Digital Natives am Rande des Nervenzusammenbruchs

Falk Richter / Total Brutal: Never Forever, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Es braucht gar keine Wände: Die Figuren, die hier zu Beginn in ihren von einem Stahlgerüst angedeuteten Räumen sitzen, sind ohnehin isoliert, voneinander getrennt, haben sich selbst eingesperrt in ihre Zellen, die sie vielleicht noch für Schutzräume halten. Wenn Regine Zimmermann, die eine Psychotherapeutin spielt, zu Beginn von ihrer Patientin erzählt, die sich wütend der Welt entgegenwirft mit der einzigen Waffe, die sie zu haben glaubt, aggressivem, bedingungslosen Sex, wenn sich besagte Patientin, dargestellt von einer Tänzerin der belgischen Compagnie Total Brutal, in immer stärker werdenden Wallungen, windet, wenn Zimmermann diese sie beschäftigende Geschichte, diese sie bewegende Frau jemandem nachts um zwei auf die Mailbox erzählt, ist eigentlich schon alles gesagt. Für Never Forever hat der Theatermacher Falk Richter wieder einmal mit einem Choreografen, in diesem Fall Nir de Volff, zusammengearbeitet, um die Traumata und Zwänge des urbanen Großstädters zu sezieren und zu analysieren. Wie schon in Trust und Protect Me, seinen Arbeiten mit Anouk van Dijk, geht es Richter um die Verfasstheit des Menschen in einem Umfeld, dem Überforderung immer schon eingeschrieben ist. Ging es früher auch und gerade um wirtschaftliche und finanzielle Zwänge, um das Hamsterrad des Neoliberalismus, blickt Richter diesmal auf jene, denen Internet und Smartphone all ihre Lebensenergie geben – und sie zugleich wieder aussaugen.

Kay Bartholomäus Schulze im Gespräch (Foto: Arno Declair)

Kay Bartholomäus Schulze im Gespräch (Foto: Arno Declair)

Denn so vernetzt, so sozial verknüpft, so ständig erreichbar sie sind, so einsam bleiben sie. Schlimmer noch: Die virtuelle Nähe hat die reale nicht nur längst abgelöst, sie macht sie auch zunehmend unmöglich. „Ich verschwinde, ich löse mich auf“, sind Sätze die wiederholt fallen, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Das Ich, das sich stets in besten Licht präsentieren, das jederzeit auf sein Image achten muss, ist so absolut geworden, dass es andere Ichs auf Distanz halten muss – und zugleich so virtuell, so fragil, dass es fürchtest, vom anderen verschluckt zu werden, wenn es ihm zu nahe kommt. Da bleibt nur das Handy, die Mailbox oder der leere Stuhl als Gesprächspartner, die sichere Distanz, die doch eigentlich Isolation ist. Richter und de Volff deklinieren diese auch selbstgewählte Vereinsamung, diese Zerstückelung der eigenen Existenz in vignettenartigen Szenen durch: Da ist die Therapeutin, die sich der eigenen Leere bewusst wird, der Professor (Kay Bartholomäus Schulze), der im Hörsaal statt vor Studenten vor Handys steht und bei dem die Liebeserklärung zur Trennungstirade wird, weil er Liebe nicht mehr imstande ist zuzulassen – was insofern in Ordnung ist, als der Stuhl seines Gegenübers längst leer ist. Da ist der von seiner Frau Verstoßene (Florian Bilbao), der nicht weiß, welcher Verlust schwerer wiegt: jener der Familie und der der von der Frau zerstörten Festplatte. Denn ist alles Leben, das man noch hat, nicht ohnehin schon dort versammelt?

Never Forever ist eine Abfolge von Monologen, deren Stringenz viel damit zu tun hat, dass sie nie allein steht: Da ist de Volffs illustrative und das Gesagte unterstreichende wie fortführende Choreografie der sich windenden, schmerzverzerrten, sich aneinander klammernden und miteinander ringenden und sich gleich wieder vereinzelnden Körper. Und da ist Malte Beckenbachs Musik: mal ein grundierender Soundteppich, dann wieder ein manisch anschwellendes elektronisches Pochen, ein Voraneilen, das längst nicht mehr vom einzelnen kontrollieren ist und so manches Mal in einen Rausch der verzweifelten Sehnsucht, die um ihr Scheitern weiß, gipfelt. Richtergelingt es, einen sog zu erzeugen, der auch dann nicht nachlässt, wenn er die Verzweiflung ins schmerzhaft Komische überdreht, etwa in Schulzes brillanter Stuhlszene, oder wenn er sich auf die Metaebene begibt: da fordert Zimmermann ein, endlich die romantische Liebesszene mit dem jüngeren Kollegen zu proben, der dann trotz der eilig für die romantische Stimmung herbeigeschafften Bäume doch nicht erscheint. Das Theater als Raum zum ausprobieren des Lebens, das sich draußen nicht mehr leben lässt – auch das funktioniert kaum noch.

Natürlich ist diese Gesellschaftsanalyse zugespitzt, durchaus plakativ und wenig nuanciert. Und doch trifft sie einen – wenn auch nicht den einzigen – Aspekt einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft, in der alles und jeder ein offenes Buch ist und Momente, in den man, wie es einmal heißt, „keinerlei Spuren im Internet hinterlässt“, in höchstem Maße suspekt sind. Mit Text, Musik und Choreografie schafft es Richter, die Mischung aus Gehetztheit und Isolation, die diese vermeintliche Offenheit hinterlässt, nicht nur zu beschreiben, sondern regelrecht greifbar, fast physisch spürbar zu machen. Und dann ist da Ilse Ritter, die aus der Zeit gefallene Schaubühnen-Heroin der Stein-Ära, die in geschliffener Diktion  dem Vergangenen und dem zukünftigen Stimme verleiht – dem gelebten leben wie dem bevorstehenden Tod. Wie ihrer Mutterfigur Alzheimer die Erinnerung raubt, verlieren diese auch alle anderen – eine Timeline, so sagt Schulze einmal, sei eben keine Autobiografie, sie erzähle keine Geschichte. Und plötzlich ist die 70-Jährige ein zartes, zurückgelassenes Gretchen, deren Ruh‘ hin, deren Herz schwer ist, die sich selbst „nimmer und nimmermehr“ finden wird. Faust ist längst abgereist, zurück bleibt das Individuum, das Nähe such und doch nicht zulassen kann, das die eigene Tochter nicht erkennt, wie andere nur noch mit dem leeren Raum sprechen können. Wie gesagt. Das ist weder übermäßig subtil noch originell und womöglich ein wenig zu einfach gedacht. Und doch ist diese Virtualisierung von Leben, diese Aufgabe, seine eigene Geschichte zu schreiben, der selbst auferlegte Gedächtnisverlust tagtäglich zu beobachten. Bei Falk Richter und Total Brutal fährt er dem Publikum in Mark und Bein. Ob das Spuren hinterlässt, steht auf einem anderen Blatt.

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