifrig zitiert: Die drei Damen in ihren wallenden weißen Kleidern und mit ihrem leeren Haus sind Wiedergängerinnen von Tschechows Drei Schwestern, dazu gibt es Szenenansätze aus Starsky & Hutch, Withnail & I und so manch anderem, die Musik stammt meist aus den 1970ern, vor allem von Elvis Costello. Da geht es um die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Liebe – ein immer zentraleres Thema bei Pollesch – oder um die Sinnhaftigkeit gesellschaftlichen  Engagements – sind Baseballschläger nicht effektiver als „Konzerte gegen rechts“? Oder fehlt vielleicht nur dieses eine Konzert, das den Durchbruch brächte? Und natürlich ums Theater: Was ist dieser Raum, der Platz bietet für all diese Diskurse, aber seltsam abgeschlossen ist gegenüber dem „sogenannten Draußen“ (auch die Kritik sollte hier zitieren dürfen, in diesem Fall bei Sibylle Berg), in dem er kaum wahrgenommen wird?

Natürlich geht es um die spätkapitalistische Gesellschaft, werden Wertedebatten geführt und ins absurde getrieben, wird der Streit um die Existenz Gottes zum Wrestling-Match, singt man zuletzt im batik-Kleidchen zur Gitarre Costellos „What’s so funny ‚bout peace, love and understanding?“ und hat die Frage doch längst beantwortet. Denn selbstverständlich pflügt Pollesch wieder lustvoll, ironisch und unerbittlich durch all die Sinngebungsversuche des heutigen Menschen, werden Geldbettelbriefe zu Gedichten, Religion zum geistigen Wellnessangebot, intellektuelle Onanie zur kritischen Gesellschaftsauseinandersetzung verklärt und fallen so wunderbare Sätze wie: „Wenigstens kann man von ihm sagen, er hätte jede Sekunde so gelebt, als wäre er das Letzte.“ Und doch ist das Haus leer: kein Wasser, kein Strom, kein Kühlschrank, kein Fernseher. Der ganze diskursive Bau ist nur mehr leere Fassade, hohle Phrasendrescherei. Vielleicht ist es längst zu spät für Gerede im geschützten Raum, ist es Zeit herauszugehen und einfach mal jemandem aufs Maul zu hauen, wie es Sophie Rois mit immer stärkerem Furor und zunehmen insistieren fordert, ja, herausbrüllt.

Und so ist House for Sale letztlich vor allem eines: Auseinandersetzung, Abrechnung vielleicht, mit dem System Pollesch, ein einziges Déja Vu, das einsetzt mit dem Song Cruel to Be Kind – man erinnert sich. So sollte der abgesagte Pollesch-Abend gegen Ende der letzten Spielzeit heißen – und sich in immer irrwitzigere Wiederholungsschleifen steigert, bis zur vollständigen Hysterie. All die schönen Debatten um Werte, Liebe, Authentizität oder Religion sind nur noch bloßer Folien, an denen man sich abarbeitet, um etwas zu tun zu haben. Weiß man nichts mit sich anzufangen, setzt man sich hin und philosophiert. Da bleibt auch dem leeren Haus nichts, als – im Wortsinn – zu fliehen. Doch was bleibt zurück? Eine Bankrotterklärung, ein finaler Offenbarungseid des Polleschschen Theaterexperiments? Oder eine Bestandsaufnahme, die den Ballast wie trockenes Laub wegbläst und den Platz frei macht für einen neuen Aufbruch, der dann womöglich weiterträgt als bis ins Foyer der Volksbühne? Man darf wohl auf die kommenden Pollesch-Abende gespannt sein. Und das ist ja dann auch zumindest eine Kleinigkeit mehr als gar nichts. Hofft der Kritiker zumindest inmitten des tosenden Schlussapplauses, der vielleicht deshalb so laut ist, damit man nicht allzu intensiv darüber nachdenkt, womit man sich gerade so toll unterhalten gefühlt hat.

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